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Dean Baquet im Gespräch : Die Aufgabe der „New York Times“ wird immer größer

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Heutzutage lesen mehr Menschen die besten Zeitungen der Welt als je zuvor. Zu Hochzeiten des Printgeschäfts hatte die „New York Times“ vielleicht eine Million Leser, heute haben wir viele Millionen. Die Probleme der Zeitungen sind wirtschaftlicher Natur, nicht, dass wir nicht gelesen werden. Ich stelle auch in Frage, dass die jüngere Generation egozentrischer ist, als meine es war. Nachrichten scheinen den Leuten mit zunehmendem Alter wichtiger zu werden, weil sie stärker in die Welt involviert sind. Allerdings wird die nächste Generation Nachrichten auf anderen Geräten konsumieren. Also muss ich ihnen die News in vielfältigeren Formen anbieten - was nicht bedeutet, dass sie weniger gehaltvoll sind. Wir präsentieren sie den Leuten bloß auf eine andere Art, als wir das traditionell taten. Die Aufgabe, über aktuelle Entwicklungen zu berichten, hat sich im digitalen Zeitalter eher vergrößert - wir müssen nicht mehr nur täglich berichten, sondern stündlich. Dasselbe gilt für investigativen Journalismus, den wir sehr verstärkt haben, weil mir daran mehr liegt als meinen Vorgängern. Auch die Erläuterung von Hintergründen wird eher noch mehr Raum einnehmen als bisher.

Wie wollen Sie den Ausbau der Berichterstattung mit einer verkleinerten Redaktion bewerkstelligen?

Ja, das wird schwierig. Wir haben kürzlich angekündigt, die Auto-Beilage in der Sonntagsausgabe einzustellen. Wir werden weiter über die Autoindustrie berichten, aber die Beilage ist nicht zentraler Bestandteil meiner Aufgabe. Ich muss meine Dollar zusammenhalten, um über Ebola berichten zu können.

Was sagt Ihr Geschäftsführer Mark Thompson dazu, dass Sie sich damit auch Anzeigenkunden sparen?

Das Gute am Verhältnis zwischen mir und Mark ist, dass wir über diese Dinge sprechen. Zum einen war die Auto-Beilage kein Renner bei den Anzeigenkunden. Zum anderen ist Mark genauso stolz wie ich darauf, dass die Leute wegen Stücken wie unserer Ebola-Berichterstattung zu uns kommen.

Mark Thompson gilt als Fan des „native advertising“, von in den redaktionellen Teil eingebetteten Anzeigen. Das führte zu Reibungen mit Jill Abramson, einer dezidierten Verteidigerin der vielzitierten Mauer zwischen Redaktion und Geschäftsführung bei der „New York Times“.

„Native advertising“ hatte nichts mit Jills Abgang zu tun. Sie hatte Vorbehalte dagegen, aber sogar sie würde wohl zustimmen, dass die Geschäftsführung das in einer Weise eingeführt hat, die deutlich zwischen redaktionellem Teil und Werbung unterscheidet. Ich glaube auch, dass die Leser souverän genug sind, das zu erkennen. Unsere Nachrichtenberichterstattung und Recherche wird immer unabhängig vom Geschäftsbereich bleiben, das gehört zu den Gründungsprinzipien dieser Zeitung. Aber im digitalen Zeitalter teilen wir uns zunehmend Ressourcen.

Besorgt es Sie, dass der Amazon-Gründer Jeff Bezos jetzt Eigentümer der „Washington Post“ ist?

Ich bin zum Teil besorgt, zum Teil erleichtert, dass diese große Institution eine bessere Überlebenschance hat. Und die „Post“ ist übrigens besser geworden, seit Bezos sie gekauft hat. Am stärksten besorgt mich, dass immer weniger große Institutionen auf bedeutsame Weise über die Geschehnisse in der Welt berichten. Aber wir werden eine dieser Institutionen sein.

Was gibt Ihnen Zuversicht für den Zeitungsjournalismus?

Ich finde es ungeheuer spannend, dass heute Geschichten allgemein zugänglich sind, die früher nicht erzählt werden konnten - Geschichten über Ungerechtigkeiten und Ausbeutung an entfernten und abgeschotteten Orten. Dass niemand wusste, was in Haiti wirklich geschah, als „Baby Doc“ Duvalier an der Macht war, ist heute undenkbar. Wir haben Zugang zu China, zu Iran. Dass wir über schlechte Zustände Bescheid wissen, dass wir immer mehr verstehen, wie die Welt funktioniert, ist eine der besten Folgen der digitalen Revolution. Es liegt an Menschen wie mir, dem Rechnung zu tragen und zu verstehen, welch große Chance sich da bietet.

Dean Baquet, Jahrgang 1956, wuchs in New Orleans, Louisiana, auf. Sein Studium in New York brach er ab, um als Journalist zu arbeiten. 1988 wurde er für einen Artikel über Korruption in der Stadtverwaltung von Chicago mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Seit 2007 arbeitet Baquet bei der „New York Times“, seit Mai 2014 als ihr Chefredakteur. F.A.Z.

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