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Christoph M. Ohrt : Mann im Umbruch

„Ich bin ein großer Zweifler“, sagt er und wippt in seinem Stuhl auf und ab. „Ich bin gerade in einer Umbruchphase.“ Das habe auch etwas mit dem Alter zu tun, aber erst jetzt, nach dreißig Jahren vor der Kamera, habe er das Gefühl, ein richtiger Schauspieler zu sein. „Plötzlich verstehe ich manches von dem, was mein Lehrer mir beigebracht hat, und kann es umsetzen.“ Als junger Schauspieler habe er lange nicht einsehen wollen, dass es talentiertere gibt als ihn. „Es hat sehr wehgetan, meine Grenzen zu erkennen. Doch nun habe ich nicht mehr so viel Angst, in meinem Job zu versagen.“

Die Schauspielerkarriere des Sohnes eines Hamburger Schifffahrtskaufmanns begann mit sechzehn Jahren. Zu seiner Konfirmation gründete Ohrt eine Laienschauspielertruppe und ergatterte eine kleine Nebenrolle an der Staatsoper Hamburg. Ohrt nahm Schauspielunterricht, drei Jahre später dann folgte der erste Film: Von Regisseurin Ilse Hofmann wurde er in „Die Welt in jenem Sommer“ für die Rolle des Hitlerjungen bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin engagiert. Später machte Hofmann Ohrt zum Assistenten der ersten Tatort-Kommissarin Hanne Wiegand.

Drei Jahre in New York

Doch zunächst zog es ihn nach dem Abitur weg aus Hamburg, das er als bieder empfand: Ohrt ging nach New York. Aus dem halben Jahr, das er am Actor's Studio von Lee Strasberg verbringen wollte, wurden drei. Allerdings hat Ohrt den berühmten Schauspiellehrer - in Europa war Strasberg damals nur wenigen bekannt - nie getroffen: Der junge Mann aus dem behüteten Hamburg-Pöseldorf verirrte sich in den Straßenschluchten von New York und lief ganz einfach an der Schule vorbei. In einem Café lernte er stattdessen einen Schauspielschüler vom „Center for the Acting Progress“ kennen und schrieb sich kurzerhand auch dort ein.

In Hell's Kitchen in Manhattan, wo Ohrt sich ein Zimmer nahm, brodelte das wilde Leben. Es war die Zeit von „Studio Fifty Four“, vor Aids und Ronald Reagan. Begeistert taucht Ohrt in der Glitzerwelt der Metropole ab. Rückblickend, sagt er, war er damals sehr naiv. Der junge Schauspieler musste seine Verwundbarkeit erst erkennen. „Ich habe in einem Hotel mit tausend Zimmern gewohnt, in dem nur Drogendealer und Kleinkriminelle lebten. Das wusste ich aber nicht. Als ich anfing zu verstehen, sagte ich mir: ,Super Milieustudie!' Doch irgendwann fiel diese Naivität von mir ab. Ich begriff, dass das kein Kinofilm ist, sondern bitterer Ernst.“

„Es gibt Netzwerke“

Jahrelang pendelte Ohrt mit seiner amerikanischen Frau zwischen Deutschland und Los Angeles, wo er in verschiedenen Produktionen mitspielte. In der deutschen Filmindustrie Fuß zu fassen war kein leichter Schritt. Um an eine Rolle zu kommen, sei er anfangs oft in die Berliner Paris-Bar gegangen, wo die deutsche Filmszene sich gerne trifft. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass das überhaupt nichts bringt“, sagt Ohrt und lacht. Die Rollen als Hauptkommissar Christoph Schwenk in dem Kinofilm „Echte Kerle“ und als Edel-Macho Fred in „Nur über meine Leiche“ brachten schließlich den Durchbruch. „Es gibt Netzwerke“, erklärt Orth. „Wenn man einmal mit einem Produzenten oder Regisseur zusammengearbeitet hat, wird man oft wieder von ihnen engagiert. Die deutsche Filmindustrie ist klein, jeder hat so seine Spezies. Damit will ich nicht sagen, dass es eine große Cliquenwirtschaft ist, aber manchmal wundere auch ich mich, wie die Rollenvergabe funktioniert.“

Christoph Ohrt würde gerne einmal ein Drama spielen oder einen Mann, der sich verletzlich zeigt. Vor wenigen Wochen wurde eine Idee zu einer Rolle abgelehnt, die er gerne entwickelt hätte. Es handelt sich um eine historische Figur, doch mehr verrät der sichtlich enttäuschte Schauspieler nicht. Er versucht ein Lachen. „Meine Wertigkeiten haben sich verschoben, das beruhigt und freut mich. Dadurch entsteht Raum für neue Entwicklungen, die ich vorher nicht von mir erwartet habe. Es fühlt sich gut an, das zu sagen.“ Wenn er solche Sätze spricht, ist Orth noch sympathischer, als er es im Fernsehen ohnehin schon ist.

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