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Christian Ulmens Serie „Jerks“ : Menschen und Menschen passen nicht zusammen

Form und Stil, darauf legen sie wert, aber wie! Fahri Yardim und Christian Ulmen. Bild: Maxdome/Pro Sieben

Schmerz, lass nach: Die Serie „Jerks“ von und mit Christian Ulmen setzt auf den groben Klotz und den groben Keil. Ob sich das deutsche Fernsehen von dieser Comedy erholt?

          Warum so viele Fernsehschaffende ihre Branche abgrundtief zu hassen scheinen, das wäre mal ein hübsches Betätigungsfeld für Psychologen. Wenn sich Fernsehfilme oder Serien mit dem Fernsehen befassen, dann blickt der Zuschauer oft in einen Abgrund aus Eitelkeit, Größenwahn und Zynismus. „Jerks“, eine neue Serie von und mit Christian Ulmen, fügt dem noch ein paar besonders fiese Facetten hinzu: Hier verhandelt ein schmierig-skrupelloser Privatfernsehredakteur mit zwei buckelnden Kreativen über eine Serie um zwei cracksüchtige Unionspolitiker, die allen Ernstes den Titel „ReichsCrystalNacht“ tragen soll. Klar, dass der Mann hellauf begeistert ist.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Eine finale Abrechnung mit dem Business, in dem er seit zwanzig Jahren unterwegs ist, wäre Ulmen - oberflächlich betrachtet - gewiss zuzutrauen; schon früh hat sich der vom MTV-Moderator zum Kinostar und Thüringer „Tatort“-Kommissar Aufgestiegene Spielwiesen gesucht, wo ihm kein Repräsentant der alten Fernseh-Ordnung dazwischenfunkt, beispielsweise seine Plattform „Ulmen.tv“. Und auch die neue Serie „Jerks“ kommt auf ungewöhnlichem Wege zum Publikum, nämlich als erste deutsche Eigenproduktion des Video-on-Demand-Anbieters Maxdome; von heute an können die Abonnenten die ersten beiden Folgen der Serie abrufen. Mit dem System bricht Ulmen trotzdem nicht, denn Maxdome gehört zu Pro Sieben, und dort wird die Serie vom 21. Februar an zu sehen sein. Außerdem erkennt, wer sich „Jerks“ anschaut, darin nicht nur eine Abrechnung Ulmens mit dem Fernsehen, sondern auch eine mit der gesamten Gesellschaft, mit unserer Idee von Familie und Freundschaft - und nicht zuletzt mit sich selbst.

          Stets passend gekleidet: Nora Tschirner und Christian Ulmen.

          Die Übersetzung lautet „Idioten“ oder „Trottel“

          „Jerks“ ließe sich übersetzen mit „Idioten“ oder „Trottel“, und der Verzicht auf einen für alle Zuschauer schlüssigen deutschen Titel ist das Einzige, wofür man der Serie so etwas wie Diskretion bescheinigen darf. Ansonsten bleibt nichts unausgesprochen bei „Jerks“, das Ulmens Ko-Star Fahri Yardim als „riesige Gruppentherapie“ bezeichnet hat. Bevorzugte Methode dabei: die Konfrontation. In zehn Episoden begeben sich Ulmen und Yardim dorthin, wo es am ärgsten weh tut, und jeder muss für sich entscheiden, ob er ihnen folgen will: Darf eine Comedy in einer Selbsthilfegruppe für Eltern spielen, die ihr ungeborenes Kind verloren haben? Oder in der Wohnung eines Mannes, der die ins Wachkoma gefallene Partnerin pflegt? Es geht um Masturbationsgruppen, um Nebenhodenentzündungen und ein Katzenklo, das nicht nur die Katze froh macht. „Jerks“ ist nichts für zarte Gemüter und empfindliche Mägen.

          Die Protagonisten spielen sich selbst - beziehungsweise ihre bösartigen Karikaturen. Der Schauspieler Christian ist ein sozialer Grobmotoriker, den seine gutwillige Freundin Emily allein aus liebeshormonellen Gründen für hochsensibel halten kann, Kollege Fahri ist sein Kumpel, dessen Moralvorstellungen so biegsam sind wie sein Rückgrat. Beide suchen im Leben stets den Weg des geringsten Widerstands, der freilich flankiert ist von Fettnäpfen in Freibadgröße, in die sie mit beherzten Bauchklatschern hineinstürzen. Man lacht und man schämt sich für sie, weit mehr noch vermutlich als sie selbst. Gerade Christian stapft unbeirrt ins nächste Unglück, statt wenigstens ein paar Mal den Kopf gegen die Wand zu knallen.

          Die Pose des unbeholfenen Phlegmatikers hat Ulmen perfektioniert, er präsentiert mindestens fünfzig Schattierungen der Ausdruckslosigkeit. Eine dänische Serie namens „Klovn“ war Vorbild, sicher auch Larry Davids „Curb Your Enthusiasm“ sowie dessen in Deutschland bekanntere Variante „Pastewka“. Wo der Serien-Pastewka in seiner Drei-Fragezeichen-Kassetten-Welt im Präpubertären verharrte, stecken die „Jerks“ Ulmen und Yardim seit Jahrzehnten in der Pubertät - notorisch gemächtgesteuert. Für ihre Darsteller sind die „Jerks“ Traumrollen, und es spricht unbedingt für die Serie, dass die Frauen ihnen nicht Stichwortgeberinnen, sondern würdige Mit- und Gegenspielerinnen sind: Collien Ulmen-Fernandes, Ulmens Ehefrau im wahren Leben, als dessen Ex-Frau (noch so eine Idee, die Therapeuten verzücken würde), Pheline Roggan als Fahris Freundin und Emily Cox. Vor allem Cox erweist sich als echte Entdeckung fürs komische Metier, ihr gelingt die am großartigsten verunglückte unfreiwillige Gesangsdarbietung seit Sandra Hüllers anrührender Whitney-Houston-Grabschändung in „Toni Erdmann“.

          Dem seligen Loriot zufolge passen Männer und Frauen einfach nicht zusammen. „Jerks“ fügt hinzu: Männer und Männer und Frauen und Frauen auch nicht. Kinder tauchen hier ohnehin meist nur auf, wo man sie am wenigsten haben möchte: im überfüllten Umkleideraum nach dem Schwimmkurs oder auf dem Bahnhofs-Männerklo, wenn zugleich offene Popcorn-Tüten und Luftballons balanciert werden müssen. Von solchen Momenten schweigt jedes Ratgeberbuch.

          Überholspur sieht anders aus: Die „Jerks“, sinnierend.

          Das Gros der Dialoge bei „Jerks“ ist improvisiert, die Darsteller fallen einander ins Wort und reden auch mal durcheinander. Die Serie lässt das noch echter wirken, noch beklemmender. In praktisch jeder Folge kommt der Moment, in dem jemand völlig entnervt aufgefordert wird, zu gehen, und zwar sofort. Doch was nutzt das schon: Auf Dauer können Menschen einander nicht ausweichen. Wo Loriot vor vierzig Jahren haarfeine Risse in den Fassaden der bürgerlichen Gesellschaft entblößte, erschüttert „Jerks“ mit wilder Entschlossenheit die Grundfesten der Zivilisation. Besonders die zehnte, vorerst letzte Episode droht mit einer echten Zumutung zu enden - bevor noch zwei fürchterlich-phantastische Pointen folgen. Wer bis dahin durchgehalten hat, darf sich zwar noch nicht als geheilt betrachten, aber als bestens unterhalten. Diese Therapie möge unbedingt verlängert werden.

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