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Christiansens Rückzug : Abgeschaltet

Wie der sonntägliche Kirchgang: Politiker auf der Christiansen-Bühne (hier mit Angela Merkel)
          3 Min.

          Sie läßt sich abschalten. Knopfdruck genügt. Wir hatten vergessen, daß auch die Fernsehsendung „Sabine Christiansen“ den Gesetzen der Physik unterworfen und der Macht der Fernbedienung ausgeliefert ist. Alle Schwätzer schweigen still, wenn dein kleiner Finger es will: Seit es das Privatfernsehen gibt und seit das öffentliche Fernsehen vom privaten nicht mehr zu unterscheiden ist, predigen die Realos im linken Mediendiskurs dieses positive Denken.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Wenn durch „Sabine Christiansen“ ein sogenannter Neoliberalismus die Hegemonie in der politisch-ökonomischen Debatte kampflos errungen hat, so wurde diese herrschende Meinung vorgebildet durch einen großkoalitionären Konsens über das Medium. Es ist nicht denkbar, daß der Medienkonsument für dumm verkauft wird; seine Autonomie ist immer unterstellt. Diesem marktradikalen Axiom hat die linke Medienkritik nichts entgegenzusetzen. What you see is what you want!

          Ein politischer Willensakt

          Was bedeutet die gängige Rede von der Mediendemokratie? In den kontinuierlich erhobenen Einschaltquoten artikuliert sich der Souverän unverfälscht, während die sporadisch ermittelten Wahlergebnisse natürlich, wie die Medien verkünden, immer schon von den Medien manipuliert sind. So konnte man sich nicht mehr vorstellen, daß man eine Sendung, deren Zuspruch mit etwa vier Millionen Zuschauern stabil ist und bestenfalls ähnlichen Schwankungen unterliegt wie der Kirchgang, absetzen kann.

          Was wird aus Deutschland ohne „Christiansen”?
          Was wird aus Deutschland ohne „Christiansen”? : Bild: picture-alliance/ dpa

          Für diesen politischen Willensakt bedurfte es der Phantasie. Die Intendanten der ARD hatten diese Phantasie, als sie den Beschluß faßten, „Sabine Christiansen“ spätestens am 1. Oktober 2007 durch eine von Günther Jauch moderierte Gesprächsrunde zu ersetzen (siehe auch: Christiansens Bühne schließt - Vorhang auf für Jauch). Politik, und wenn es nur Programmpolitik ist, verlangt den Mut, sich von den Zahlen, in denen die Zustimmung des Publikums gemessen wird, unabhängig zu machen.

          Ist das aber nicht eine These, die typischerweise auch bei Sabine Christiansen diskutiert worden ist? Nach jeder Landtagswahl wurde eine Runde zur Frage zusammengetrommelt, ob die Demoskopen noch eins und eins zusammenzählen können. Und die Sonntag für Sonntag eingestreuten Volksbefragungsschnipsel gaben der Gastgeberin häufig genug Anlaß zu der besorgten Nachfrage, ob die Politik nicht Gefahr laufe, sich das Gesetz des Handelns von den Umfragewerten diktieren zu lassen. Der geborene Adressat dieser Frage war Frau Christiansens Hausfreund, der Gast, der nie fehlen durfte: Professor Jürgen W. Falter von der Universität Mainz.

          In der Diskursfabrik der Firma Christiansen

          Die bizarre Zweitkarriere dieses bedeutenden Gelehrten, eines Pioniers der historischen Wahlforschung, der das Standardwerk über Hitlers Wähler verfaßt hat, versinnbildlicht die Verformung der Substanz des Politischen in der Diskursfabrik der Firma Christiansen. Alle politischen Sachverhalte können auf das mutmaßliche Urteil des Publikums hin untersucht werden, das sich statistisch aufschlüsseln läßt.

          Der Experte für kaum wahrnehmbare Erdbeben in der öffentliche Meinung avancierte bei „Sabine Christiansen“ zum Gutachter über alles und jedes, der den Politikern schließlich nur noch diejenigen Wirkungen ihres Handelns weissagen konnte, vor denen sie sich ohnehin schon fürchteten. Durch permanente Rückkopplung selbst der Versuchsballonproduktion von Programmkommissionen an das demoskopische Barometer ist es so weit gekommen, daß bei kleinstmütigen Reformschritten mit der Auslösung endzeitlicher Angstlawinen gerechnet wird.

          Jede Ausgabe von „Sabine Christiansen“ hatte dasselbe Thema: Ist Deutschland noch zu retten? Wie kann Herr Poß der Kanzlerin vorwerfen, daß sie das Land einen Sanierungsfall nennt, wenn er doch Stammgast bei Frau Christiansen war und durch die Annahme der Einladung der apokalyptischen Rhetorik seinen Segen gegeben hatte? Denn das war das Neue in der Geschichte der Krisendiskurse der Bundesrepublik: das Verschmelzen von politischer und medialer Sphäre.

          „Was wird aus Deutschland ohne 'Sabine Christiansen'?“

          Es waren die Politiker selbst, die als Hauptakteure der Christiansen-Bühne die Gemeinplätze von den unaufschiebbaren Reformen herunterleierten und durch ihre Rückkehr am nächsten Sonntag unter Beweis stellten, daß schon wieder nichts geschehen war. Indem Frau Christiansen von vornherein jeden Gesprächsfaden zerschnitt, ließ sie den Gedanken gar nicht erst zu, daß es auch Probleme geben könnte, die bei geduldiger Beratung zu erledigen wären.

          Man hat die Formel von der alten Bundesrepublik noch im Ohr und könnte doch mit viel besserem Recht schon von der alten Berliner Republik sprechen. Die französische Monarchie ist zum Alten Regime geworden, weil sie der Legitimitätsfrage nicht gewachsen war. Bei „Sabine Christiansen“ wurde jede Institution mit dem Fragezeichen der Illegitimität versehen. Können wir uns die Rente, die Kirche, die Ehe noch leisten? Nur die Ewigkeit des Gerichtshofs, der diese Ermittlungen anstellte, wurde bei alledem stillschweigend vorausgesetzt. Vielleicht hat auch der an jede Sendung anschließende Chat, in dem Nichtpolitiker das Falter-Orakel konsultieren konnten, die Einbildung genährt, diese Berliner Runde tage immerwährend wie einst der Reichstag zu Regensburg.

          Man kann nicht ausschließen, daß die nächste Ausgabe von „Sabine Christiansen“ die Frage behandeln wird: „Was wird aus Deutschland ohne ,Sabine Christiansen'?“ Oder auch: „Was wird aus ,Sabine Christiansen' ohne Sabine Christiansen?“ Aber der Bann ist gebrochen. Es wird Schluß sein. Wir hätten gedacht, vor diesem Tag müßten wir erst die Verabschiedung der Föderalismusreform, die Einigung über die Gesundheitsreform und die Rücknahme der Rechtschreibreform erleben. Aber der Blick ins Grundgesetz lehrt: Für das Abschalten von „Sabine Christiansen“ ist die Zustimmung des Bundesrates nicht erforderlich.

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