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China und die Auslandspresse : Wenn auch Schwein-Haben nicht mehr hilft

Schwein gehabt: „Zhu Jianqiang“ überlebte nach einem Erdbeben in der Provinz Sichuan, im Jahr 2008, 36 Tage unter Trümmern. Darüber sollte der AFP-Journalist Ben Dooley aber nicht berichten. Bild: AFP

Wo selbst Berichte über ein heldenhaftes Tier die Behörden auf den Plan rufen: China setzt ausländische Journalisten unter Druck. Einschüchterung und Drohgebärden nehmen zu.

          Selbst ein Schwein kann in China so politisch sein, dass die Polizei jegliche Berichterstattung darüber verbietet. Dies erfuhr der AFP-Journalist Ben Dooley, als er zum zehnten Jahrestag des Erdbebens von Sichuan über „Zhu Jianqiang“ schreiben wollte, jenes Schwein, das zum Helden der Nation wurde, weil es 36 Tage inmitten der Trümmer überlebte. Als Symbol für chinesischen Durchhaltewillen wird das Tier bis heute in einem Museum gehalten. Eine positive Geschichte also, die China sympathisch macht, könnte man meinen. Doch die Polizei sah das anders. Der Reporter wurde von drei Sicherheitskräften nicht nur gezwungen, das Museum zu verlassen, sondern gleich die ganze Stadt.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Die Episode ist eine von vielen im Bericht des Clubs der Auslandskorrespondenten in China (FCCC) über die dortigen Arbeitsbedingungen. Das Ergebnis: 55 Prozent der 109 Befragten sind der Meinung, die Lage habe sich im vergangenen Jahr weiter verschlechtert. So habe die Einschüchterung von Interviewpartnern und chinesischen Mitarbeitern zugenommen. Das gehe so weit, dass man sich ernsthaft um ihre Sicherheit sorge, sagt Tom Mitchell von der „Financial Times“. In den achtzehn Jahren seiner Tätigkeit in China sei die Situation noch nie so schlimm gewesen. Die Drohgebärden führen dazu, dass es immer schwieriger wird, Menschen für Interviews zu finden, und sei es auch nur zu harmlosen Themen wie Skifahren.

          91 Prozent äußerten Sorgen über ein mögliches Abhören

          Was ihre Überwachung angeht, geben sich die Korrespondenten in China keiner Illusion hin. 91 Prozent der Befragten äußerten Sorgen über ein mögliches Abhören ihrer Telefongespräche und 66 Prozent über Abhörmaßnahmen in ihren Wohnungen oder Büros. In einzelnen Fällen war von Zugriffen auf E-Mails die Rede. Erstmals seit drei Jahren sei zudem einer Journalistin die Verlängerung ihres Visums verweigert worden, sie musste das Land verlassen.

          Die meisten Einschränkungen gab es bei Recherchen in Xinjiang, wo laut Schätzungen bis zu eine Million Muslime in Umerziehungslagern interniert ist. Spätestens nach der Ankunft im Hotel wird jeder Journalist dort bis zum Verlassen der Region dauerüberwacht. Das geschieht mit elektronischen Mitteln und durch ständige Begleiter. Mehrere Journalisten berichteten, sie seien gezwungen worden, Bildmaterial zu löschen. Auch Recherchen an der Grenze zu Nordkorea werden behindert. Die FCCC-Vorsitzende Hanna Sahlberg sieht die Gefahr, dass selbst westliche Medien manche Themen in China künftig mieden, weil sie als zu riskant gälten.

          Der Bericht erwähnt auch Verbesserungen: So wurden 2018 offenbar weniger Korrespondenten zum sogenannten „Teetrinken“ bei der Polizei einbestellt – das der Einschüchterung dient. Wie in jedem Jahr reagierte das Außenministerium in Peking empört auf die Veröffentlichung. China sei bereit, „normale Berichterstattung“ zu unterstützen. „Substanzlose Vorwürfe sind nicht konstruktiv“, sagte der Sprecher Geng Shuang. Auf die Frage, ob das Außenministerium körperliche Angriffe auf Journalisten verurteile, sagte der Sprecher, die Betroffenen sollten sich an das Ministerium wenden, „statt solche Berichte zu veröffentlichen“.

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