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Luz von „Charlie Hebdo“ : Er lehrt die Mörder das Zeichnen

Selbstporträt des Künstlers unter Personenschutz: Luz Bild: Verlag

Ein Mann zeichnet sich frei: Der Karikaturist Luz hat den Anschlag auf „Charlie Hebdo“ überlebt. In seinem Buch „Catharsis“ dokumentiert er seine Trauer um die ermordeten Freunde.

          2 Min.

          „Eines Tages ist mir das Zeichnen abhandengekommen, zusammen mit einer Handvoll lieber Freunde“: Es ist der erste Satz des neuen Buchs von Luz, „Catharsis“ ist sein Titel. Der Autor erzählt vom Attentat des 7. Januar, der sein Geburtstag ist, dem er sein Überleben verdankt. Er kam zu spät in die Redaktionskonferenz.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

          Am Abend dieses Tages, 18 Uhr, befindet er sich im berühmten Pariser Kommissariat am Quai des Orfèvres. Hier beginnt „Catharsis“. Luz soll schildern, was er gesehen hat. Es fehlen ihm die Worte, er leiht sich vom Polizisten ein Blatt Papier. Und zeichnet - einen Kreis, zwei Kreise. Immer wieder. Daraus werden Augen. Ein Augenpaar. Am Schluss bevölkern viele Strichmännchen mit übergroßen Augen die Seite: „Um ehrlich zu sein, ich habe nicht viel gesehen.“

          Das Männchen mit den großen Augen

          Das Strichmännchen ist auf dem Umschlag, der Titel verweist auf die Psychoanalyse und die griechische Tragödie. Es ist keine Abrechnung mit dem religiösen Fanatismus. Luz erzählt von der Polizei, die ihn auch noch auf der Toilette und im Bett schützt. Von seinen Albträumen. Den Anspruch, den nun die ganze Welt an ihn richtet, zeichnet er als Vampir. Seinen Angstgefühlen gibt er den Namen Ginette. Mit Anspielungen auf Marilyn Monroe im Bett mit Mister President variiert er seinen Geburtstag. Wie wird er sein verspätetes Erscheinen entschuldigen? Mit einer Magenverstimmung nach einem Essen im indischen Restaurant. In früheren Jahren musste der Chinese herhalten.

          Die Polizisten weichen dem Karikaturisten nicht von der Seite. Bilderstrecke
          Die Polizisten weichen dem Karikaturisten nicht von der Seite. :

          Auch die Attentäter zeichnet Luz. Ihr Auftritt mit den Maschinenpistolen „Tak Tak“ wird zum Ballett „tataka“, die Noten fetzen und fliegen, die Terroristen mutieren zu Tänzerinnen. Eine andere Geschichte zeigt sie als unschuldige kleine Kinder, die sie einst waren. Luz fehlt die Inspiration: „2015 sind mir die Ideen ausgegangen.“ Die zwei Knaben schauen voller Bewunderung über die Tischkante. Sie wollen auch zeichnen. Sie streiten und sie balgen sich, legen sich aber mächtig ins Zeug. Zeichner möchten sie werden. In der letzten Szene fragt Luz nach ihren Namen: „Ich bin Chérif. Und ich Said“ - die Brüder Kouachi. Aus ihren Stiften sind Kalaschnikows geworden und die Striche des Zeichners tiefschwarz.

          „Dieses Buch ist kein Zeugnis“, schreibt Luz. „Und noch weniger ist es ein Comic-Album. Es erzählt die Geschichte von zwei Freunden, die eines Tages in Gefahr gerieten, sich endgültig zu verlieren.“ Dieses Paar sind Luz und das Zeichnen, das im Gegensatz zu den toten Freunden, den Kollegen von „Charlie Hebdo“, zurückgekommen ist: „Nach und nach. Gleichzeitig düsterer und leichter.“ Luz hat mit ihm „gesprochen, geweint, geschrien, ich habe mich beruhigt“.

          Auch mit dem ermordeten Kollegen Charb führt er ein Zwiegespräch - an dessen Grab. Cabu und Reiser sind präsent in der „Catharsis“. Ergreifende Sequenzen widmet Luz dem 1997 verstorbenen belgischen Zeichner Franquin, dessen „Schwarze Gedanken“ er als Offenbarung preist. Während einer schweren Depression hatte Franquin gezeichnet: „Genau das, sagte ich mir, will ich für den Rest meiner Tage tun. Mit dem, was geschehen ist, muss ich leben. Aber das ist kein Grund, die Leser nicht mehr zum Lachen zu bringen.“

          „Luz ist frei“

          „Charlie Hebdo“ verlässt er nicht wegen der Konflikte um die Karikaturen und das Geld. Sondern weil die Zeitschrift und Luz selbst Teil der Aktualität geworden sind, die er nur noch aus Distanz behandeln kann. „Die Zeichnung ist ein Kommentar zur Welt, die uns umgibt. Ich hatte jetzt das Bedürfnis, zu zeigen, wie es in meiner inneren Welt aussieht.“ Leise lächelnd folgt man seiner „Catharsis“, die seine Schmerzen lindert, aber keine Läuterung von seinen Leidenschaften bewirkt hat. Mit dem Zeichnen sind die erotischen Obsessionen zurück.

          Als genialer Erzähler einer posttraumatischen Auferstehung wird der Autor gefeiert. Sein Kollege Martin Vidberg, der für „Le Monde“ im Internet die Aktualität mit dem Stift illustriert, hat ihm zu diesem Album mit einer herrlichen Hommage gratuliert: „Luz est libre“, Luz ist frei. Auf der letzten Seite von „Catharsis“ (Editions Futuropolis, 128 Seiten, 14,50 Euro) wendet sich der Zeichner vom weißen Blatt, das ihm keine Angst mehr macht, ab. Und zeugt mit seiner geliebten Frau ein Strichmännchen, das gehen kann.

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