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Clemens Brentano im Film : Vom Hunger nach dem Heiligen

  • -Aktualisiert am

Gottinnigkeit und Ekstase: der Dichter Clemens Brentano (Misel Maticevic) in seinem Schreibzimmer in Dülmen Bild: © WDR/Thomas Kost

Clemens Brentano, den tiefgläubigen Dichter, macht der Regisseur Dominik Graf zum Filmhelden. Das klingt nach schwer verdaulicher Theorie oder quasireligiösem Schwulst. Doch Graf zeigt ein höchst unfrommes Stück über katholische Frömmigkeit, Ekstase und Schwärmerei.

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          Als der Dichter Clemens Brentano im Jahr 1818 Abschied nimmt von den Berliner Intellektuellenfreunden, um ins münsterländische Dülmen zu reisen, hofft er auf nichts weniger als Erlösung. Zwar hat er nach einer tiefen Glaubenskrise im Jahr zuvor die Generalbeichte abgelegt und lebt seither als Katholik unter preußischen Protestanten, Zweifel an seiner weltlichen Berufung aber sind geblieben. Die Schriftstellerexistenz erscheint ihm nun als das Verächtlichste unter der Sonne. In der „Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl“ spricht Brentano von der Scham, die den Beruf des Schriftstellers notwendig begleiten müsse. Diese Scham sei ein Gefühl, „welches jeden befällt, der mit freien und geistigen Gütern, mit unmittelbaren Geschenken des Himmels Handel treibt“. Dichten - das ist nichts als die verfehlte Übersetzung göttlich-ursprünglicher Sprache in erstarrte Formen.

          Sprachmystiker wie Böhme und Tauler haben ihn davon überzeugt, dass nur in den Exaltationen des Glaubens Zugang zur Unmittelbarkeit liege. In Dülmen lebt, verehrt von den Armen und Bauern, die ehemalige Augustinerin Anna Katharina Emmerick. Brentanos Plan ist es, die Visionen der stigmatisierten Hungerkünstlerin aufzuschreiben und so zur Sprache der schlichten Innerlichkeit zu finden. Das auf diese Weise entstandene Erbauungsbuch wird ein großer Publikumserfolg. Später wird Heinrich Heine von „katholischer Propaganda“ sprechen.

          Sprachphilosophie in eindrucksvollen Bildern

          Brentanos Lebensepisode ist ein Stoff, der sich ganz augenscheinlich eher für sprachphilosophisch ambitionierte Seminare eignet als fürs publikumswirksame Unterhaltungsfernsehen. Und sie ist ein Stoff, dessen vielfältige Ausgreifungen in Ideengeschichte, Mystik und Literaturhistorie sich einer Übertragung ins Bild eher zu sperren scheinen. Das Ergebnis, steht zu vermuten, kann entweder quasireligiös-erotisches Kostümtheater sein oder gut gemeintes, aber schlecht gemachtes Bildungsfernsehen der staubtrockenen Variante. Eben zum Abschalten.

          Der Dichter (Misel Maticevic) trägt die geschwächte Hungerkünstlerin Anna Katharina Emmerick (Tanja Schleiff) auf Armen
          Der Dichter (Misel Maticevic) trägt die geschwächte Hungerkünstlerin Anna Katharina Emmerick (Tanja Schleiff) auf Armen : Bild: © WDR/Thomas Kost

          Denkste. Glaubste. Und siehste: In Dominik Grafs Regie nach dem von ihm selbst und Markus Busch verfassten Drehbuch hat dieser Stoff, verfilmt nach dem Roman von Kai Meyer (1998), seine niederdrückende Theorielast und fast alle Sprödigkeit abgelegt. Sinnlich-eindrücklich wie ein Moritatenbilderbogen sind viele der Szenen, die in Dülmen spielen, manche auch zurückhaltend arrangiert wie Vanitas-Stillleben oder Gemälde von Vermeer; durch luzide Klarheit dagegen beeindrucken die Bilder und Szenen, die in Berlin im Kreis der ehemaligen, jetzt durch den Alltag und die allgemeine Rationalitätsgläubigkeit desillusionierten Romantiker spielen (Kamera: Michael Wiesweg).

          Die Wunder Gottes protokollieren

          „Das Gelübde“ ist die Geschichte zweier Schwärmer: einer Frau und eines Mannes, die den Grenzen der aufgeklärten Religion ebenso entfliehen wollen, wie sie sich zur Flucht in den Glauben verdammt sehen. Stigmatisiert, so zeigt dieser Film, sind sie beide. Tanja Schleiff und Misel Maticevic spielen diese Rollen, als ginge es um ihr Leben.

          „Unter Tausenden erkannt“ hätte sie ihn; er bietet sich als schlichter „Protokollant der Wunder Gottes“ an. Aus der Sicht der einen - Ärzte, Pfaffen, Wissenschaftler - ist sie ein medizinisches Rätsel. Für Brentano aber wird sie zum vermissten Bindeglied zwischen leiblicher und geistiger Existenz. Erst verkauft er seine wertvolle Bibliothek, die ihm zum Sinnbild intellektuellen Talmis geworden ist - wunderbar amüsant sind die tumultartigen Szenen der Berliner Versteigerung, wenn die Philister sich um die in Druckerschwärze verewigten Gedanken raufen -, dann stürzt er sich in die Aufgabe der Heiligenverehrung. Als eine preußische Kommission die Angebetete einer peinlichen Untersuchung unterziehen will, um sie als Schwindlerin zu entlarven, versucht Brentano, sein Wunder zu beschützen - und begegnet dem Leibhaftigen. Wobei ein Fläschchen Laudanum eine nicht unerhebliche Rolle spielt.

          Dominik Graf hat mit „Das Gelübde“ einen ganz und gar nicht frömmelnden, stellenweise sogar höchst unfrommen Film über katholische Frömmigkeit, Schwärmerei und Ekstase gedreht. Neben Tanja Schleiff und Misel Maticevic glänzen unter anderen Anke Sevenich als Anna Katharinas Schwester Gertrud und Maren Eggert als Bettina von Arnim, geborene Brentano.

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