https://www.faz.net/-gqz-7w1ad

Dean Baquet im Gespräch : Die Aufgabe der „New York Times“ wird immer größer

  • Aktualisiert am

New York ist immer eine Reise wert: Dean Baquet ist optimistisch, was seine Zukunft und die seiner Zeitung angeht. Bild: Doug Mills/ NYT

Chefredakteur der „New York Times“ - ist das in Zeiten des Internets ein Traumjob oder ein Albtraum? Und wieso wurde die Vorgängerin geschasst? Der Amtsinhaber gibt Auskunft.

          6 Min.

          Mr. Baquet, Sie sind im Mai zum Chefredakteur der „New York Times“ ernannt worden. Ist dieser Job in Zeiten der Zeitungskrise nicht ein Joch?

          Nein, es macht mir im Gegenteil viel Spaß. Meistenteils spreche ich mit hervorragenden Journalisten über große Geschichten. Ich habe gerade heute Morgen ein großes Lob an meine Mannschaft für eine Reihe investigativer Reportagen geschickt. Wenn Sie mich nach dem schwierigsten Teil meines Jobs fragen - der ist, kontinuierlich eine traditionelle Zeitung zu produzieren und zugleich die digitale Ausgabe auszubauen, unter höchsten Ansprüchen.

          Es heißt allenthalben, die Zeitungen hätten die digitale Revolution schlicht verschlafen, als sie ihre Inhalte im Netz frei verfügbar machten. Warum hatte man im Nachrichtengeschäft keine Vorstellung von dem, was kommt?

          Wir haben in der gesamten Zeitungslandschaft die digitale Zukunft zu spät verstanden, und wir haben ohne Frage zu spät reagiert. Warum? Zum einen verdienten Zeitungsverlage damals so viel Geld, dass eine Krise höchstens in ferner Zukunft vorzustellen war. Zum anderen ist man in der Redaktion mit der aktuellen Berichterstattung beschäftigt - da ist es schwierig, über die Zukunft nachzudenken. Ich wünschte, ich hätte mich viel früher mit der digitalen Zukunft auseinandergesetzt. Es war ein Fehler, das nicht zu tun.

          Sie sind der erste schwarze Chefredakteur der „New York Times“. Spielt Ihre Hautfarbe eine Rolle in Ihrer Wahrnehmung des Jobs?

          Natürlich. Ich möchte sicherstellen, dass die „New York Times“ niemanden aus dem Blickfeld verliert, dass die Zeitung ihre Autorität dazu nutzt, mächtigen Interessen gegenüberzutreten. Das hat sowohl mit meiner Hautfarbe als auch damit zu tun, dass ich in bescheidenen Verhältnissen und ohne einfachen Zugang zu vielen Dingen aufgewachsen bin.

          Ihr Amtsantritt war vom Rausschmiss Ihrer Vorgängerin Jill Abramson überschattet. Haben Ihnen die Spekulationen über Abramsons Umgang mit der Redaktion und Anschuldigungen der Frauenfeindlichkeit gegen die Zeitung den Aufstieg versauert?

          Nein, den Aufstieg zum Chefredakteur der „New York Times“ versauert einem so schnell nichts. Ich bin Jill zugetan, und ich bin überzeugt, dass ihr Abgang nichts damit zu tun hatte, dass sie eine Frau ist.

          Die Nachrichtenlandschaft der Vereinigten Staaten ist von dem Boulevardportal TMZ, von einem konservativen Fernseheinpeitscher wie Bill O’Reilly und dem Satiriker Jon Stewart, von Skandal, Aufwiegelung und Ironie geprägt.

          Ich bewege mich nicht in dieser Arena. Die Leute kommen zur „New York Times“, weil sie hier gut geschriebene Reportagen, hervorragende Videoinhalte, großen Journalismus finden. Man sucht bei uns nicht das Neueste über Justin Bieber. Und Bill O’Reilly ist für mich ein Provokateur, kein Journalist. Wir können auf diesen Gebieten nicht konkurrieren. Aber wenn es große, wichtige Geschichte zu berichten gibt, wie Ebola, steigen unsere Leserzahlen dramatisch. Wenn die Leute eine wichtige Nachricht verstehen wollen, wenden sie sich an die, die hart daran arbeiten, wahrhaftig und umfassend zu berichten.

          Sehen Sie sich gehalten, die Berichterstattung der „New York Times“ zu verändern?

          Zeitungen waren immer gehalten, ansprechende Geschichten zu erzählen. Ich war bei der Beerdigung von Ben Bradlee, dem langjährigen Chefredakteur der „Washington Post“ - ein Mann, der mehr als alle anderen diesen Anspruch hatte.

          „All the News That’s Fit to Print“ ist das Leitwort Ihrer Zeitung. Sie bauen Ihre digitale Präsenz massiv aus. Verabschieden Sie sich von dem Motto, wenn das Papier verschwindet?

          Die Leute unken seit langem über den Untergang der gedruckten Zeitung. Aber wir haben eine robuste Auflage, und die Zeitung ist der profitabelste Teil unseres Geschäfts. Wir unterscheiden uns von den meisten anderen amerikanischen Zeitungen, weil wir mit zwei Dollar fünfzig mehr für ein Exemplar verlangen als andere und damit tatsächlich Geld verdienen. Die technische Entwicklung mag vordergründig dafür sprechen, dass Print schrumpft, aber Technologie bewegt sich ja nicht nur in eine Richtung. Wer weiß, ob die gedruckte Ausgabe eines Tages nicht anders aussieht, sich anders anfühlt. Mein Ziel als Chefredakteur ist, dafür zu sorgen, dass wir die besten Geschichten produzieren - ob als Video, als Foto-Essays oder im geschriebenen Wort.

          Das Problem der Zeitungen ist doch aber, dass Anzeigen zurückgehen und das Publikum ins Internet abwandert.

          Natürlich brauchen wir die Werbe-Dollar, und Sie haben natürlich recht, dass das Zeitungsgeschäft unter Druck steht. Aber wir haben zwei Einkommensquellen, die die meisten anderen amerikanischen Zeitungen nicht haben: Wir berechnen unseren Lesern den Zugang zu unserer digitalen Ausgabe, und wir verkaufen unsere Zeitung ziemlich teuer. Bei der „Los Angeles Times“ dagegen, wo ich lange gearbeitet habe, hing man überwiegend von Werbegeldern ab.

          Sie verloren Ihren Job als Chefredakteur der „L.A. Times“ 2006, nachdem Sie sich gegen Massenentlassungen in der Redaktion gestemmt hatten - damals sprachen Sie von der „Demontage einer großen Zeitung“. Anfang Oktober kündigte die „New York Times“ an, hundert Redakteure zu entlassen.

          Meine Einstellung ist dieselbe geblieben. Ich traute den damaligen Verlegern der „L.A. Times“ nicht. Ich hatte den Eindruck, dass der Tribune Company nicht klar war, welchen strategischen Schaden sie der Zeitung zufügte. Den Verlegern der „New York Times“ vertraue ich, schon allein deswegen, weil sich die Größe der Redaktion in der vergangenen Dekade nur unwesentlich verändert hat. Das unterstreicht für mich, wozu sich diese Zeitung berufen fühlt. Ich bin mit den Leuten hier konform, und das war bei der „L.A. Times“ nicht der Fall.

          Die Redaktionsstärke von gut 1300 Mitarbeitern blieb, weil Journalisten entlassen und Techniker wie Web-Designer und Videoproduzenten eingestellt wurden. In Deutschland hat soeben eine große Frauenzeitschrift ihr schreibendes Personal entlassen - ist Derartiges für die „New York Times“ auch denkbar?

          Nein. Eine Tageszeitung allein mit freien Mitarbeitern zu produzieren ist nahezu unmöglich. Und die Auslandskorrespondenten, die in Krisengebieten ihr Leben riskieren, müssen Redaktionsmitglieder sein. Ihre Motivation muss die Mission der „New York Times“ sein, nicht der Bedarf zusätzlichen Einkommens.

          Die traditionellen Nachrichten scheinen angesichts der Selfie-Kultur an Bedeutung zu verlieren. Wie wollen Sie die jüngere Generation gewinnen?

          Heutzutage lesen mehr Menschen die besten Zeitungen der Welt als je zuvor. Zu Hochzeiten des Printgeschäfts hatte die „New York Times“ vielleicht eine Million Leser, heute haben wir viele Millionen. Die Probleme der Zeitungen sind wirtschaftlicher Natur, nicht, dass wir nicht gelesen werden. Ich stelle auch in Frage, dass die jüngere Generation egozentrischer ist, als meine es war. Nachrichten scheinen den Leuten mit zunehmendem Alter wichtiger zu werden, weil sie stärker in die Welt involviert sind. Allerdings wird die nächste Generation Nachrichten auf anderen Geräten konsumieren. Also muss ich ihnen die News in vielfältigeren Formen anbieten - was nicht bedeutet, dass sie weniger gehaltvoll sind. Wir präsentieren sie den Leuten bloß auf eine andere Art, als wir das traditionell taten. Die Aufgabe, über aktuelle Entwicklungen zu berichten, hat sich im digitalen Zeitalter eher vergrößert - wir müssen nicht mehr nur täglich berichten, sondern stündlich. Dasselbe gilt für investigativen Journalismus, den wir sehr verstärkt haben, weil mir daran mehr liegt als meinen Vorgängern. Auch die Erläuterung von Hintergründen wird eher noch mehr Raum einnehmen als bisher.

          Wie wollen Sie den Ausbau der Berichterstattung mit einer verkleinerten Redaktion bewerkstelligen?

          Ja, das wird schwierig. Wir haben kürzlich angekündigt, die Auto-Beilage in der Sonntagsausgabe einzustellen. Wir werden weiter über die Autoindustrie berichten, aber die Beilage ist nicht zentraler Bestandteil meiner Aufgabe. Ich muss meine Dollar zusammenhalten, um über Ebola berichten zu können.

          Was sagt Ihr Geschäftsführer Mark Thompson dazu, dass Sie sich damit auch Anzeigenkunden sparen?

          Das Gute am Verhältnis zwischen mir und Mark ist, dass wir über diese Dinge sprechen. Zum einen war die Auto-Beilage kein Renner bei den Anzeigenkunden. Zum anderen ist Mark genauso stolz wie ich darauf, dass die Leute wegen Stücken wie unserer Ebola-Berichterstattung zu uns kommen.

          Mark Thompson gilt als Fan des „native advertising“, von in den redaktionellen Teil eingebetteten Anzeigen. Das führte zu Reibungen mit Jill Abramson, einer dezidierten Verteidigerin der vielzitierten Mauer zwischen Redaktion und Geschäftsführung bei der „New York Times“.

          „Native advertising“ hatte nichts mit Jills Abgang zu tun. Sie hatte Vorbehalte dagegen, aber sogar sie würde wohl zustimmen, dass die Geschäftsführung das in einer Weise eingeführt hat, die deutlich zwischen redaktionellem Teil und Werbung unterscheidet. Ich glaube auch, dass die Leser souverän genug sind, das zu erkennen. Unsere Nachrichtenberichterstattung und Recherche wird immer unabhängig vom Geschäftsbereich bleiben, das gehört zu den Gründungsprinzipien dieser Zeitung. Aber im digitalen Zeitalter teilen wir uns zunehmend Ressourcen.

          Besorgt es Sie, dass der Amazon-Gründer Jeff Bezos jetzt Eigentümer der „Washington Post“ ist?

          Ich bin zum Teil besorgt, zum Teil erleichtert, dass diese große Institution eine bessere Überlebenschance hat. Und die „Post“ ist übrigens besser geworden, seit Bezos sie gekauft hat. Am stärksten besorgt mich, dass immer weniger große Institutionen auf bedeutsame Weise über die Geschehnisse in der Welt berichten. Aber wir werden eine dieser Institutionen sein.

          Was gibt Ihnen Zuversicht für den Zeitungsjournalismus?

          Ich finde es ungeheuer spannend, dass heute Geschichten allgemein zugänglich sind, die früher nicht erzählt werden konnten - Geschichten über Ungerechtigkeiten und Ausbeutung an entfernten und abgeschotteten Orten. Dass niemand wusste, was in Haiti wirklich geschah, als „Baby Doc“ Duvalier an der Macht war, ist heute undenkbar. Wir haben Zugang zu China, zu Iran. Dass wir über schlechte Zustände Bescheid wissen, dass wir immer mehr verstehen, wie die Welt funktioniert, ist eine der besten Folgen der digitalen Revolution. Es liegt an Menschen wie mir, dem Rechnung zu tragen und zu verstehen, welch große Chance sich da bietet.

          Dean Baquet, Jahrgang 1956, wuchs in New Orleans, Louisiana, auf. Sein Studium in New York brach er ab, um als Journalist zu arbeiten. 1988 wurde er für einen Artikel über Korruption in der Stadtverwaltung von Chicago mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Seit 2007 arbeitet Baquet bei der „New York Times“, seit Mai 2014 als ihr Chefredakteur. F.A.Z.

          Weitere Themen

          Siebzig? Das neue Fünfzig!

          Catherine Deneuve im Gespräch : Siebzig? Das neue Fünfzig!

          Sie ist der größte Star des europäischen Kinos. Jetzt spielt sie in „La Vérité – Leben und lügen lassen“ eine Art Über-Diva. Catherine Deneuve im Gespräch über Starrollen und Rauchen im Alter, Metoo und Brigitte Bardot.

          Whitney Houston-Hologramm auf Tour Video-Seite öffnen

          Durch Europa unterwegs : Whitney Houston-Hologramm auf Tour

          Einen Abend mit Whitney Houston konnten Fans der verstorbenen Sängerin im britischen Sheffield erleben. Die Legende stand als Hologramm zum Auftakt einer Europatour dank moderner Technik noch ein mal auf der Bühne.

          Topmeldungen

          Wuhan und die Bilder des neuen Alltags: Medizinische Mitarbeiter mit Atemmasken und Schutzanzügen.

          Virenalarm: Schock und Risiko : Die Seuche in unseren Köpfen

          Der Coronakrisenstab übernimmt: Sind die Reaktionen auf die Ausbreitung der neuen Viren übertrieben oder angemessen? Die Angst vor der Panik ist mittlerweile so groß wie die Angst vor dem Erreger selbst.

          Angriffe auf Sanders : Bernie, die rote Gefahr?

          Was viele Demokraten über den Spitzenreiter Bernie Sanders sagen, geht über die übliche Kritik in einem Vorwahlkampf hinaus. Ist er ein Kommunist? Will er das Gesundheitswesen in Planwirtschaft ersticken? Ja, ist er überhaupt ein Demokrat?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.