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Dem Anschlag entkommen : Der Arzt von „Charlie Hebdo“ spricht

Bis zur Stunde drang auch kein Triumphgeschrei aus den Vorstädten, wie es der Anschlag auf die Twin Towers ausgelöst hatte. „Wir sind alle Amerikaner“, hatte der Chefredakteur des „Monde“ zum 11. September geschrieben. Mit diesem Angriff wird bezüglich der symbolischen Tragweite das Attentat auf die Presse in Frankreich verglichen. Und die sonst eher autistische, von allen Seiten kritisierte Nation nimmt die internationale Unterstützung mit Genugtuung zur Kenntnis. „Wir sind Charlie“ ertönt aus der halben Welt.

Der Anschlag galt der Republik in einem Land, in dem der Kampf um die Pressefreiheit zwei Jahrhunderte dauerte. Monarchen und Präsidenten hatten sie versprochen, nach ihrer Machtübernahme aber abgeschafft. Zensur gab es in Frankreich auch noch zur Zeit des Algerien- Kriegs. „Charlie Hebdos“ Vorgängerin „Hara-Kiri“ war vom Innenminister nach einer Nummer über den Tod von de Gaulle verboten worden. Inzwischen haben sich die Politiker mit respekt- und geschmacklosem Humor abgefunden. Lange wurde das Blatt nur von den Katholiken bedrängt. Die Prozesse von jüdischen und islamischen Organisationen sind eine späte Erscheinung in seiner noch jungen Geschichte. Dem etwas unbeweglichen Laizismus der Republik, den jeder Schleier zu erschüttern scheint, könnte das Attentat sehr wohl eine neue Verbindlichkeit vermitteln. Und das Selbstbewusstsein der Republik stärken.

Keine Krokodilstränen

Es ist die Stunde der Besinnung und Versöhnung, auch für Philippe Val. Er ist erschöpft und den Tränen nahe. Er war noch gegen Mitternacht im Fernsehen und ist es im Frühprogramm schon wieder. Er hatte 2008 als Chefredakteur von „Charlie Hebdo“ den Zeichner Siné entlassen - wegen angeblichen Antisemitismus. Es gab gewaltigen Streit, auch Bernard-Henri Lévy unterstützte Val. Anlass war ein Porträt: Sarkozys Sohn Jean wurde als junger Emporkömmling dargestellt. Ein Gericht sprach Siné später vom Vorwurf des Antisemitismus frei. Und Val wurde zum Rundfunkdirektor beim staatlichen Sender France Inter berufen - von Sarkozy, aus Dank, unterstellte Siné.

Der Zeichner gründete eine eigene Zeitschrift, „Siné Hebdo“, die „Charlie“ seither Konkurrenz macht. Beide haben die Pressekrise zu spüren bekommen. Die Auflage von „Charlie Hebdo“, das keine Werbung publiziert, ist auf rund dreißigtausend Exemplare gesunken. Der ebenfalls erschossene Bernard Maris, etablierter Journalist und Ökonom, der seine Beiträge mit „Onkel Bernard“ zeichnete, unterstützte die Zeitung finanziell. Erst im vergangenen November erließ sie einen Spendenaufruf, der 18.000 Euro einbrachte.

Jetzt weint Philippe Val, der nach Hollandes Wahlsieg als Rundfunkchef gehen musste, um seine Freunde, mit denen er sich zerstritten hatte. Und jeder spürt: Es sind keine Krokodilstränen. Möglich, dass er zur Zeitschrift zurückkehrt. Jedenfalls verspricht er ihr jede Unterstützung und fordert sie zum Weitermachen auf.

„Ich bin gekommen, um zu sagen, dass wir weitermachen“, erklärte auch Patrick Pelloux im Fernsehen, „dass ,Charlie Hebdo‘ nicht tot ist. Sie haben nicht gewonnen. Charb, Cabu, Wolinski sind nicht umsonst gestorben.“ Auf France Inter gab er sich kämpferisch: „Wir müssen eine noch bessere Zeitung machen. Ich weiß nicht, wie, aber wir werden es schaffen. Wir werden sie mit unseren Tränen schreiben.“ Zeitungen wie „Le Monde“, Rundfunk und Fernsehen wollen ihre Infrastruktur zur Verfügung stellen. „Wir sind Charlie“, die Solidaritätsaktionen gehen weiter. Getrauert wird noch länger, aber für den Kampf um die Meinungs- und Pressefreiheit gibt es keine Schonfrist. Am nächsten Mittwoch soll die Zeitschrift wieder an den Kiosken sein - mit einer Auflage von einer Million Exemplaren.

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