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Castingshows : Vergleiche dich! Erkenne, dass du nichts bist!

Lovelyn ist jetzt erstmal Germany’s next Topmodel. Bild: dpa

Immer mehr und immer jüngere Menschen beteiligen sich an Castingshows. Die Ursache liegt nicht allein im Wunsch nach schnellem Ruhm begründet. Sondern auch in einer Gesellschaft, die sich permanent selbst evaluiert.

          Wie lässt sich der beispiellose Siegeszug von „Germany’s Next Topmodel“ (GNTM) und anderen Castingshows im Fernsehen erklären? Seit mit „Popstars“ 2000 die erste Sendung anlief, lassen zur besten Sendezeit und auf allen Kanälen Superstar-Anwärter das Urteil von Juroren über sich ergehen: Bei RTL treten talentierte Musiker (“Das Supertalent“) und eher untalentierte Sänger (“Deutschland sucht den Superstar“) auf, bei Pro Sieben die zukünftige Stimme (“The Voice of Germany“) und der zukünftige Körper Deutschlands (GNTM). Sechzig Prozent aller männlichen Jugendlichen und achtzig Prozent der weiblichen schauen laut einer Studie regelmäßig Castingshows. Auch die Teilnehmerzahlen steigen: In der ersten Staffel von „Popstars“ meldeten sich noch 4500 Personen an, dreizehn Jahre später, für die zehnte Staffel von DSDS, bereits 32 000. Etwa eine halbe Million Menschen nahm in Deutschland inzwischen an den Auswahlprozessen von Castingshows teil.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik.

          Vor wenigen Tagen endete die erste Staffel von „The Voice Kids“, Bewerbungen für die zweite Staffel laufen. Damit ist nun auch ein Castingshowformat für Acht- bis Vierzehnjährige etabliert: Die Jury versinkt in gigantischen, blinkenden Ledersesseln und wird mit ebenso blinkenden Einspielfilmchen vorgestellt: „Chartbreaker und Mädchenschwarm Tim Bendzko“, raunt ein Sprecher, und Bendzko lächelt in die Kamera, „Eurovision-Song-Contest-Gewinnerin Lena Meyer-Landrut“, und Lena Meyer-Landrut lächelt in die Kamera, Glitzersternchen auf der Stirn. Anschließend wählt Bendzko drei Kinder aus, die bei einem gemeinsamen Auftritt gegeneinander antreten müssen. Finn, vierzehn Jahre alt, sagt, er sei ja jetzt der Älteste hier, finde es aber schon cool mit so zwei süßen Kleinen. Die beiden anderen lächeln mit professioneller Höflichkeit.

          Die piepsige Stimme im Hintergrund

          Später, beim Vorsingen, kommentieren sich die Kontrahenten gegenseitig. Finn sagt über Sean, dass er wirklich eine wunderbare Stimme habe, Sean über Finn, er habe wirklich eine coole, rauhe Stimme, und Thea, elf Jahre alt, bricht bei den Proben in Tränen aus. Das sei nicht so ihre Tonlage, erklärt sie auf Nachfrage und, alleine vor der Kamera, sie habe das Gefühl, in dem Song vernachlässigt zu werden. Die beiden Jungs höre man gut, sie hingegen sei nur die piepsige Stimme im Hintergrund.

          Dass Eltern ihren Kindern die Teilnahme an einer Castingshow erlauben, sie unter Umständen sogar dazu ermutigen, mag vielleicht nicht überraschen. Immer schon waren Kinder Erfüllungsgehilfen für die geplatzten Träume ihrer Eltern, und oft sind gerade die erfolgreichsten Stars traurige Produkte elterlicher Dressur, zum Beispiel Michael Jackson. Überraschend aber ist die anscheinende Abgeklärtheit der Kinder selbst, ihre völlig ungebrochene Professionalität. Kurz vor dem Auftritt erklärt Finn, ihm seien die anderen beiden schon ans Herz gewachsen. Aber wer weiterkommen wolle, müsse natürlich hart sein. Dazu passt, dass laut der erwähnten Umfrage etwa zwanzig Prozent der jungen Leute ihre Teilnahme auch im Nachhinein durchaus als „Chance zur Selbstentwicklung“ sehen.

          Die Finalisten der Castingshow „The Voice Kids“.

          Der Siegeszug des Systems Castingshow ist damit Ausdruck eines wachsenden Vergleichsdrucks in der Gesellschaft, genauer: ihrer permanenten Dauerevaluierung. Studenten evaluieren ihre Dozenten, Dozenten ihre Studenten, Manager evaluieren ihre persönliche Leistung und ihre Belegschaft, die Belegschaft evaluiert ihre „Performance“ und ihre Manager. Facebook evaluiert das Leben seiner Nutzer, Google ihre Suchanfragen - jede Aktion wird ausgewertet von einem engmaschigen Netz aus Algorithmen. Wenn jemand irgendwo einen Schritt macht, dann macht er nicht einfach einen Schritt, er macht bei Youtube einen coolen, peinlichen oder auch großen Schritt für die Menschheit.

          Wir leben längst weniger in einer Konkurrenz- als in einer Evaluierungsgesellschaft: Der alte, prototypische Machtkampf, etwa zwischen Konkurrenten bei der Arbeit, die sich in ihren Intrigen wenigstens gedanklich eins gegen eins duellieren konnten, wird damit nicht nur diffuser, sondern auch radikaler. Diffus, weil er sich nicht mehr gegen ein klar umrissenes Feindbild richtet; radikal, weil es damit tendenziell gegen alle in der anonymen Cloud geht.

          Virtuelle Häkchen und Sternchen

          Und dieses System permanenter Rückkoppelung funktioniert auch als Unterhaltungsformat. Sollte man sich beim Schauen von Castingshows auch nicht gerade wohl fühlen, zumindest kann man sich wiedererkennen: Bei der Arbeit oder beim Posten eines möglichst vorteilhaften Porträts auf der Online-Singlebörse. Man kann das als einen Zwang zum Vergleich beschreiben, aber auch als Sucht.

          Sie wird angestachelt und zugleich befriedigt durch unsere Umgebung, ein System aus virtuellen Häkchen und Sternchen. Wer bei Facebook eine Nachricht schreibt, der sieht, grau unterlegt und in scheinbar vollendeter Zurückhaltung, ein Häkchen, sobald sie gelesen wurde; wer „Whatsapp“ verwendet, gleich zwei grüne. Wer Videos bei Youtube postet, der kann auf dem Internetportal „socialblade.com“ nachschauen, wie viele Abonnenten er dazugewinnt; und wer als Journalist einen Artikel schreibt, der schreibt nicht einfach einen Artikel, sondern einen, der zehn, 34 oder 387 Empfehlungen erhält.

          Heidi Klum und ihre Finalanwärterinnen.

          “Die mediale Speerspitze der heutigen Applauskultur“, so schreibt der Psychologe und Fernsehexperte Stephan Grünewald in seinem kürzlich erschienenen Sachbuch „Die erschöpfte Gesellschaft“, „sind die inflationären Castingshows. Das ganze Land macht sich auf die Suche nach den Superstars, Topmodels, Megatalenten und Newcomern. In schier endlosen Auswahl- und Entscheidungsrunden müssen sich die Kandidaten der Jury und dem Publikum stellen. Gradmesser der Qualität ist nicht mehr das Bewusstsein der eigenen Leistung, sondern die Resonanz der anderen. Man erkennt sein Können erst, wenn man sich in dessen Wirkung spiegeln kann.“

          Wer an einer Castingshow teilnimmt, dem geht es deswegen nicht allein um den Traum vom schnellen Ruhm, sondern vor allem um eine öffentlichkeitswirksame Rückmeldung - lieber eine vernichtende Bewertung von Dieter Bohlen als gar keine. „Germany’s Next Topmodel“ hat diese Evaluierungswut von allen hiesigen Formaten am konsequentesten potenziert; die Show ist weniger eine Castingshow als eine Aneinanderreihung von Castingshows. Bevor eine der Anwärterinnen zum Schluss aus der Sendung herausgecastet wird, werden alle mehrfach gegeneinander gecastet: Für eine Werbekampagne von Maybellin-Jade oder Gillette-Rasierern, wobei stets gilt: Es kann nur eine geben.

          Von null auf hundert in wenigen Wochen

          Nichts passt vermutlich besser in die Biographie eines Stars, zumal Künstlers, als diese ständige Suche nach Anerkennung. Und doch ist gerade die Fähigkeit, für einen Moment lang aus der Aufmerksamkeitsspirale ausbrechen zu können, das verbindende Element der großartigsten unter ihnen - sei es als bewusste, begrenzte Abschottung von der Öffentlichkeit, sei es, weil sie das öffentliche Interesse zeitweise verloren hatten. Was aber bedeutet mittlerweile ein Ausstieg? Mark Medlock, bislang einzig dauerhaft erfolgreicher Gewinner von DSDS, beendete im April seine Karriere. Das hatte er schon einmal getan - im Sommer vergangenen Jahres - und anschließend bei Markus Lanz über das System der Castingshows gesprochen: Plötzlich gelange man von null auf hundert innerhalb weniger Wochen. Man entwickle sich zu einem nicht positiv denkenden kleinen menschlichen Produkt. Man wolle etwas Eigenes machen, aber da sei immer ein Stiefel, der einen runtertrete. Schließlich machte er doch weiter.

          Dann schrieb Medlock auf seiner Facebook-Seite, er habe sich nun endgültig entschieden aufzuhören. Nach einigen Tagen verschwand die Meldung wieder, Medlock postete Videos von Konzerten. Sie hatten etwa doppelt so viele Likes wie die davor.

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