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Castingshow „Ich kann Kanzler“ : Die Jugend von heute

Testlauf der Kanzlerkandidaten: die Finalisten Nuray Karaca, Delano Osterbrauck, Antje Krug, Siegfried Walch, Jacob Schrot und Philip Kalisch (von links nach rechts) Bild: dpa

Durchs Castingformat muss inzwischen alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Beim ZDF wird jetzt der Politik-Nachwuchs durch den Flaschenhals geschickt. „Ich kann Kanzler“ gewöhnt die Kandidaten früh daran, dass Politiker längst nach Unterhaltungskriterien gewählt werden.

          Das ZDF hätte sich vielleicht gar nicht in Kanada nach den Senderechten zu „Ich kann Kanzler!“ umsehen müssen, das dort im Original „Next Great Prime Minister“ heißt. Denn das Gute liegt so nah, so nah wie der Wettbewerb „Jugend debattiert“ etwa, den sich ein findiger politischer Kopf ausgedacht und bei dem der Bundespräsident die Schirmherrschaft übernommen hat. Dort zählt, wovon auch „Ich kann Kanzler!“ handelt – die überzeugende Kraft des Arguments.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Bei „Ich kann Kanzler!“ geht es allerdings auch um etwas anderes, um den Auftritt an sich, wie man an den Bemerkungen ablesen kann, welche die drei Juroren Anke Engelke, Günther Jauch und Henning Scherf machen. Da zählen Sympathiepunkte und – leider – Äußerlichkeiten, welche die Jury bewegen, den einen oder anderen Kandidaten in vorauseilender Erwartung der Zuschauerabstimmung nach Hause zu schicken (siehe auch Günther Jauch im Interview: Wir haben den Kandidaten ganz schön zugesetzt).

          Vorbei am Parteiensumpf

          „Wir wollten keine reine Politikerjury haben“, sagt die Innenpolitik-Chefin des ZDF, Bettina Schausten, deren Ressort im Sender die Federführung zu „Ich kann Kanzler!“ übernommen hat, zur Auswahl der Auswählenden. „Sonst hätten wir das zwischen den politischen Parteien austarieren müssen. Es soll beim Zuschauer nicht der Eindruck entstehen, da rekrutiere sich die politische Klasse selbst. So kamen wir auf die Besetzung der Jury: Es sollte ein Journalist mit von der Partie sein, ein Politiker im Status eines Elder Statesman und jemand, der aus der Unterhaltung kommt und den jüngeren Zuschauern ein Begriff ist.“

          Da waren's noch vierzig: die Kandidaten beim Vorentscheid

          Vierzig Kandidaten hat das Jury-Triumvirat nun gewogen, 34 für zu leicht befunden und sechs ins Finale geschickt, die – wie die anderen – mit der angeblich grassierenden Politikverdrossenheit nichts am Hut haben. An diese, sagt Steffen Seibert, der die Sendung moderiert, glaube er ohnehin nicht: „Ich denke, es gibt eine Parteienverdrossenheit. Unsere Kandidaten sind willens, sich in Projekte einzubringen, sie interessieren sich, sind entflammt. Kaum einer von denen hat aber Lust, seine Wochenenden auf Kreisparteitagen im Kampf um den Platz des zweiten Beisitzenden zu verbringen.

          Diesen Kriechgang durch die Parteien will kaum jemand antreten. Für diese Generation, die hier zum Vorschein kommt, gilt der Satz wirklich, dass die Parteien an der politischen Willensbildung ,mitwirken‘, sie wirken ,mit‘, aber sie monopolisieren sie nicht.“ Im Finale allerdings stehen dann doch sechs Kandidaten, die mit den Parteien etwas anfangen können – und diese vielleicht auch mit ihnen.

          Politiker nach Showkriterien

          Wer sich im Internet oder in der Fernsehdokumentation das Prozedere der Vorauswahl angesehen hat, wird schon vor dem Finale verstehen, was Bettina Schausten dem Projekt „Ich kann Kanzler!“ zumisst: „Wir geben jungen Leuten ein Forum, das sie sonst nirgendwo im deutschen Fernsehen haben. Einen Platz, wo sie zeigen können, dass junge Leute nicht nur Superstar oder Topmodell werden oder einen Plattenvertrag bekommen wollen. Sondern dass es offenkundig sehr viele gibt, die politisch etwas bewegen wollen und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Wenn die Sendung dazu beiträgt, das Bild der Jugend zu verändern, dann hat es sich schon gelohnt.“

          Man könnte freilich darüber diskutieren, inwiefern das Fernsehen besagten Eindruck erst hervorgerufen hat. „Das Fernsehen“ ist in diesem Fall jedoch nicht das ZDF.

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