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Castingshows : Du steckst in einer Seifenblase

Jetzt berühmt - und bald wieder vergessen? Castingshow-Gewinnerin Beatrice Egli Bild: dpa

Berühmt, dann bedeutungslos: Was Castingshows mit ihren Teilnehmern anstellen. Die langfristigen psychischen Auswirkungen auf Jugendliche wurden nun erstmals in einer Studie untersucht.

          Ein Jugendlicher tritt bei „Deutschland sucht den Superstar“ auf. Er singt ein paar Sekunden lang, dann unterbricht ihn Dieter Bohlen: Das, sagt er, sei „sehr, sehr, sehr, sehr, sehr schlecht“ gewesen. Als sich der Junge anschließend verzweifelt auf den Boden wirft, setzt Bohlen nach, er solle jetzt nicht so ein Theater machen. Schließlich lässt er ihn abführen: Mitarbeiter greifen ihm unter die Arme, die Kamera filmt den Weg zum Ausgang.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik.

          Wie sich die Teilnahme an einer Castingshow langfristig auf die Psyche Jugendlicher auswirkt, haben nun erstmals das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) sowie die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) in einer gemeinsamen Studie untersucht. Neunundfünfzig ehemalige Teilnehmer an Castingshows erhielten einen Online-Fragebogen. Ihre Antworten zeigen, wie die psychische Belastung empfunden wird. Behnam Moghaddam, der bei „The Voice of Germany“ im Jahr 2011 den fünften Platz belegte, erklärt etwa, er habe zum Schluss der Show „die Grenze nicht mehr gezogen bekommen, wann bin ich flexibel und wann verbiege ich mich“. Als der zeitliche Druck zwischen den Liveshows zugenommen habe, sei es zunehmend schwieriger geworden, „mir selbst und meinen Überzeugungen treu zu bleiben. In dieser Zeit bist du wie in einer Seifenblase, wie hermetisch entkoppelt von vielen Dingen.“

          Auf mediales Dauerfeuer folgt Desinteresse

          Eine Teilnehmerin bei „Unser Star für ...“, die erst spät ausschied, berichtet von ihrer Überforderung: „Nach den Shows war ich jedes Mal unglaublich erschöpft. In den letzten zwei, drei Wochen der Show konnte ich, trotz des starken Willens, es zu tun, nicht mehr essen.“ Alle Teilnehmenden fühlten sich vom schnellen Wechsel zwischen medialem Dauerfeuer und anschließendem Desinteresse, zwischen Berühmtheit und Bedeutungslosigkeit belastet.

          Je nachdem, wie die Befragten die Castingshow-Erfahrung im Hinblick auf ihr späteres Leben einordnen, teilt sie die Studie in verschiedene Gruppen ein. Immerhin etwa ein Drittel der Befragten konnte die Show als professionelles Sprungbrett für die weitere Karriere nutzen. Ein weiteres Fünftel deutet die Show-Erfahrung positiv, als herausragende „Chance zur Selbstentwicklung“. Die dritte Gruppe zeigte sich nach gutem Beginn über ihre Stigmatisierung als Verlierer enttäuscht, während eine vierte genau diese negative Inszenierung in heimlicher Komplizenschaft mit den Machern der Show auskostete. Alle weiteren waren enttäuscht über den Umgang mit ihrer Person, entwickelten aber unterschiedliche psychologische Verarbeitungsstrategien, die von krampfhafter Selbstaffirmation bis hin zur zeitweisen Selbstaufgabe reichten.

          Sender haben das Recht auf Verfremdung

          Dabei wissen die Produzenten der Castingshows selbst sehr genau, was sie den Teilnehmern möglicherweise zufügen, und sichern sich vertraglich gegen etwaige physische und psychische Folgen ab. Zudem treten die Teilnehmer dem jeweiligen Sender nicht nur alle Verwertungsrechte an den Filmaufnahmen ab, sie sichern ihm auch das Recht auf Verfremdung zu. Seit „Popstars“ im Jahr 2000 erstmals im Fernsehen lief, ist es gang und gäbe, Bilder und Töne zu manipulieren, Szenen herauszuschneiden oder nachzudrehen, wenn sie nicht dramatisch genug erscheinen.

          Verblüffend aber ist, dass den meisten Teilnehmern und Konsumenten der Inszenierungsgrad von Castingshows offenbar kaum bewusst ist. Ein Großteil der jugendlichen Castingshow-Zuschauer, immerhin achtzig Prozent der Mädchen und sechzig Prozent aller Jungen, glaubt laut Maya Götz, der Leiterin des IZI, dem dokumentarischen Gestus der Sendungen. Die Anziehungskraft der Castingshows sieht Frau Götz nicht allein im schnellen Ruhm begründet. Vielmehr spiele die Zukunftsangst der Jugendlichen eine große Rolle: „Sie wollen den Status ihrer Eltern zumindest erhalten, wissen aber nicht, wie.“ Während in den weniger turbulenten neunziger Jahren in Soaps Sozialbeziehungen ausgehandelt worden seien, gehe es in heutigen Fernsehformaten vor allem um die Frage: „Wie erreiche ich den Beruf, den ich haben möchte?“ Maya Götz fordert deshalb, die Medienkompetenz der Jugendlichen auch im Schulunterricht gezielt zu verbessern. Nur so könnten sie erkennen: „Es handelt sich bei Castingshows um eine gezielte Inszenierung.“

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