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Casting-Shows : Es geht ums Überleben

Casting-Shows sind inszenierte Evolution. Der Zufall ist Programm: Nicht jeder kann ein Star sein - aber jeder kann einer werden. Das führt dazu, dass bei diesen Spektakeln vor allem Leute zuschauen, die nichts zu verlieren haben und sich nach einem Einkommen ohne Arbeit sehnen.

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          Deutschland sucht gerade wieder, sucht eigentlich seit Jahren ständig den Superstar (RTL), das nächste Topmodel (ProSieben) und bald bei „Popstars“ (ProSieben) erneut die Girlgroup der Saison. Schon gefunden sind „unser Star für Oslo“ (ARD und ProSieben), das Supertalent (RTL) - ein Hundedresseur knapp vor einer Opernsängerin - und der nächste Uri Geller (ProSieben). Mitunter scheinen ganze Sender aus der Suche nach Stars zu bestehen. Auch in anderen Ländern wird unter Titeln wie „Indonesian Idol“, „Kaks takti ette“, „Afghan Star“ oder „Starmania“ auf dieselbe Weise gesucht.

          Käme Besuch aus einer Region, die nicht an diese weltweite Starsuche angeschlossen wäre, müsste er sich über sie wundern. Denn weshalb eigentlich wird unter großer Anteilnahme vor allem des jugendlichen Publikums etwas eigens gesucht, das es doch in Überfülle gibt? Die Stars wachsen schließlich seit Jahren wie die Pilze. Ihre Zahl scheint inzwischen auch ohne Casting-Shows proportional zu den Fernsehprogrammen und Gazetten. Köche, Tätowierer und Frisöre sind Stars, Biathletinnen und Schriftsteller, Exsportler und Exgeliebte, aber umgekehrt werden auch Päpste und Präsidenten als Stars behandelt, und es gibt sogar reine Stars, ohne weitere Qualifikation oder vormaligen Beruf.

          Wer jedenfalls ohne Spezialkenntnis die bunten Zeitschriften durchblättert, trifft wöchentlich auf ganze Hundertschaften an Prominenz, die ihm nichts sagen müssen. So mögen große Teile des Adels einst, als er noch etwas zu sagen hatte, dem gemeinen Volk erschienen sein: irgendwie für viele wichtig, irgendwie beachtenswert, aber im Einzelnen eventuell auch völlig unbekannt. Wissen Sie, wer Bar Refaeli und Alexander Klaws, Elli Erl, Kellan Lutz und Phil Hellmuth sind?

          „The Ladder of Model Success”  heißt Robert Bochenneks Illustration zu „America's Next Top Model”

          Damit fotografiert werde

          Dass die Kenntnis der Stars davon abhängt, welche Massenmedien man intensiv nutzt, liegt auf der Hand. Der amerikanische Historiker Daniel Boorstin sagt, Stars seien als „menschliche Pseudo-Ereignisse“ vor allem „bekannt für ihre Bekanntheit“. Will sagen: Sie sind in erster Linie dazu da, dass über sie berichtet werden kann, der Sache nach haben sie keine Funktion. In der Tat: Wer könnte auch nur eine einzige These von Starintellektuellen wie Bernard-Henry Lévy erinnern oder sagen, was an der Trennung des Exehemanns einer Exnachrichtensprecherin von einer Exshowmasterin - jüngst auf dem Titelblatt der „Bunten“ - informativ sein soll? Schon 1924 traf sich der amerikanische Präsident Calvin Coolidge mit Broadway-Stars im Weißen Haus aus genau diesem Grund: damit es fotografiert werde.

          Insofern greifen auch alle Deutungen des Starwesens, die davon sprechen, „eine Gesellschaft neuen Typs“ bringe es hervor, am Phänomen vorbei. Was allenfalls neu ist, ist nicht die Existenz von Stars, sondern ihre immense Zahl und damit die Inklusivität des Begriffs. Eigentlich muss man es paradox formulieren: die Inklusivität der Exklusivität. Denn selbstverständlich ist ein Merkmal von Stars, dass sie knapp sind, dass mehr Leute sie sehen als von ihnen gesehen werden und dass von ihren Partys eigens mitgeteilt wird, nicht jeder sei zu ihnen eingeladen.

          Das führt zu einer ersten Antwort auf die Frage nach dem sozialen Sinn von Casting-Shows. Sie führen diese Inklusivität der Exklusivität vor. Zum einen tun sie das, indem sie auch diesseits von Dschungelcamps „survival of the most popular“, also Selektion spielen. Deswegen ist es wie für die Evolution im Tierreich auch hier so wichtig, dass nicht nur die Zahl der Konkurrenten hoch ist - mehr als zweitausend junge Damen, wird mitgeteilt, hätten sich für Heidi Klums jüngsten Demütigungsparcours beworben, 34 000 Bewerber waren es bei „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS). Auch die Kriterien des Überlebens müssen widersprüchlich genug sein, um evolutionäre Überraschungen beim Kampf ums Starsein zuzulassen.

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