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Automatisierte Diskriminierung : Code-Entwürfe für netzbasierten Rassismus bei GitHub hinterlegt

  • -Aktualisiert am

Netzbasierte Diskriminierung betrifft alle, doch Kuwaiter seit 1. Juli ein bisschen mehr. Bild: AFP

Beim Filehosting-Dienst GitHub hinterlegte Entwürfe ermöglichen es, Webseiten für Menschen mit spezifisch gefiltertem Genom zu sperren. In der Praxis wäre das nicht das Ende der Netzneutralität, sondern eine Katastrophe.

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          Rassismus, Antisemitismus und Sexismus sind neben vielem anderen auch drei zur Widerwärtigkeit geronnene Varianten von Faulheit, multipliziert mit Dummheit: Man will große Gruppen von Menschen gar nicht erst kennenlernen müssen, bevor man sie verwirft, aussondert, einschließt, unterdrückt, ausbeutet. Am allerliebsten wäre denen, die so empfinden, wenn sie gar nicht mehr denken müssten – eine Variante dieser Ersparnis läuft auf totale Willkür hinaus („Wer Jude ist, bestimme ich“), eine andere auf Automatisierung („Wer mir passt, entscheidet für mich eine Sortiermaschine“).

          Der netzbasierte Filehosting-Dienst für Programmierprojekte GitHub beherbergt nun Code-Entwürfe, die künftig unter Rückgriff auf die Anwendungsprogramm-Schnittstelle des genetischen Profilerstellers 23andMe Leuten mit spezifisch vorgefiltertem Genom den Zugang zu Websites verweigern soll – eine virtuelle Türsperre wird so denk- und programmierbar, auf der dann in computerlesbarer Schrift zum Beispiel „Nur für Weiße“ stünde.

          Noch kann man sich entziehen

          Menschen, die ihr Vorstellungsvermögen gewohnheitsmäßig mit den schlimmsten Möglichkeiten füttern, weil sie Karl Kraus darin beipflichten, dass die größten Grausamkeiten da begangen wurden, wo man sie sich nicht vorstellen konnte, weisen unterm Eindruck der Nachricht von diesem Projekt auf die ohnehin bestehende und täglich enger werdende Verzahnung der Informationstechnik mit den Lebenswissenschaften hin und erinnern an die Schreckensprophetie des Schriftstellers John Shirley, der schon in den achtziger Jahren, lange vor Medikamenten, die auf individuelle genetische Patienten zurechtgeschneidert werden, die Herstellung selektiver biologischer Waffen voraussagte.

          Andere wiegeln ab: Was soll’s, bleiben in Zukunft eben ein paar Idioten im Internet unter sich, man will doch ohnehin nicht lesen oder ansehen, was sie mitzuteilen haben. Welche von beiden Perspektiven die realistischere ist, hängt nicht von technischen, sondern von gesellschaftlichen Fakten ab: Solange Aufschlüsselung von Herkunft und Beschaffenheit menschlicher Erbanlagen eine Frage der Freiwilligkeit ist, kann man sich auch dem Zugriff automatisierter Diskriminierung entziehen. Wenn derlei aber verlangt wird von Versicherungen, Arbeitgebern oder Staaten – Kuweit hat am 1.Juli dieses Jahres im Rahmen der Terrorbekämpfung flächendeckende DNA-Tests angekündigt –, was dann?

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          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

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