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Dem Anschlag entkommen : Der Arzt von „Charlie Hebdo“ spricht

Patrick Pelloux erreichte als erster Arzt die Redaktion von „Charlie Hebdo“. Bild: AFP

Er erreichte als erster Mediziner die Redaktion von „Charlie Hebdo“ und ist selbst Mitarbeiter des Blattes: Patrick Pelloux ist sich sicher: „Charlie Hebdo“ erscheint weiter. Wie er den Anschlag durch einen Zufall überlebte.

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          Er war der erste Arzt vor Ort. Patrick Pelloux ist Notfallmediziner in Paris und seit einem Streit mit seinen Kollegen eine landesweit bekannte Figur. Er hat mehrere Bücher geschrieben und ist regelmäßig in Rundfunk und Fernsehen zu Gast. Und er ist Mitarbeiter von „Charlie Hebdo“. Am Mittwoch hätte er an der wöchentlichen Redaktionskonferenz teilnehmen sollen. Doch er hatte einen Termin bei der Feuerwehr ganz in der Nähe des Gebäudes, in dem die Zeitschrift seit vergangenem Juli hergestellt wird. Nach dem Brandanschlag von 2011 musste die Redaktion mehrmals umziehen, in den ersten Wochen hatte sie bei den Kollegen von „Libération“ Unterschlupf gefunden.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Um 11.30 Uhr bekam Pelloux den Anruf eines Grafikers. „Ich dachte, Jean-Luc macht einen Witz“, sagte Pelloux dem Nachrichtensender „I-Télé“. Er traf in der Redaktion ein und fand seine erschossenen Freunde: Charb, Cabu, Wolinski. Pelloux leistete den Verletzten Erste Hilfe. Wie in Trance erzählt er vom Anschlag, dem er selbst wie durch ein Wunder entkam. „Sie haben auf außergewöhnliche Menschen geschossen, die gerade eine Redaktionskonferenz gegen den Rassismus abhielten. Es waren gute Menschen, ich habe liebe Freunde verloren ... Entschuldigen Sie.“

          Pelloux schluchzt, er kann seine Tränen nicht zurückhalten. Und fährt fort: „Ich bin sicher, dass ihnen Charb den Stinkefinger gezeigt hat. Dass er aufgestanden ist und sie als Idioten beschimpft hat.“ Dem Chefredakteur war der Polizeischutz ein bisschen lästig geworden. „Aber Charb wusste sehr genau“, so Pelloux, „dass bei allen Zusammenkünften der Integristen in der ganzen Welt von ,Charlie Hebdo‘ die Rede war.“ Und immer wenn ein heikles Thema anstand, rief er die Polizei an, die einen bewaffneten Mann vor das Gebäude schickte und Charb auch außerhalb bewachte. Seit Polizisten zur Zielscheibe der Dschihadisten im eigenen Land geworden waren, praktizierte man eine „dynamische Überwachung“ mit Streifenwagen, die alle halbe Stunde durch die Straße fuhren: „Wenn zwei Polizisten vor der Redaktion gewesen wären, hätte es zwei Tote mehr gegeben.“

          Hart erkämpfte Pressefreiheit

          Unter dem Motto „Wir sind Charlie“ ist eine beispiellose Solidaritätskampagne in Gang gekommen. Der konservative „Figaro“ hat das Porträt der Journalisten als Märtyrer der Freiheit auf der Seite eins abgebildet. Andere übernehmen jene Titelblätter von „Charlie Hebdo“, die den größten Ärger provoziert haben. Islamische Würdenträger wie der Rektor der Moschee von Paris äußern ihre Abscheu. „Dieser Islam ist nicht unserer“, twittern Muslime. Politiker rufen zur nationalen Allianz gegen die Extremismen auf. Und zumindest in diesen Stunden scheint sie zu funktionieren. Die Debatten der Experten in den Medien sind leiser und differenzierter geworden. Die redegewandten Sprecher aller gesellschaftlichen Kräfte halten mit Beschimpfungen und Schuldzuweisungen zurück. Die verbalen Provokationen und gezielten Verstöße gegen die „politische Korrektheit“, die Skandale, Schlagzeilen und Aufmerksamkeit garantieren, sind weitgehend verstummt. Nur Marine Le Pen hat die Einführung der Todesstrafe verlangt, zumindest eine Debatte darüber. Man hatte Schlimmeres erwarten müssen.

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