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Ferdinand von Schirach : Wo es fremd wird, da ist er bei sich selbst

In Südfrankreich besucht Ferdinand von Schirach (l.) den Künstler Anselm Kiefer (r.). Bild: ZDF und Claudio Armbruster

Seine Unzugänglichkeit ist Suggestion, und hier fällt denn auch die Maske: Claudio Armbrusters Porträt des Schriftstellers Ferdinand von Schirach zeigt einen Mann, der das Bild von sich selbst kontrollieren will.

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          Was besagt es, wenn am Anfang dieses Autorenporträts über Ferdinand von Schirach davon die Rede ist: „Am besten lernt man ihn kennen, wenn er mit anderen spricht“? Claudio Armbruster, von dem der Satz stammt, hat daraus das Webprinzip seines fast einstündigen Films gemacht. Er hat den Erfolgsautor Ferdinand von Schirach mit anderen Leuten zusammengebracht: mit einem Freund, einer Bewunderin und einem Bewunderten. Der Freund ist der Hansdampf-Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre, die Bewunderin die Instagram-Berühmtheit Xenia Adonts, der Bewunderte der Gesamtkünstler Anselm Kiefer. Fremdartig sind diese Begegnungen alle drei. Auch befremdend.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Aber bevor darüber gesprochen wird, muss betont werden, dass sich Armbruster das eigene Fragen nicht verkniffen hat. Vielmehr besteht der größere Teil seines Schirach-Porträts aus eigenen Eindrücken, wenn auch sein Gegenüber bisweilen antwortet: „Das werde ich Ihnen nicht sagen“ oder „Nächste Frage“. Doch Ferdinand von Schirach ist zwar berühmt für die Abschottung seines Privatlebens, weiß aber auch viel zu genau um den Nutzen öffentlicher Inszenierung für einen Bestsellerautor, als dass er nicht auf Vorschläge des Regisseurs Armbruster einginge, die fernsehtypisch peinlich und somit ganz unschirachig sind: etwa den Schriftsteller sich auf eine Mauer in seiner früheren Klosterschule St. Blasien setzen lassen, als wäre er noch Kind. Oder ihn mit der Kamera durch Venedig begleiten, wo Schirach bei der Vorbeifahrt am Markusplatz sagt: „Ist es nicht ganz und gar grauenhaft? Diese Kulisse perfekt und dann all die Leute!“ Und das im Touristenmotorboot in Begleitung eines Fernsehteams! Die Gondel immerhin wurde vermieden.

          Schirach kokettiert mit seiner Unzugänglichkeit, wenn er in St. Blasien über sein dort entstandenes Erstlingsdrama spricht, das Armbruster jedoch nie zu Gesicht bekommen werde. Nur wenige Minuten später kann man aus dem Gespräch mit Xenia Adonts erfahren, dass auch sie davon weiß, sogar den Titel des Stücks kennt, dass Schirach also über das ihm angeblich peinliche Debüt schon häufig geplaudert haben muss. So häufig, dass es auch einer Leserin, die ihn noch nie zuvor getroffen hat, zu Ohren gekommen ist. Und erst wird Armbruster im Brustton ästhetischer Überzeugung über den grundlegenden Antrieb von Kunst, die Kindheit zurückzugewinnen, belehrt und am Ende dann noch einmal Anselm Kiefer. Da fällt die Fassade des verschlossenen Genies zusammen, denn auch wer immer nur dieselben Türen ins Innere öffnet, führt doch ein offenes Haus. Die unzugängliche Welt des Ferdinand von Schirach ist Suggestion. Er will nur ganz genau kontrollieren, was man dort sieht.

          Und das möge bitte nicht er selbst sein. Deshalb ist dieser Schriftsteller auch ein großer Schauspieler. Man höre nur, wie sich seine sonst eher blasierte Stimme bei einer gemeinsamen Lesung mit Stuckrad-Barre dessen Duktus anschmiegt. Gegenüber Xenia Adonts, mit der sich der angebliche Einzelgänger ausgerechnet im Berliner In-Lokal „Borchardt“ trifft, pflegt er dann einen altväterlichen Ton. „Das klingt traurig“, sagt er ihr, als sie ihm das Leben als Instagram-Star schildert, „das ist ein bisschen viel, was Sie machen. Das ist ein bisschen gefährlich.“

          „Die Würde des Menschen“ lautet der Untertitel des Filmporträts; natürlich ist damit der moralisch-juristische Aspekt von Schirachs Schreiben bezeichnet, nicht seine Person, obwohl man sich den meist so beherrschten Schirach kaum würdelos denken kann, jedenfalls nicht außerhalb Venedigs. Doch nur auf Besuch bei Anselm Kiefer wirkt Schirach ganz bei sich, weil er dort auf fremdem Terrain ist, nicht im hassgeliebten Venedig, nicht in Berlins Schickimicki-Szene. Armbruster ist mit ihm nach Barjac gefahren, auf Kiefers berühmtes Ateliergelände von mehr als fünfzig Hektar, was sogar dem unter feudalen Bedingungen aufgewachsenen Schirach das Bekenntnis entlockt, so viel sei es bei seiner Familie nicht gewesen.

          Der Schriftsteller bewundert den Künstler für dessen Maßlosigkeit. Und Kiefer lässt sich gern bewundern, das einvernehmliche Lächeln weicht keine Sekunde aus beiden Gesichtern. Nach diesem Porträtfilm können wir uns Ferdinand von Schirach auch als lachend vorstellen. Das mag ihm bei seinem Unnahbarkeits-Image gar nicht sehr gefallen, aber es gibt ihm tatsächlich das, was der Titel verkündet: die Würde des Menschen. So geht man versöhnt aus der Sendung. Schirach-Fans werden sie eh lieben.

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