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TV-Kritik: Maischberger : Im sprachpolitischen Stahlgewitter

  • -Aktualisiert am

Rapper Bushido und Schauspielerin Annabelle Mandeng zu Gast bei Sandra Maischberger. Bild: WDR/Max Kohr

Ist Sprache diskriminierend? Das ist nie auszuschließen. Aber Sprache wird erst interessant, wenn das „absolute Patriarchat“ auf Bushido trifft. Das hat sogar eine gewisse Komik.

          5 Min.

          Marlies Krämer ist mit ihren achtzig Jahren durchaus repräsentativ für die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft. Aufgewachsen in den 1950er-Jahren, verweigerte ihr der Vater die Aufnahme eines Studiums. Sie heiratete in jungen Jahren und bekam vier Kinder. Der Ehemann verstarb 1972. Als junge Witwe musste sie sich wirtschaftlich durchschlagen. Sie nutzte aber die Chancen der Bildungsexpansion in den 1970er Jahren und studierte Soziologie. Später engagierte sie sich in der feministischen Linguistik. Dass in Pässen heute „die Inhaberin“ genannt wird und Tiefdruckgebiete in der Meteorologie nicht allein mit Frauennamen benannt werden, ist ihr Verdienst. „Kyrill“ und „Friederike“ sind das Ergebnis dieser Gleichstellung.

          Gestern Abend wurde sie von Sandra Maischberger zum Thema interviewt: „Man wird ja wohl noch sagen dürfen!" Wie diskriminierend ist Sprache?“ Frau Krämer nannte sie unser „wichtigstes Kulturgut.“ Sie prägt „unser Denken, Fühlen, Handeln“, wie sie es formulierte. Der heutige Sprachgebrauch wäre aber von einem „absoluten Patriarchat“ bestimmt, wo Frauen nicht vorkämen. Sie meint damit etwa das Sparkassenformular, wo „der Kunde“ bisher als generisches Maskulinum verwendet wird.

          Kater aus dem Sack gelassen

          Tatsächlich wurde aber deutlich, warum Frau Krämer gestern Abend ausnahmsweise den Kater aus dem Sack gelassen hat. Wenn wir nämlich im „absoluten Patriarchat“ leben, wie will sie dann die Situation der 1950er-Jahre beschreiben? Als Frauen rechtlich nicht gleichgestellt waren und eine Frau Adenauer als Bundeskanzler undenkbar war? „Absolut“ ist ein sogenanntes „Absolutadjektiv“, somit nicht steigerbar. Die Differenzen zwischen der Situation der Frauen 1958 und 2018 ist mit dieser Beschreibung somit nicht darstellbar. Eine feministische Linguistik findet ihre Grenzen, wenn sie für die Empirie sprachlos bleibt. Es geht Frau Krämer aber auch nicht um die Beschreibung der Wirklichkeit. Für sie ist Sprache der Kampfplatz, um ihre These vom „absoluten Patriarchat“ politisch durchzusetzen.

          Womit wir beim Thema wären. Zu Gast waren zwei im sprachpolitischen Stahlgewitter gehärtete Matadore: der Rapper Bushido sowie der frühere ZDF-Moderator und Buchautor Peter Hahne. Außerdem als Matadorin die Journalistin Teresa Bücker. Sie lehnt die Verwendung des generischen Maskulinums ab, selbst wenn sie in einer Aufzählung der Matadore ausdrücklich mitgenannt werden sollte.

          Bushido wäre aber empört, sollte man ihn als Matadorin bezeichnen. Der Rapper-Millionär reklamierte die Kunstfreiheit für sich, um Frauen mit wenig schmeichelhaften Begriffen zu kontextualisieren. Zudem hätte niemand eine Ahnung von seiner Gesangskunst. Beleidigungen wären nicht so gemeint, so seine These. Vielmehr verstünden die Jugendlichen seine Texte, die seltsamerweise nicht so gemeint seien, wie sie formuliert sind. Selbst ein Charles Bukowski hätte dieses Argument wahrscheinlich nicht verstanden. Es sekundierte trotzdem Frau Bücker, die ansonsten als Fachfrau für Sprachsensibilität auftrat. Es ging um den berühmten „Negerkönig“ aus dem Werk einer schwedischen Kinderbuchautorin. Das müsse man Kindern nicht vorlesen. Zum Glück liest Frau Bücker im heimischen Kinderzimmer nicht Hannah Arendts Aufsätze über die „Negerfrage“ vor. Dem Bekenntnis zur Sprachsensibilität wollte am Ende sogar Peter Hahne seinen Tribut zollen. Ansonsten ist er zwar ein Verteidiger des sprachpolitisch umstrittenen „Zigeunerschnitzels“, aber der von der Oliver Welke neulich in der „heute show“ an das Kreuz genagelte Osterhase habe seine religiösen Gefühle verletzt.

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