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Chiwetel Ejiofors Regie-Debüt : Der Regenmacher

Wasser für die Felder: William (Maxwell Simba) auf seinem selbstgebauten Windrad Bild: Netflix

Mit seinem Regiedebüt setzt Chiwetel Ejiofor auf Netflix ein Zeichen der Hoffnung: „Der Junge, der den Wind einfing“ erzählt die wahre Geschichte eines Teenagers, der die Dürre in Malawi besiegte.

          Wo liegt Malawi? Irgendwo in Afrika, außerhalb unseres Sichtfelds. Als eines der ärmsten Länder der Welt taucht der kleine Staat zwischen Moçambique, Tansania und Sambia hin und wieder in den bunten Blättern auf, weil Madonna Kinder von dort adoptiert hat. Sonst schaut die Welt nur hin, wenn eine Hungersnot wie zu Anfang des Jahrtausends Tausende Todesopfer fordert. In jener verheerenden Zeit spielt der Film, mit dem der britische Schauspieler Chiwetel Ejiofor, der mit seiner Hauptrolle in „12 Years a Slave“ für einen Oscar nominiert war, als Regisseur und Drehbuchautor debütiert.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Der Junge, der den Wind einfing“ feierte auf dem Sundance Filmfestival Premiere, war in Amerika in einer Handvoll Kinos und in Deutschland auf der Berlinale zu sehen; nun läuft der knapp zweistündige Spielfilm im Programm von Netflix. Er erzählt die wahre Geschichte von William Kamkwamba, einem Jungen mit rudimentärer Schulbildung, der als Vierzehnjähriger seine Familie und sein ganzes Dorf rettete, indem er aus Elektroschrott, aus Holz und Rinde, einem Dynamo und dem Fahrrad seines Vaters ein Windrad baute, das Strom erzeugte. Mit diesem konnte eine Pumpe angetrieben werden, die auf dem Höhepunkt der Dürre Felder mit Wasser aus der Tiefe versorgte. Der Einfallsreichtum eines – fast noch – Kindes hatte eine Oase in der Wüste geschaffen.

          Die Nachricht von der Heldentat verbreitete sich erst in malawischen Zeitungen, dann im Internet. William Kamkwamba, dessen Eltern kein Schulgeld hatten aufbringen können, erhielt eine Stipendium von der Regierung und ging zum Studieren nach Südafrika und in die Vereinigten Staaten. Er war in der „Daily Show“ zu Gast und hielt einen „Ted“-Talk, schrieb mit dem Journalisten Bryan Mealer das Buch, das Ejiofor als Grundlage für seinen Film diente, und wurde von Ben Nabors in dessen preisgekrönter Dokumentation „William and the Windmill“ porträtiert.

          Demokratie ist hier wie eine importierte Frucht

          Ejiofor kann also nichts Neues oder Unbekanntes entdecken –, aber der schon emblematisch gewordenen Geschichte mit den Mitteln des Spielfilms ein emotionales Gewicht verleihen, das ein Dokumentarfilm kaum zu erreichen vermag. Als Schauspieler tritt Ejiofor, der Williams Vater verkörpert, demütig in die zweite Reihe, um den beiden Hauptdarstellern die Bühne zu überlassen: dem jungen Kenianer Maxwell Simba in seiner ersten Filmrolle und der malawischen Landschaft.

          In Panoramen von bedrückender Schönheit breitet Ejiofor, der selbst nigerianische Wurzeln hat, Ansichten der Natur aus, von der die Menschen leben – und keine Gnade zu erwarten haben. Ob im vertrockneten Maisfeld, dessen Pflanzreihen das Sichtfeld zustellen, ob auf einer Erhebung, vor der sich eine von Sonne und Hitze gemarterte Ebene ausbreitet, oder angesichts eines vom Regen in ein Schlammfeld verwandelten Ackers: Immer wieder setzt der Kameramann Dick Pope den von seinem Hund begleiteten Jungen als Fluchtpunkt ins Bild der übermächtigen Umgebung. Wie phantastisch Pope mit Licht, Wasser, Luft und Erde arbeiten kann, hat er schon in „Mr. Turner – Meister des Lichts“ bewiesen, nun tut er es an Originalschauplätzen von Williams Geschichte wieder.

          In aller Ruhe entfaltet Ejiofor vor diesem Hintergrund die menschlichen Tragödien, die Naturgewalten zu Katastrophen werden lassen. „Der Junge, der den Wind einfing“, beginnt und endet mit dem von archaischen Tänzern beklagten Tod zweier Männer, die wie alte Bäume die Erde festhielten. Als der erste stirbt, fällt der Wald, um Platz für Tabakpflanzungen zu schaffen – obwohl Überschwemmungen wie im Nachbarland drohen und alles getan werden müsste, um den Boden vor Erosionen zu schützen.

          Der zweite Mann stirbt, weil er sich gegen Bakili Muluzi gestellt hatte, den ersten frei gewählten Präsidenten Malawis, tatsächlich einen Despoten, der die Maisvorräte des Landes auf Anraten des Internationalen Währungsfonds verkauft hatte. Demokratie, sagt Williams Vater, ist in Afrika wie eine importierte Frucht: Sie verrottet schnell.

          Das Zurück auf den Acker bedeutet den Tod

          Mit Aussaat, Wachstum, Hunger, Wind sind die vier Kapitel des Films überschrieben. Der Film verfolgt immer dicht an seinem Protagonisten wie William – Maxwell Simbas Ausstrahlung wird nur von der Aissa Maigas, der senegalesisch-französischen Schauspielerin, die seine Mutter spielt, übertroffen –, dem Elend durch den mit archaischen Mitteln betriebenen Ackerbau zu entfliehen sucht. Er ist ein Bastler, der Elektrogeräte von Nachbarn repariert – wie Transistorradios, die Wetterberichte und Musik ins Dorf tragen. Der Gang zur Schule könnte ein Schritt zur Befreiung sein, fräßen die ausbleibenden Ernten nicht alles Geld auf, das die Eltern haben. William schleicht sich der Suspension zum Trotz weiter in die Schulbibliothek und entdeckt ein Buch: „Using Energy“. Während draußen der nackte Kampf ums Überlebene ausbricht, begreift er, dass er aus nichts alles machen kann: Wasser aus Wind.

          Notorisch unterschätzt und für unreif erklärt steht William für Afrika selbst. Im Zentrum des Dramas aber steht der Konflikt zwischen dem Vater, der nur Spielerei in den Elektroarbeiten des Sohnes erkennen will, und dem Jungen, der seinen Horizont durch das bisschen Bildung, das er erhaschen konnte, schon weit genug ausgedehnt hat, um zu erkennen: Das Zurück auf den Acker, die respektvolle Wiederholung dessen, was immer schon war, bedeutet den Tod. Und so ist „Der Junge, der den Wind einfing“ mehr als ein herzwärmendes Biopic. Ejiofor ergründet auf feinfühlige Weise, worin das Elend wurzelt. Und setzt seine Hoffnung auf die Jungen, die es als Anführer von morgen besser machen können als die Alten.

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