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Von #Umweltsau zu #Omagate : Meine Oma hatte gar kein Motorrad

Der WDR-Kinderchor Bild: Screenshot Youtube

„We will not let you get away with this“: Zum Jahreswechsel zeigte sich, was man mit „sozialen“ Medien anrichten kann. Chronik einer Eskalation.

          4 Min.

          Am Silvesterabend fand sich auf dem Twitteraccount der „Aktuellen Stunde“ des WDR eine traurige Nachricht. Im Krefelder Zoo war das Affenhaus abgebrannt. Wie sich bald herausstellte, hatte fast keines der Tiere das Feuer überlebt. Die Reaktionen der Leser ließen nicht lange auf sich warten. Da wird Trauer bekundet, doch unverzüglich ein weites Feld eröffnet – gegen Silvesterböller, gegen Käfighaltung, gegen Zoos allgemein.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Auf Twitter braucht es nur wenige Minuten, dafür eine stets verfügbare, ansehnliche Portion Missgunst, um nicht zu sagen Hass, um ein Thema aus den Angeln zu heben. Damit hat der Westdeutsche Rundfunk, dessen Twitter- und Facebook-Auftritte in den letzten Tagen des vergangenen Jahres glühten, in eigener Sache eine lehrbuchmäßige Erfahrung gemacht. Unter dem Hashtag „#Umweltsau“, aus dem inzwischen „#Omagate“ wurde, entspann sich zwischen Weihnachten und Neujahr ein irrwitziger Streit über die Umdichtung des Kinderlieds „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ zu „Meine Oma ist ’ne alte Umweltsau“, zu dem sich schließlich fast jeder zu Wort melden musste und an dessen Ende es nur Verlierer gibt.

          Tausend Liter Super im Monat verbrauche die Oma mit ihrem Motorrad im Hühnerstall, sang der Dortmunder Kinderchor des WDR. Sie fahre mit dem SUV beim Arzt vor, überrolle dabei zwei Opis mit Rollator, brate sich jeden Tag ein Kotelett vom Discounter, weil das so gut wie nix koste, und mache zehnmal im Jahr eine Kreuzfahrt. „We will not let you get away with this“, lautete der abschließende Satz, eingespielt in der Tonspur mit der Stimme von Greta Thunberg, die jungen Mädchen im Bild der anderthalbminütigen Aufnahme sprachen den Text lippensynchron mit.

          Tom Buhrows Vater ist keine Klimasau

          So weit, so bemüht die Satire, mochte man denken und sich fragen, ob es klug ist, Kindern eine solche Botschaft in den Mund zu legen, sie einfach so im Radio laufen und im Internet stehen zu lassen. Schließlich drückt die Satire fest auf die Generationen-Taste, deren sich Greta Thunberg und die Fridays-for-Future-Bewegung so gern bedienen. Das ist verständlich, weil es sich schließlich um eine Jugendrevolte handeln soll, die sich an den Alten abarbeiten muss. Andererseits untergräbt diese Zuspitzung die Klimadebatte, deren Argumentationsfronten nur bedingt etwas mit Alter oder Geschlecht zu tun haben. Da gibt es, um das Mindeste zu sagen, jugendliche Vielflieger und Ältere, die noch nie geflogen sind, weil sie es sich nicht leisten können und das Kotelett beim Discounter kaufen müssen, weil es dort billiger zu haben ist als im Feinkostsalon, in dem arrivierte Fernsehunterhalter shoppen gehen.

          Im Nu fühlten sich hier viele selbst und ihre eigene Oma angesprochen. Der WDR-Intendant Tom Buhrow führte seinen 92 Jahre alten Vater ins Feld, den er gerade im Krankenhaus besuchte, als er in der Sondersendung von WDR 2 anrief, in welcher sich der Sender der Kritik an dem Satirelied stellte und begründete, warum man das Video gelöscht und sich distanziert hatte. Ein „Fehler“ sei es gewesen, ein Missgriff, unerträglich sei vor allem der Verdacht, man habe Kinder „instrumentalisiert“. Das schließlich habe den Ausschlag gegeben, die Aufnahme aus dem Netz zu nehmen, wo man sie sich anderorts selbstverständlich weiterhin ansehen kann. Und sein Vater, sagte Tom Buhrow, dessen Anruf wie Teil zwei einer Gesamtsendersatire wirkte, sei gewiss keine Umweltsau.

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