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Dean Baquet im Gespräch : Die Aufgabe der „New York Times“ wird immer größer

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„All the News That’s Fit to Print“ ist das Leitwort Ihrer Zeitung. Sie bauen Ihre digitale Präsenz massiv aus. Verabschieden Sie sich von dem Motto, wenn das Papier verschwindet?

Die Leute unken seit langem über den Untergang der gedruckten Zeitung. Aber wir haben eine robuste Auflage, und die Zeitung ist der profitabelste Teil unseres Geschäfts. Wir unterscheiden uns von den meisten anderen amerikanischen Zeitungen, weil wir mit zwei Dollar fünfzig mehr für ein Exemplar verlangen als andere und damit tatsächlich Geld verdienen. Die technische Entwicklung mag vordergründig dafür sprechen, dass Print schrumpft, aber Technologie bewegt sich ja nicht nur in eine Richtung. Wer weiß, ob die gedruckte Ausgabe eines Tages nicht anders aussieht, sich anders anfühlt. Mein Ziel als Chefredakteur ist, dafür zu sorgen, dass wir die besten Geschichten produzieren - ob als Video, als Foto-Essays oder im geschriebenen Wort.

Das Problem der Zeitungen ist doch aber, dass Anzeigen zurückgehen und das Publikum ins Internet abwandert.

Natürlich brauchen wir die Werbe-Dollar, und Sie haben natürlich recht, dass das Zeitungsgeschäft unter Druck steht. Aber wir haben zwei Einkommensquellen, die die meisten anderen amerikanischen Zeitungen nicht haben: Wir berechnen unseren Lesern den Zugang zu unserer digitalen Ausgabe, und wir verkaufen unsere Zeitung ziemlich teuer. Bei der „Los Angeles Times“ dagegen, wo ich lange gearbeitet habe, hing man überwiegend von Werbegeldern ab.

Sie verloren Ihren Job als Chefredakteur der „L.A. Times“ 2006, nachdem Sie sich gegen Massenentlassungen in der Redaktion gestemmt hatten - damals sprachen Sie von der „Demontage einer großen Zeitung“. Anfang Oktober kündigte die „New York Times“ an, hundert Redakteure zu entlassen.

Meine Einstellung ist dieselbe geblieben. Ich traute den damaligen Verlegern der „L.A. Times“ nicht. Ich hatte den Eindruck, dass der Tribune Company nicht klar war, welchen strategischen Schaden sie der Zeitung zufügte. Den Verlegern der „New York Times“ vertraue ich, schon allein deswegen, weil sich die Größe der Redaktion in der vergangenen Dekade nur unwesentlich verändert hat. Das unterstreicht für mich, wozu sich diese Zeitung berufen fühlt. Ich bin mit den Leuten hier konform, und das war bei der „L.A. Times“ nicht der Fall.

Die Redaktionsstärke von gut 1300 Mitarbeitern blieb, weil Journalisten entlassen und Techniker wie Web-Designer und Videoproduzenten eingestellt wurden. In Deutschland hat soeben eine große Frauenzeitschrift ihr schreibendes Personal entlassen - ist Derartiges für die „New York Times“ auch denkbar?

Nein. Eine Tageszeitung allein mit freien Mitarbeitern zu produzieren ist nahezu unmöglich. Und die Auslandskorrespondenten, die in Krisengebieten ihr Leben riskieren, müssen Redaktionsmitglieder sein. Ihre Motivation muss die Mission der „New York Times“ sein, nicht der Bedarf zusätzlichen Einkommens.

Die traditionellen Nachrichten scheinen angesichts der Selfie-Kultur an Bedeutung zu verlieren. Wie wollen Sie die jüngere Generation gewinnen?

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