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CNN in Glaubwürdigkeitskrise : Der Pakt der Brüder Cuomo

  • -Aktualisiert am

Halten zusammen: Andrew Cuomo, der Gouverneur (links), und Chris Cuomo, der CNN-Moderator. Bild: AP

CNN-Moderator Chris Cuomo spielt gern den Moralapostel. Doch zuerst hofierte er seinen Bruder Andrew, Gouverneur von New York, in seiner Show. Dann beriet er ihn, wie er mit Vorwürfen sexueller Belästigung umgehen soll. Das wirft Fragen auf.

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          Der Nachrichtensender, der sich einst als „most trusted name in news“ rühmte, kann dieses Etikett wohl nicht länger für sich beanspruchen. Abermals muss sich CNN des Vorwurfs erwehren, gegen journalistische Standards verstoßen zu haben. Der Vertrauensverlust ist groß.

          Es geht um die enge Beziehung zwischen dem CNN-Moderator Chris Cuomo und seinem Bruder Andrew, Gouverneur des Bundesstaats New York, einst gefeiert in New Yorks Coronavirus-Katastrophe, inzwischen skandalumweht. Insgesamt zehn Frauen haben seit dem vergangenen Dezember Vorwürfe sexueller Übergriffe gegen Andrew Cuomo erhoben. Die „Washington Post“ hat berichtet, der Journalist Cuomo habe seinem Bruder, dem Politiker Cuomo, in offiziellen Beratungen zum Umgang mit den Anschuldigungen nahegelegt, Rücktrittsforderungen auszuschlagen – während er weiter eines der erfolgreichsten Nachrichtenmagazine bei CNN moderierte.

          Die ganze Geschichte reicht mehr als ein Jahr zurück, als Chris Cuomo – der sich in seiner Sendung „Cuomo Prime Time“ gern als Moralapostel stilisiert – seinen Bruder Andrew, Gouverneur des Bundesstaates New York, in seine Show einlud. Das schien zunächst gerechtfertigt: Chris Cuomo hatte sich Ende März 2020 mit dem Virus infiziert und fiebernd aus seiner Keller-Quarantäne gesendet. Andrew Cuomo stand nicht nur als Gouverneur eines Bundesstaates, der ein frühes Epizentrum der Pandemie war, sondern auch als für seine drastischen Schutzmaßnahmen viel gelobter Politiker und kampflustiger Trump-Gegner im Rampenlicht. Aber die lockere Flachserei der Brüder zur besten Sendezeit bei CNN, bei Andrew seine politischen Heldentaten hervorhob und Chris nicht mit Lob für seinen dreizehn Jahre älteren Bruder sparte, stieß schon übel auf. Mit dem Urteil „absolut unangebracht“ zitierte die Nachrichtenagentur AP einen Journalismus-Professor. Man müsse schon bewundern, mit welcher Selbstverständlichkeit die Brüder bei Cuomo ethische Grenzen überschritten, schrieb „Politico“. Die „Washington Post“ hielt fest, die Brüder Cuomo profitierten von ihrem Prominentenstatus.

          Bei CNN indes störte das nicht nur niemanden, der Sender verteidigte den Auftritt als wichtige Story inmitten der Pandemie und unterband Chris Cuomos Familiengeplauder erst, als seinem Bruder im Januar dieses Jahres vorgeworfen wurde, Statistiken über Covid-Tote in New Yorker Altenheimen geschönt zu haben. Da wurde Andrew Cuomo bereits vorgeworfen, eine ehemalige Mitarbeiterin sexuell bedrängt zu haben. In den folgenden Wochen meldeten sich weitere Frauen mit ähnlichen Anschuldigungen zu Wort, mehrere demokratische Parteigenossen von Cuomo forderten eine unabhängige Untersuchung. Andrew Cuomo entschuldigte sich dafür, dass seine „spielerisch gemeinten“, ungewollten Berührungen, Küsse und Bemerkungen Frauen womöglich in Bedrängnis gebracht hätten und – wischte Rücktrittsforderungen vom Tisch.

          Fortan tauchte er nicht mehr in „Cuomo Prime Time“ auf. Chris Cuomo bekannte, er müsse bei der Berichterstattung seines Senders über die Anschuldigungen gegen seinen Bruder selbstverständlich außen vor bleiben. Freilich war zu diesem Zeitpunkt das Kind schon in den Brunnen gefallen. Selbstverständlich berate er seinen Bruder, sagte Chris Cuomo jetzt in einer Stellungnahme in seiner Sendung, „das ist keine Enthüllung“. Familie stehe für ihn an erster Stelle, noch vor dem Job. Dann räumte er ein, es sei nicht immer einfach, die Rolle des Politiker-Bruders und die des Journalisten miteinander in Einklang zu bringen. Aber es gehe hier nicht um ein Privatgespräch zwischen den beiden, sondern um Strategie-Konferenzen mit Andrew Cuomos Mitarbeitern und anderen Beratern. „Als Gastgeber eines Nachrichtenmagazins einen unter Druck geratenen Politiker zu beraten, das geht gar nicht“, sagte dazu der Journalismus-Professor Nicholas Lehman von der Columbia Journalism School dem Medienmagazin Poynter.

          CNN hat in den vergangenen Jahren, offenbar unter dem Druck des Erfolgs von Fox News, journalistische Distanz und das Bemühen um wertfreie Berichterstattung aufgegegeben und setzt auf sogenannten „Emo-Journalismus“ mit sich demonstrativ betroffen gebenden Moderatoren wie Cuomo, Don Lemon und Anderson Cooper.

          Besonders bitter ist die Affäre angesichts der verbreiteten Klage über Fake News. Einer Umfrage des Gallup-Instituts zufolge haben sechzig Prozent aller Amerikaner wenig oder gar kein Vertrauen mehr in traditionelle Nachrichtenorganisationen. Fox News hat allen Grund, zu feixen. CNN kündigte unterdessen an, man wolle keine disziplinarischen Maßnahmen gegen Chris Cuomo ergreifen.

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