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Rules of Engagement : So sollen Soldaten auf Twitter und Instagram auftreten

Influencer vor Diensteintritt: Marinesoldaten stehen bei einer Vereidigung mit feierlichem Gelöbnis vor dem Schloss in Plön Bild: dpa

Sie posen, diskutieren und kommentieren wie jeder andere. Tausende Soldaten sind in den sozialen Netzwerken aktiv. Die Bundeswehr setzt nicht mehr auf Eindämmung. Ihre neuen Richtlinien ermutigen sie.

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          Die Bundeswehr ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Wer daran ernsthafte Zweifel hegt, braucht nur einen Blick ins Internet zu werfen. In den sozialen Netzwerken finden sich hochanständig twitternde Generäle. Auf Instagram setzen junge und durchtrainierte Soldatinnen und Soldatinnen sich – mal mit mehr, mal mit weniger Uniform bekleidet – nach allen Regeln der Filterkunst in Szene. Und auf Facebook posten, liken, diskutieren und pöbeln Angehörige der Truppe ebenso herum wie Zivilisten; gern auch unter Pseudonym.

          Das Potential der sozialen Netzwerke hat die Bundeswehr schon vor einer Weile für sich entdeckt, und das aus purer Not. Seit der Aussetzung der Wehrpflicht sucht sie händeringend nach Personal. Berichte über den desolaten Zustand der Streitkräfte tun ihr Übriges. Inzwischen versucht die Bundeswehr, ein Gegenbild aufzubauen. Auf Instagram legt die Social-Media-Abteilung inzwischen eine Performance hin, von der andere Bundesministerien nur träumen können. Schwerer fiel es dem Verteidigungsministerium bislang, ein Verhältnis zu den persönlichen Auftritten der eigenen Soldaten zu entwickeln. Schließlich steht dem potentiellen Nutzen zusätzlicher Markenbotschafter die Gefahr allerlei Schindluders gegenüber.

          Dass die Bundeswehr erst jetzt mit zeitgemäßen Social-Media-Richtlinien herauskommt, hat mehrere Gründe. Da wäre zunächst einmal die bei älteren Dienstgraden weitverbreitete Skepsis gegenüber persönlichen Auftritten der Soldaten in der digitalen Welt. Die meisten Rekruten rücken bereits mit eigenen Social-Media-Kanälen in die Kasernen ein. Viele Ältere verfügen noch nicht einmal über eigene Zugänge. Entsprechend groß ist die Skepsis. Die bislang geltende „Leitlinie zum Verhalten in Sozialen Netzwerken“ firmiert unter dem Rubrum „Sicherheitshinweis 01/2013“. Sie liest sich wie ein einziger Verbotskatalog. Neben der verbreiteten Skepsis sorgte ein doppelter Personalwechsel an der Spitze für Anpassungsbedarf. Auf Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen folgte im Sommer Annegret Kramp-Karrenbauer (beide CDU). Und anstelle des bisherigen Leiters des Pressestabs, Jens Flosdorff, rückte Christian Thiels, der erst Anfang Februar sein Amt als Chefredakteur der Bundeswehr angetreten hatte. Mit dem langjährigen ARD-Korrespondenten übernahm nicht nur einer der erfahrensten sicherheitspolitischen Journalisten des Landes die Kommunikationsarbeit des Verteidigungsministeriums, sondern auch ein lange Zeit passionierter Nutzer sozialer Medien.

          Die unter Thiels’ Verantwortung erstellten Richtlinien setzen einen Schlussstein unter den Versuch, die Präsenz von Soldaten in den sozialen Netzwerken einzudämmen. Die Parole lautet nun: Fördern und kanalisieren. So werden in dem neunseitigen Papier gleich zum Einstieg die Vorzüge der sozialen Netzwerke betont und die Angehörigen nachdrücklich dazu ermutigt, sich und ihren Arbeitgeber „authentisch, stolz und mit Freude“ zu präsentieren.

          Die „Tipps und Hinweise“ fasst die Bundeswehr für ihre Angehörigen in einer praxisnahen Kontrollfrage zusammen: Würde ich meinen Beitrag hundert Personen oder meinem Kommandeur zeigen wollen? Für diejenigen, denen das nicht reicht, gibt es eine kleine Regelsammlung, die bequem auf eine Karte in jede Uniformtasche passt. Sie reicht von Aspekten der militärischen Sicherheit (Waffensysteme nur von außen zeigen, aber nicht von innen) über Netiquette (Respekt, Zurückhaltung und Wertschätzung in Diskussionen) bis hin zu Sicherheitshinweisen (Vorsicht vor Fake News, Cyberangriffen und Passwortdiebstahl).

          Dabei geben die Verfasser mit begleitenden Erläuterungen an mancher Stelle einen Einblick in das Innenleben der deutschen Streitkräfte. Soldaten werden darauf hingewiesen, dass sie für Beiträge in ihren persönlichen Profilen weder eine gesonderte Vergütung erwarten noch die aufgewendete Zeit als Dienstzeit verbuchen können. Unklar bleibt, ob sie demnach nur in ihrer Freizeit tätig werden dürfen oder die Zeit für ihre Social-Media-Aktivitäten quasi nacharbeiten müssen. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums war am Mittwoch zum Thema nicht zu erreichen.

          Dass es der militärischen Leitung des Verteidigungsministeriums aber mit der Ermutigung nun offenkundig ernst ist, demonstrierte am Dienstag der Generalinspekteur General Eberhard Zorn. Er nutzte die Veröffentlichung der Social-Media-Richtlinien dazu, einen eigenen Kanal zu eröffnen und seinen ersten Beitrag auf dem Kurznachrichtendienst Twitter zu veröffentlichen.

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