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„La Repubblica“-Chef muss gehen : Der antideutsche Kurs war ihm zuwider

Am Freitag gab es in Italien nirgendwo die „La Repubblica“ zu kaufen. Die Zeitung streikte, aus Protest gegen die Absetzung ihres Chefredakteurs. Bild: EPA

Wie viel Kritik verträgt „La Repubblica“? Carlo Verdelli, der Chefredakteur der italienischen Zeitung, steht seit langem unter Polizeischutz, jetzt hat man ihn abgesetzt.

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          Am Freitag gab es in Italien nirgendwo die „La Repubblica“ zu kaufen. Die Zeitung streikte, aus Protest gegen die Absetzung ihres Chefredakteurs Carlo Verdelli. Die Nachricht wirkte in Italien wie ein Donnerschlag. Tausende haben seitdem in den sozialen Netzwerken ihre Solidarität mit Verdelli bekundet. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie hatte die linksliberale „La Repubblica“ schließlich Großartiges geleistet und trotz der erschwerten Bedingungen weiterhin umfassend informiert. Auch der gewählte Zeitpunkt für den Fenstersturz wirft viele Fragen auf.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton.

          Im Dezember hatte die Industriellenfamilie Agnelli „La Repubblica“ gekauft (F.A.Z. vom 7. Dezember) und angekündigt, unternehmerische Eingriffe vornehmen zu wollen. Die jetzt bekanntgewordene Personalie ist nur eine unter vielen, mit denen die Mediengruppe Gedi ihre Produkte neu aufstellen will: Massimo Giannini wird Chefredakteur von „La Stampa“, Pasquale Di Molfetta redaktioneller Leiter der Gedi-Radiogruppe und Mattia Feltri steht künftig an der Spitze der italienischen „Huffington Post“. Der neue Chefredakteur von „La Repubblica“ heißt Maurizio Molinari. Dessen Aufgabe bestehe unter anderem darin, „die journalistische Stärke der Zeitung“ und ihren „intellektuellen Anspruch“ zu verbessern, teilte die Gedi-Gruppe mit. Aber was ist damit gemeint?

          Salvini habe ein „Spur der Unmenschlichkeit“ hinterlassen

          Verdelli steht seit Monaten unter Polizeischutz, da er Todesdrohungen durch die nationale italienische Rechte ausgesetzt ist. Der Europarat bewertete die Bedrohung mit „Stufe 1“ und damit als „schwerste Verletzung und Gefährdung der Pressefreiheit“. Alles begann, nachdem „La Repubblica“ im Januar mit einer umstrittenen Schlagzeile Stellung gegen Matteo Salvini, den Chef der rechtsnationalen Lega-Partei, bezogen hatte: „Cancellare Salvini“ – „Salvini auslöschen“ stand dort als Anreißer für ein Interview mit Graziano Delrio, dem Fraktionschef der Sozialdemokraten im Abgeordnetenhaus, über die vom damaligen Innenminister Salvini durchgesetzten Sicherheitsdekrete.

          Wird abgesetzt: Carlo Verdelli, Chefredakteur der Zeitung „La Republica“
          Wird abgesetzt: Carlo Verdelli, Chefredakteur der Zeitung „La Republica“ : Bild: Alberico/Fotogramma/Ropi

          Delrio argumentierte, Salvini habe ein „Spur der Unmenschlichkeit“ hinterlassen und eine „Spirale der Angst gegen Fremde“ in Gang gesetzt. All das müsse wieder „gelöscht werden“. Nach dem Erscheinen wurde der Chefredakteur Verdelli im Internet und in den sozialen Netzwerken sofort mit Drohungen überzogen. Eine gefälschte Wikipedia-Seite zu seiner Person tauchte auf sowie eine fingierte Todesanzeige, die beide als Sterbedatum des Chefredakteurs den 23. April nannten. Dass die Gedi-Gruppe nun ausgerechnet dieses Datum gewählt hat, um die Entlassung Verdellis bekanntzugeben, wirkt äußerst geschmacklos. Und selbstverständlich fragen sich viele, ob der Zeitpunkt gar kein Zufall war und ob womöglich ein Zeichen damit gesetzt werden sollte.

          Soll „La Repubblica“ keine Kritik üben wie bisher? In den vergangenen Tagen hatte sich die Zeitung zudem klar gegen die antideutsche Stimmung gestellt, die als Reaktion auf den Streit um Corona-Bonds aufgekommen war und die Italiens Europa-Skeptiker massiv schürten. In einem Kommentar rief die Zeitung zu einem differenzierteren Blick auf die Politik Angela Merkels auf, die, „ohne mit der Wimper zu zucken“, den europäischen Arbeitslosenfonds Sure akzeptiert habe, obwohl sie immer dagegen gewesen sei. „Auch das wird in der Debatte in Italien nie erwähnt.“ Wenn es um Deutschland gehe, sei das Gedächtnis oft kurz und die Analyse grob.

          Im Dezember hatten die Redakteure den Eigentümerwechsel als feindliche Übernahme gewertet. Sie würden die Werte, die Geschichte und Identität der Zeitung verteidigen, hieß es damals. Nun muss die Redaktion mit bis zu 150 Entlassungen rechnen. Carlo Verdelli wandte sich in der Online-Ausgabe ein letztes Mal an seine Leser. In diesen Zeiten der Pandemie sollten sie weiterhin mutig und solidarisch bleiben und sich nicht der Wut und Verzweiflung hingeben: „Man wird als Partisan geboren, und man hört nie auf, einer zu sein“, schrieb er – nicht nur im Hinblick auf diesen Samstag, an dem Italien den „Tag der Befreiung“ begeht.

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