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Carola Rackete bei Arte : Ein ganz persönlicher Kulturschock

  • -Aktualisiert am

Mit Arte in Oslo: Carola Rackete. Bild: avanti media fiction

In der Arte-Reihe „Durch die Nacht mit ...“ treffen die Aktivistin Carola Rackete und die norwegische Schriftstellerin Maja Lunde aufeinander. Man meint, sie hätten einander viel zu sagen. Es kommt anders.

          3 Min.

          Ein sonniger Spätsommertag in Oslo. Jugendliche springen in das kristallklare Wasser im neuen Hafen – dort, wo das futuristische Opernhaus mit seiner Glasfassade die einfahrenden Öltanker überragt. In diesem postindustriellen Idyll demonstrieren die Aktivisten von Extinction Rebellion. Und eine der schillerndsten Figuren der Bewegung, Carola Rackete, gibt ein Interview. Die Menge brüllt „Power to the people“. Aus der Stadt kommt die norwegische Schriftstellerin Maja Lunde angeradelt. Selbstverständlich mit Helm.

          In der neuen Folge von „Durch die Nacht mit ...“ bei Arte treffen zwei Frauen aufeinander, die zu Symbolfiguren einer neuen Generation aufgestiegen sind. Mit Oslo haben die Macher dafür eine Kulisse gewählt, die für die Transformation zu einem nachhaltigen Wirtschaftssystem stehen soll. Norwegen nimmt für sich in Anspruch, in vielen Fragen des Klimaschutzes weltweit vorn zu sein. Jedes zweite zugelassene Automobil ist jetzt schon elektrisch, Oslo wurde zur European Environmental Capital 2019 gewählt. Die Wälder und Fjorde beherrschen so selbstverständlich die Silhouette, als ob es keinen Klimawandel gäbe.

          Eine verrückte Stadt sei Oslo, sagt Maja Lunde, groß und klein zugleich, eng mit der Natur verbunden und gleichzeitig laut und urban. Beide Frauen fühlen sich wohl im warmen Licht des skandinavischen Sommerabends. Während es Carola Rackete durch ihr Engagement als Kapitänin der Sea Watch zu Bekanntheit gebracht hat, ist Maja Lunde eine der meistgelesenen Schriftstellerinnen Norwegens. Ihre Themen sind breit gestreut, auch in ihrem erfolgreichsten Roman „Die Geschichte der Bienen“. Aber stets sorgt die Auseinandersetzung mit der Natur den Rahmen ihrer Geschichten. „Die richtigen Fragen zu stellen, das ist meine Aufgabe als Autorin“, sagt sie.

          Nur die rasante Tour durch die Stadt rettet die Situation

          Zwei Frauen mit vielen Gemeinsamkeiten und aus zwei sehr ähnlichen Welten, jung, progressiv, gebildet. Eigentlich müssten sie sich viel zu sagen haben. Doch von Beginn an zeigen sich Missverständnisse, die Fahrt durch Oslo, mit Stationen wie dem Frammuseum für Schifffahrt, einem Hipster-Foodmarket oder einem zeitgenössischen Kunstprojekt, geht so dahin. Eine intensives Gespräch mag sich nicht so recht einstellen.

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          Kinder zum Lesen von Romanen zu bringen sei ihr Antrieb, sagt Maja Lunde, das fördere die Empathie. Carola Rackete entgegnet, sie lese seit ihrer Jugend keine fiktionale Literatur mehr, nur noch wissenschaftliche Studien. Romane gäben ihr das Gefühl von Zeitverschwendung. Man merkt, wie Maja Lunde bei dieser Aussage erstarrt. Nur die rasante Tour durch die Stadt rettet die Situation. Die beiden fahren E-Scooter und beschweren sich über die schwierige Handhabung. Sie kommen mit Klimaaktivisten ins Gespräch, die von der skandinavischen Politik berichten. Besonders Strafen für Blockaden seien exorbitant hoch. Man kämpfe weiter, so das Credo.

          Mehr Prosa lesen? Sie ist schließlich kein Kind mehr!

          Das Gespräch der beiden kreist um die aktuelle Nachrichtenlage. Flüchtlinge zu unterstützen sei notwendig, Europa tue zu wenig, darin sind sie sich einig. Soziale Ungleichheit grassiert, braucht es einen Wandel des Wirtschaftssystems? Berlin sei eine tolle Stadt, darauf einigt die beiden sich auch. Doch es scheint, als habe Carola Rackete inzwischen eine Maske aufgesetzt, hart und unnahbar. Diese Hülle versucht Maja Lunde fortwährend zu durchbrechen. Das erzeugt eine melancholische Schwere, die über die gesamten fünfzig Minuten des Films von Andreas Nickl andauert.

          Nur selten macht Carola Rackete einen befreiten Eindruck. Zum Beispiel, wenn die norwegische Sängerin Fay Wildhagen ein Konzert in einem kleinen, durchgestylten Musikclub gibt. „Du bist anders, kennst du das Gefühl, wenn du dich nicht am richtigen Platz fühlst“, heißt es in einem ihrer Songs. Kurz lächelt Carola Rackete, die Anspannung fällt von ihr ab, für eine Sekunde wird hinter der Aktivistenfassade ihre Persönlichkeit sichtbar.

          „Mein Vater hat eine politisch ganz andere Einstellung“, sagt sie nachdenklich. „Er ist ein Profiteur des jetzigen Wirtschaftssystems,“ sag sie. Maja Lunde nickt verständnisvoll. Auch sie erzählt von prägenden Erlebnissen aus ihrer Jugend. Von dem einjährigen Segeltörn etwa, den sie im Alter von siebzehn Jahren unternahm, der ihr die Natur nahebrachte und ihr Durchsetzungsvermögen gab. Schreiben sei zu ihrem Mittel des Protestes geworden, sagt sie und appelliert an Rackete, mehr Prosa zu lesen, das sei gut für den Geist. Carola Rackete indes verkündet mit revolutionärem Pathos, sie sei kein Kind mehr.

          Die Sendung lässt den Zuschauer ein wenig ratlos zurück. Eine in sich ruhende Schriftstellerin hat eine Kapitänin getroffen, die mit ihrer Rolle als verhasste und verehrte Heldin, die ihr übergestreift wurde, offenbar nicht ganz im Reinen ist.

          Durch die Nacht mit ... Carola Rackete und Maja Lunde lief in der Nacht auf den 21.10.2019 bei Arte und ist bis auf Weiteres in der Mediathek verfügbar.

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