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Castingshows : Vergleiche dich! Erkenne, dass du nichts bist!

Wir leben längst weniger in einer Konkurrenz- als in einer Evaluierungsgesellschaft: Der alte, prototypische Machtkampf, etwa zwischen Konkurrenten bei der Arbeit, die sich in ihren Intrigen wenigstens gedanklich eins gegen eins duellieren konnten, wird damit nicht nur diffuser, sondern auch radikaler. Diffus, weil er sich nicht mehr gegen ein klar umrissenes Feindbild richtet; radikal, weil es damit tendenziell gegen alle in der anonymen Cloud geht.

Virtuelle Häkchen und Sternchen

Und dieses System permanenter Rückkoppelung funktioniert auch als Unterhaltungsformat. Sollte man sich beim Schauen von Castingshows auch nicht gerade wohl fühlen, zumindest kann man sich wiedererkennen: Bei der Arbeit oder beim Posten eines möglichst vorteilhaften Porträts auf der Online-Singlebörse. Man kann das als einen Zwang zum Vergleich beschreiben, aber auch als Sucht.

Sie wird angestachelt und zugleich befriedigt durch unsere Umgebung, ein System aus virtuellen Häkchen und Sternchen. Wer bei Facebook eine Nachricht schreibt, der sieht, grau unterlegt und in scheinbar vollendeter Zurückhaltung, ein Häkchen, sobald sie gelesen wurde; wer „Whatsapp“ verwendet, gleich zwei grüne. Wer Videos bei Youtube postet, der kann auf dem Internetportal „socialblade.com“ nachschauen, wie viele Abonnenten er dazugewinnt; und wer als Journalist einen Artikel schreibt, der schreibt nicht einfach einen Artikel, sondern einen, der zehn, 34 oder 387 Empfehlungen erhält.

Heidi Klum und ihre Finalanwärterinnen.

“Die mediale Speerspitze der heutigen Applauskultur“, so schreibt der Psychologe und Fernsehexperte Stephan Grünewald in seinem kürzlich erschienenen Sachbuch „Die erschöpfte Gesellschaft“, „sind die inflationären Castingshows. Das ganze Land macht sich auf die Suche nach den Superstars, Topmodels, Megatalenten und Newcomern. In schier endlosen Auswahl- und Entscheidungsrunden müssen sich die Kandidaten der Jury und dem Publikum stellen. Gradmesser der Qualität ist nicht mehr das Bewusstsein der eigenen Leistung, sondern die Resonanz der anderen. Man erkennt sein Können erst, wenn man sich in dessen Wirkung spiegeln kann.“

Wer an einer Castingshow teilnimmt, dem geht es deswegen nicht allein um den Traum vom schnellen Ruhm, sondern vor allem um eine öffentlichkeitswirksame Rückmeldung - lieber eine vernichtende Bewertung von Dieter Bohlen als gar keine. „Germany’s Next Topmodel“ hat diese Evaluierungswut von allen hiesigen Formaten am konsequentesten potenziert; die Show ist weniger eine Castingshow als eine Aneinanderreihung von Castingshows. Bevor eine der Anwärterinnen zum Schluss aus der Sendung herausgecastet wird, werden alle mehrfach gegeneinander gecastet: Für eine Werbekampagne von Maybellin-Jade oder Gillette-Rasierern, wobei stets gilt: Es kann nur eine geben.

Von null auf hundert in wenigen Wochen

Nichts passt vermutlich besser in die Biographie eines Stars, zumal Künstlers, als diese ständige Suche nach Anerkennung. Und doch ist gerade die Fähigkeit, für einen Moment lang aus der Aufmerksamkeitsspirale ausbrechen zu können, das verbindende Element der großartigsten unter ihnen - sei es als bewusste, begrenzte Abschottung von der Öffentlichkeit, sei es, weil sie das öffentliche Interesse zeitweise verloren hatten. Was aber bedeutet mittlerweile ein Ausstieg? Mark Medlock, bislang einzig dauerhaft erfolgreicher Gewinner von DSDS, beendete im April seine Karriere. Das hatte er schon einmal getan - im Sommer vergangenen Jahres - und anschließend bei Markus Lanz über das System der Castingshows gesprochen: Plötzlich gelange man von null auf hundert innerhalb weniger Wochen. Man entwickle sich zu einem nicht positiv denkenden kleinen menschlichen Produkt. Man wolle etwas Eigenes machen, aber da sei immer ein Stiefel, der einen runtertrete. Schließlich machte er doch weiter.

Dann schrieb Medlock auf seiner Facebook-Seite, er habe sich nun endgültig entschieden aufzuhören. Nach einigen Tagen verschwand die Meldung wieder, Medlock postete Videos von Konzerten. Sie hatten etwa doppelt so viele Likes wie die davor.

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