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Dokudrama „Die Unsichtbaren“ : Mit blonden Haaren fiel sie nicht auf

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Entdeckung bedeutet den Tod: Alice Dwyer (rechts) und Naomi Kraus in einer Spielszene aus „Die Unsichtbaren“. Bild: NDR/Looks-Filmproduktion GmbH

Siebentausend Juden sind während der NS-Zeit in Berlin untergetaucht. Vier von ihnen porträtiert Claus Räfle in seinem Dokudrama „Die Unsichtbaren“.

          Die falsche Haarfarbe konnte über Leben und Tod entscheiden. Deswegen suchte sich Hanni Lévy einen Friseur, der aus ihr in mehreren langen Sitzungen eine Blondine machte. Anschließend war es ihr möglich, über den Kurfürstendamm zu flanieren, ohne angefeindet zu werden. Tatsächlich trat nun das genaue Gegenteil ein: Männer zeigten Interesse und wollten mit ihr ins Gespräch kommen. Nicht umsonst hat Paul Celan sein Gedicht „Todesfuge“, das vom Terror der Nationalsozialisten und dem Leid der Opfer handelt, mit diesen zwei metrisch harmonierenden, aber inhaltlich gegeneinander laufenden Versen beendet: „dein goldenes Haar Margarete / dein aschenes Haar Sulamith“.

          Hanni Lévy gehörte zu den rund siebentausend Juden, die während des Zweiten Weltkriegs in Berlin untertauchten und von denen tausendsiebenhundert überlebten. Spätestens von Februar 1943 an, als Joseph Goebbels den Plan fasste, die Stadt binnen kurzer Zeit „judenfrei“ zu machen, war keiner von ihnen mehr sicher. Wer der Deportation entgehen wollte, musste einfallsreich sein, Glück haben, ein Quantum Nonchalance oder Chuzpe an den Tag legen. Welche Formen diese spezielle Art des Überlebenskampfs annahm, zeigt Claus Räfle in seinem Dokudrama „Die Unsichtbaren“.

          Wer einen Menschen rettet, der rettet die ganze Welt

          Neben Hanni Lévy lernen wir darin drei weitere Juden kennen, die den Nazis auf unterschiedliche Weise entwischt sind. Eugen Friede kam bei Bekannten unter und verteilte Flugblätter, mit denen zum Widerstand aufgerufen wurde. Sein damaliger Optimismus und seine heutige Fassungslosigkeit müssen keinen Widerspruch darstellen. Im Interview bemerkt Friede: „Ich habe nie damit gerechnet, dass ich nicht rauskomme aus dieser ganzen Geschichte.“ Erschüttert sagt er aber auch: „Wenn irgendjemand auf der Welt einen gefragt hätte: Kannst du dir vorstellen, dass Deutsche millionenfach völlig unschuldige Menschen einfach umbringen, hätte doch jeder gesagt: Völlig absurde Idee, völliger Wahnsinn.“

          Der Grafiker Cioma Schönhaus verschaffte mit kunstfertig gefälschten Pässen nicht nur sich selbst, sondern auch vielen anderen Verfolgten eine neue Identität – die Rettung vor dem Konzentrationslager. Über die Widerstandskämpferin Helene Jacobs, die ihn versteckt hatte, sagt er: „Für mich gilt das Wort dieses Rabbis: ‚Wer einen Menschen gerettet hat, der hat die ganze Welt gerettet.‘ Und dieser eine Mensch, das ist die Helene Jacobs. Die steht für mich für alle Deutschen.“ Schönhaus sieht nicht zuerst das ganze Land, welches er gegen sich hatte, sondern die wenigen Menschen, die hilfsbereit waren.

          Generell geht es in Räfles Film vor allem um die Retter, weniger um die Verbrecher, um Mut und Vertrauen, nicht um Angst und Terror. Viele Stellungnahmen sind von einem Willen zur Versöhnung getragen, den man nur bewundern kann. Wie bei Ruth Gumpel, geborene Arndt, die sich fortwährend in unerträglichen Situationen befand, zum Beispiel wenn sie, als Kriegerwitwe getarnt, polternden und zigarrerauchenden Wehrmachtsoffizieren Feinkost vom Schwarzmarkt servierte, während alle anderen hungerten: „Keiner war satt. Jeder war immer etwas hungrig. Man konnte sich niemals satt essen.“

          Wie zeigt man dies in einer gefilmten Szene? Am besten so reduziert wie möglich. Die Interviews hätten voll und ganz gereicht, denn die Menschen, die hier von ihrem Schicksal berichten, sind charismatische Erzähler. Gleichwohl kommt, was im Fernsehen Usus ist: eine sich an den Erinnerungen der Überlebenden orientierende Spielhandlung. Max Mauff (Cioma Schönhaus), Alice Dwyer (Hanni Lévy), Aaron Altaras (Eugen Friede) und Ruby O. Fee (Ruth Gumpel) geben ihr Bestes, können aber nicht verhindern, dass die nachgestellten Passagen die konzentrierte Vergegenwärtigung der Zeitzeugen schwächen. Zudem werden die Geschichten nebeneinander, nicht miteinander erzählt, was dramaturgisch wenig überzeugt; hinzukommen historische Originalaufnahmen aus Berlin, die Häuserfassaden, Straßenszenen oder Sirenen zeigen. Aus all dem entsteht ein unruhiges Flickwerk. Fast möchte man Räfle, der von Haus aus Dokumentarfilmer ist, für das nächste Mal zurufen: Mehr Dokumentation wagen!

          Die Unsichtbaren läuft an diesem Mittwoch, 16. Januar, um 20.15 Uhr im Ersten.

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