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China : Solche Interviews haben einfach keine guten Folgen

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Gelähmt haben sie ihn, mundtot gemacht noch nicht: Fu Xiancai Bild: dpa

In einem ARD-Interview hat Fu Xiancai den Drei-Schluchten-Staudamm kritisiert. Er wurde zusammengeschlagen und ist seitdem gelähmt. Kein Einzelfall: Die Gewalt gegen Kritiker mit Kontakt zu westlichen Medien nimmt in China zu.

          Selbst gelähmt ist Fu Xiancai noch unbeugsam. „Ich werde sie verklagen und gegen die korrupten Funktionäre kämpfen, solange ich lebe“, sagt der Kritiker des Drei-Schluchten-Dammes auf dem Krankenbett. Seine Angreifer und die Polizei wollten ihn zum Schweigen bringen. Es ist ihnen nicht gelungen. Zwar kann Fu Xiancai seine Arme nicht mehr bewegen, auch seine Beine nicht, weil sie ihm einen Halswirbel brachen, doch: „Ich kann den Mund bewegen und reden.“ Sein Sohn hält ihm das Telefon ans Ohr. Er fühlt keinen Schmerz, hat großen Lebenswillen. „Ich werde weiterleben.“

          Daß der hinterhältige Schlag ins Genick mit einer Eisenstange oder einem schweren Knüppel mit einem Interview in einem ARD-Bericht zu tun hat, ist für ihn klar. Er kennt die Praktiken in China nur zu gut. „Vielleicht war es ein Mitglied der Unterwelt, das von der Polizei geschickt wurde“, sagt Fu Xiancai. Kurz zuvor hatte ihn ein hoher Polizeibeamter gewarnt, solche oppositionellen Interviews hätten „keine guten Folgen“. Als er gerade zehn Minuten auf dem Rückweg von der Polizeistation nach Hause war, erfüllte sich die Drohung.

          Auf einmal schaut die Polizei zur Seite

          Fu Xiancai ist kein Einzelfall. Die unheilige Allianz zwischen Parteifunktionären, Staatssicherheit und der „schwarzen Gesellschaft“ (Heishehui), wie Chinas Mafia genannt wird, hat zu einer neuen Welle der Gewalt geführt. Immer häufiger werden chinesische Bürgerrechtler oder Journalisten zum Ziel solch brutaler Attacken. Die Drecksarbeit erledigen immer Schlägerbanden. Die Polizei zieht sich dann auffällig zurück. Dissidenten werden zusammengeschlagen oder beinahe von Autos überrollt. Arbeiter, die monatelang vergeblich auf ihren Lohn warten und protestieren, werden mit Eisenstangen verprügelt.

          Welche Ausmaße die Gesetzlosigkeit erreichen kann, zeigte das Dorf Dingzhou in der Provinz Hebei. Mehr als 200 mit Jagdgewehren, Knüppeln und angespitzen Rohren bewaffnete Schläger gingen gewaltsam gegen aufgebrachte Dorfbewohner vor, die gegen unzureichende Entschädigung für ihr Land protestierten. Der örtliche Parteichef He Feng hatte sie angeheuert. Sechs Bauern wurden getötet. In diesem Fall konnten höhere Stellen nicht länger wegschauen. Der korrupte Parteichef wurde im Februar zu lebenslanger Haft verurteilt.

          Er sei schließlich gewarnt worden

          Im selben Monat wurde der 41 Jahre alte chinesische Journalist Wu Xianghu in Taizhou von örtlichen Polizisten zu Tode geprügelt. Er hatte örtliche Korruption in Artikeln aufgedeckt. Ebenfalls im Februar wurde in Kanton der demokratische Aktivist Yang Maodong niedergeschlagen. Ein ähnliches Schicksal ereilte den Bürgerrechtler und früheren Abgeordnete Yao Lifa, der heute Bauern über ihre Rechte aufklärt. Fünf Schläger kamen, als er einen Bauern nahe Qianjiang in der Provinz Hubei besuchte, und verprügelten ihn. Der Vizeparteichef belehrte ihn anschließend, er sei doch gewarnt worden, „sich nicht unter die Bauern zu mischen“.

          Daß chinesische Informanten und Mitarbeiter ausländischer Medien mit Haft rechnen müssen, ist leider auch immer noch Praxis, wie der am Freitag bevorstehende Prozeß gegen den Assistenten der „New York Times“, Zhao Yan, beweist. Was bedeutet das alles, wenn 2008 bei den Olympischen Spielen „die Welt zu Gast bei Freunden“ in China ist?, fragen sich Vertreter der ausländischen Medien.

          Der Intendant des in der ARD bei Olympischen Spielen federführenden NDR, Jobst Plog, stellte düster fest, daß ein chinesischer Bürger schwerstens verletzt worden ist, weil er sich in einem ARD-Programm sachlich zu Wort gemeldet hat, „verheißt nichts Gutes“. Doch Fu Xiancai läßt sich auch von der Attacke nicht einschüchtern: „Wenn ich geheilt bin, werde ich weiterhin Kontakte zu ausländischen Medien halten.“

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