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Dean Baquet im Gespräch : Die Aufgabe der „New York Times“ wird immer größer

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New York ist immer eine Reise wert: Dean Baquet ist optimistisch, was seine Zukunft und die seiner Zeitung angeht. Bild: Doug Mills/ NYT

Chefredakteur der „New York Times“ - ist das in Zeiten des Internets ein Traumjob oder ein Albtraum? Und wieso wurde die Vorgängerin geschasst? Der Amtsinhaber gibt Auskunft.

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          Mr. Baquet, Sie sind im Mai zum Chefredakteur der „New York Times“ ernannt worden. Ist dieser Job in Zeiten der Zeitungskrise nicht ein Joch?

          Nein, es macht mir im Gegenteil viel Spaß. Meistenteils spreche ich mit hervorragenden Journalisten über große Geschichten. Ich habe gerade heute Morgen ein großes Lob an meine Mannschaft für eine Reihe investigativer Reportagen geschickt. Wenn Sie mich nach dem schwierigsten Teil meines Jobs fragen - der ist, kontinuierlich eine traditionelle Zeitung zu produzieren und zugleich die digitale Ausgabe auszubauen, unter höchsten Ansprüchen.

          Es heißt allenthalben, die Zeitungen hätten die digitale Revolution schlicht verschlafen, als sie ihre Inhalte im Netz frei verfügbar machten. Warum hatte man im Nachrichtengeschäft keine Vorstellung von dem, was kommt?

          Wir haben in der gesamten Zeitungslandschaft die digitale Zukunft zu spät verstanden, und wir haben ohne Frage zu spät reagiert. Warum? Zum einen verdienten Zeitungsverlage damals so viel Geld, dass eine Krise höchstens in ferner Zukunft vorzustellen war. Zum anderen ist man in der Redaktion mit der aktuellen Berichterstattung beschäftigt - da ist es schwierig, über die Zukunft nachzudenken. Ich wünschte, ich hätte mich viel früher mit der digitalen Zukunft auseinandergesetzt. Es war ein Fehler, das nicht zu tun.

          Sie sind der erste schwarze Chefredakteur der „New York Times“. Spielt Ihre Hautfarbe eine Rolle in Ihrer Wahrnehmung des Jobs?

          Natürlich. Ich möchte sicherstellen, dass die „New York Times“ niemanden aus dem Blickfeld verliert, dass die Zeitung ihre Autorität dazu nutzt, mächtigen Interessen gegenüberzutreten. Das hat sowohl mit meiner Hautfarbe als auch damit zu tun, dass ich in bescheidenen Verhältnissen und ohne einfachen Zugang zu vielen Dingen aufgewachsen bin.

          Ihr Amtsantritt war vom Rausschmiss Ihrer Vorgängerin Jill Abramson überschattet. Haben Ihnen die Spekulationen über Abramsons Umgang mit der Redaktion und Anschuldigungen der Frauenfeindlichkeit gegen die Zeitung den Aufstieg versauert?

          Nein, den Aufstieg zum Chefredakteur der „New York Times“ versauert einem so schnell nichts. Ich bin Jill zugetan, und ich bin überzeugt, dass ihr Abgang nichts damit zu tun hatte, dass sie eine Frau ist.

          Die Nachrichtenlandschaft der Vereinigten Staaten ist von dem Boulevardportal TMZ, von einem konservativen Fernseheinpeitscher wie Bill O’Reilly und dem Satiriker Jon Stewart, von Skandal, Aufwiegelung und Ironie geprägt.

          Ich bewege mich nicht in dieser Arena. Die Leute kommen zur „New York Times“, weil sie hier gut geschriebene Reportagen, hervorragende Videoinhalte, großen Journalismus finden. Man sucht bei uns nicht das Neueste über Justin Bieber. Und Bill O’Reilly ist für mich ein Provokateur, kein Journalist. Wir können auf diesen Gebieten nicht konkurrieren. Aber wenn es große, wichtige Geschichte zu berichten gibt, wie Ebola, steigen unsere Leserzahlen dramatisch. Wenn die Leute eine wichtige Nachricht verstehen wollen, wenden sie sich an die, die hart daran arbeiten, wahrhaftig und umfassend zu berichten.

          Sehen Sie sich gehalten, die Berichterstattung der „New York Times“ zu verändern?

          Zeitungen waren immer gehalten, ansprechende Geschichten zu erzählen. Ich war bei der Beerdigung von Ben Bradlee, dem langjährigen Chefredakteur der „Washington Post“ - ein Mann, der mehr als alle anderen diesen Anspruch hatte.

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