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Chinas Blogger : Das Millionenheer

  • -Aktualisiert am

115 Millionen Chinesen nutzen das Netz Bild: AP

Seit eine Journalistin im Netz über ihr Sexleben berichtete, ist in China das Blogger-Fieber ausgebrochen. Sechzehn Millionen Blogger gibt es dort heute - subversiv ist ihr Treiben nicht.

          4 Min.

          Wenn konservative Think-tanks wie das amerikanische „Freedom House“ Medienfreiheit definieren, kann es, besonders nach dem 11. September 2001, zu keiner ernsthaften Kritik an der Internetzensur im eigenen Land kommen. So bestimmt auch eine entsprechend politisch-selektive Wahrnehmung jede Beschäftigung mit dem Thema „Internet in China“.

          Die meisten Medien folgen dieser Agenda. Dementsprechend titelte das amerikanische Nachrichtenmagazin „Newsweek“ am 27. Februar: „Eine Nation von Bloggern - Die Weitergabe von Texten zerstört den Status quo von China“, und die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“ folgte dieser Linie mit ihrem Dossier vom 18. Mai und erhob die chinesischen Blogger in den Rang von „neuen Kulturrevolutionären“. Und als ob es Anfang der neunziger Jahre keine Interneteuphorie mit ihrem Gefasel über grenzenlose Freiheit und den darauffolgenden Crash und das Dotcom-Sterben von 2002 gegeben hätte, sprechen leicht windige Zeitgeistkritiker wie der Niederländer Geert Lovink gegenwärtig davon, daß „die Blogosphäre den Medienmainstream unterminiere“. Doch all das hat mit der Realität in China nicht viel zu tun.

          Schlaue Menschen

          Fang Xing Dong startete dort vor vier Jahren den ersten Blog-Server und nannte ihn Bokee. „Bokee“ ist die chinesische Entsprechung von Blog und heißt „schlauer Mensch“. Ein ganzes Jahr lang verblieb das Bloggen in der Hand von Enthusiasten, mehr oder weniger außerhalb der Öffentlichkeit. Das änderte sich schlagartig im Juni 2003, als sich die fünfundzwanzigjährige chinesische Journalistin Lee Li unter dem Pseudonym „Muzimei“ mit einem eigenen Blog meldete (siehe auch: Liebesbriefe im Internet: Eine Autorin erregt China). Muzimei führte darin Tagebuch über ihr Sexleben mit verschiedenen Partnern und nannte regelmäßig die Namen ihrer Liebhaber. Ihre unverblümten und drastischen Zitate machten sie berühmt: „Wenn ich gehe, ziehen mich meine großen und schweren Brüste nach vorne. Und wer von mir interviewt werden will, muß zuerst mit mir ins Bett. Je länger Du es mit mir im Bett bringst, desto länger gewähre ich Dir ein Interview.“ Das Medienecho auf Muzimeis Blogs war enorm: Mehr als tausend Zeitungen und Zeitschriften berichteten darüber. In China brach ein Blogger-Fieber aus.

          Nach einem Bericht der QingHua-Universität gibt es in China zur Zeit 658 Blog-Server, sechzehn Millionen Blogger und rund 37 Millionen Blogs. Fast jeder zehnte Blogger arbeitet täglich an seinen Einträgen, 29 Prozent tun es ein- bis dreimal und 35 Prozent vier- bis sechsmal pro Woche. Zwischen 2004 und 2005 entwickelte sich Bloggen zu einem Massenphänomen. Ähnlich dem Chatten, das ja in Gruppen stattfindet und das in China beliebter ist als der Versand von E-Mails, spiegelt auch das Bloggen eine Kommunikationskultur wider, in der das soziale Moment von Sprechen und Zuhören wichtiger ist als das individualistische Moment von Selbstbestätigung und Widererkennen.

          Wer „in“ ist, entscheidet das Blog

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