https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/cate-blanchett-im-film-manifesto-im-br-fernsehen-16263613.html

„Manifesto“ im BR-Fernsehen : Der ganze Irrsinn

Divenhaft: Cate Blanchett in einer ihrer Hauptrollen in „Manifesto“ Bild: BR

Cate Blanchett spielt im Film „Manifesto“ zwölf Rollen und verkörpert noch mehr Kunstrichtungen. Das sollte man sich auch im Fernsehen nicht entgehen lassen.

          2 Min.

          Feuer an die Lunte, und hoch schießt die Leuchtrakete des Manifests, um mit einem lauten Knall zu explodieren: Karl Marx und Friedrich Engels wussten um die Sprengkraft des apodiktisch vorgetragenen Programms, der Kampfschrift, die den Lauf der Dinge ein für allemal erklärt. Und zahlreiche Künstler der Avantgarde, dieser rhetorisch bis an die Zähne bewaffneten Vorhut der Moderne, wussten es auch.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Tristan Tzara und Hugo Ball fackelten im Dada-Manifest mit geballter Sprach-Pyrotechnik die gesamte Kulturgeschichte ab; der Futurist und Mussolini-Verehrer Filippo Tommaso Marinetti feierte die grausame Mechanik des Krieges und der Geschwindigkeit; André Breton propagierte im Namen des Surrealismus die Liquidierung jeglicher Logik; Bruno Taut erhob das durchrationalisierte Wohnen in gerasterten Großsiedlungen zur wahr werdenden Utopie.

          Als Figur im Mahlwerk des Kapitalismus: Cate Blanchett in einer weiteren Rolle
          Als Figur im Mahlwerk des Kapitalismus: Cate Blanchett in einer weiteren Rolle : Bild: BR

          Was aber, wenn die rebellischen Pathos-Posen im Namen der Kunst, in denen sich vor allem männliche Hitzköpfe gefielen, auf schnöde Alltagssituationen von heute treffen? Als Dokumente aus grausamen Zeiten sind ihre Texte ohnehin verdächtig, aber die glühenden Funken in ihnen faszinieren immer noch – oder alarmieren, je nachdem.

          Fake News mit Wahrheitsgesicht

          Was also, wenn eine namenlose Trauerrednerin, bevor der Sarg zum Klang jammernder Trompeten in die Erde gesenkt wird, skandiert: „Vernichtung des Gedächtnisses: Dada! Vernichtung der Zukunft: Dada!“? Oder eine Nachrichtensprecherin mit aufgeschminktem „Wahrheitsgesicht“ den Zuschauern vermeintlich knallharte Fakten über Konzeptkunst entgegenschleudert, während die vermeintliche Vor-Ort-Reporterin im Bühnenregen steht? Was, wenn ein Clochard mit dem Megafon Worte von Marx über eine Industrieruine schmettert? Dann knirschen Wille und Wirklichkeit, Worte und Bilder lustvoll aneinander, kommentieren sich gegenseitig, dementieren sich oder steigern sich wie durch einen Dopplereffekt.

          Der ganze Irrsinn des Lebens und der Kunst, aber auch ihre Größe, scheinen in den wahnwitzigen Episoden von Julian Rosefeldt Film „Manifesto“ auf, der aus einer dreizehnteiligen Video-Installation entstanden ist, und in der Cate Blanchett im Dutzend brilliert, in zwölf atemberaubend von ihr gespielten Hauptrollen. Selbst wer mit Kunst und Künstlerpamphleten nichts am Hut hat, wird nicht anders können, als ihr atemlos zuzuschauen. Jede ihrer Figurenskizzen wirkt bis ins Detail perfekt. Ihr Lehrerinnen-Stimme klingt metallisch klar, wenn sie eine Klasse artiger Kinder indoktriniert, bis alle am Ende der Szene gemeinsam tönend rezitieren: Das Manifest wird zur profane Liturgie. Als frömmelnde Mutter mit mausfarbenem Haar versammelt sie, nun personifizierte Unscheinbarkeit, ihre Kinder zum Tischgebet – und fordert eine politisch-erotische-mystische Kunst, die nicht „auf ihrem Arsch im Museum sitzt“. Es folgt ein subtiles Truthahn-Massaker mit Soße.

          Cate Blanchett zum Dritten: Als Nachrichtensprecherin
          Cate Blanchett zum Dritten: Als Nachrichtensprecherin : Bild: BR

          Cate Blanchett wechselt die Kostüme, Frisuren, Bewegungsmuster, Akzente, Stimmlagen, Gesichtsausdrücke mit einer Leichtigkeit, als steckten tausend Figuren in ihr. Die Kamera von Christoph Krauss gleitet aus der Vogelschau heran, der Perspektive des erhabenen Intellektuellen. Sie fängt die monumentale Geometrie eines Großraumbüros für Broker ebenso präzise ein wie die Enge einer Spießerwohnung. Zu recht wurde der Film, der 2017 auf dem Sundance Filmfestival Premiere feierte, mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Nun wird er zu nachtschlafener Zeit im BR-Fernsehen gezeigt (der Bayerische Rundfunk war Mitproduzent) – aber zum Glück nicht nur. Anschließend steht er einen Monat lang in der BR- Mediathek bereit. Das sollte man sich nicht entgehen lassen.

          Weitere Themen

          Das ist kein Foto, das sieht nur so aus

          Wie KI manipulieren kann : Das ist kein Foto, das sieht nur so aus

          Die Firma Adobe hat ein neues Werkzeug, mit dem Bilder bearbeitet werden können: „Firefly“ stützt sich auf Künstliche Intelligenz. Man gibt als Text ein, was das Bild zeigen soll – schon ist es da. Für den Fotojournalismus ist das eine Herausforderung.

          Topmeldungen

          Anhänger Erdogans am Tag der Stichwahl in der Türkei

          Türkei-Wahl : Knapper Sieg Erdogans zeichnet sich ab

          Sowohl bei staatlichen als auch bei oppositionsnahen Medien liegt Erdogan vorn. Das spricht dafür, dass der Amtsinhaber siegen könnte. Aber Kilicdaroglu gibt sich noch nicht geschlagen.

          Aus für Kahn und Salihamidžić : Der Raub des FC Bayern

          Als Jamal Musiala den Ball ins Tor schießt, spürt man die Magie des Spiels. Doch dann verkündet der Klub das Aus der Vorstände – und nimmt seinen Spielern den Moment, der nur ihnen gehören sollte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.