Podcast mit Gerhard Schröder : Bundesadler und Zaunkönig

Hörte man zuletzt Politisches von Gerhard Schröder, Bundeskanzler a.D., hatte es vor allem für aktive und passive Sozialdemokraten einen faden Beigeschmack. Einwürfe vom Spielfeldrand waren es, aus einer bequemen Sitzposition – nämlich in verschiedenen Aufsichtsräten und Beraterpositionen. Nun hat Gerhard Schröder, der kein schlechter Redner ist und um die Kunst eines wuchtigen Auftritts weiß, aber auch einfach gern erzählt (solange genug Leute zuhören), einen halbstündigen Podcast. „Die Agenda“ heißt er und wird von Schröders ehemaligem Adlatus Béla Anda moderiert. Es soll auf dieser neuen Schröder-Plattform, das verrät Andas weiche Stimme, um „Aktuelles und Vergangenes, sein heutiges Leben, seine Erfahrung und seine Ansichten“ gehen. Man treffe sich in der „Kanzlei im Zooviertel von Hannover“, mal „auf ein Glas Wasser, mal auf einen Kaffee“.
Aber sonst ist alles ganz zwanglos bei den beiden „political animals“ im Zooviertel. Es beginnt natürlich mit Corona; was er als Kanzler gemacht hätte und wie es ihm so geht. Gelebt, sagt der Altkanzler im gewohnt jovialen, aber weicher gewordenen Plauderton, habe er „weniger dramatisch“, es war „aushaltbar“. Sport fehlt (auch im Fernsehen), dafür findet er Zeit zum Lesen: „die beiden Bücher von Florian Illies“ und die Churchill-Biographie. Sogleich wird aber klargestellt, dass Gerhard Schröder immer noch „global in Bewegung“ sei, ein Weltbürger mit Wohnsitzen in Weltstädten wie Hannover, Berlin und Seoul. Letzteres hat ihn allerdings erst mal erschreckt. „Auf Hannover geworfen zu sein“ entspreche eher seinem „provinziellen Lebensgefühl“.
Politische Analyse geschieht hier im Vorbeiflug: Lob für Parteikollegen, Finanzminister Olaf Scholz, Arbeitsminister Hubertus Heil: „alles sehr optimal“ – im europäischen Maßstab. Merkel? „Guter Job.“ Etwas mehr „Basta“ hätte er sich allerdings gewünscht gegenüber den via Kohl-Zitat als „Zaunkönige“ titulierten aufmüpfigen Ministerpräsidenten der Länder. Gegenüber Gerhard Schröder schrumpft insgesamt vieles zusammen, auch ukrainische Diplomaten. Einer hatte es gewagt, seine Äußerungen in Bezug auf die annektierte Krim als abhängig von Putins Gnaden zu bezeichnen. Ein unbedeutender „Zwerg“, befindet Schröder aus der Vogelperspektive. „Der Botschafter“, korrigiert Anda (wie einst). „Ja, so ein Zwerg eben“, wiederholt Schröder. So hat der Glaube, dass wenn sich zwei verstehen, schon ein interessantes Gespräch dabei herauskommen wird, uns auch diesen gemütlichen Podcast beschert. Irgendwo zwischen „Opa erzählt vom Krieg“ und einem Bewerbungsgespräch für einen Eintrag ins Poesiealbum von Sigmar Gabriel. Sozialdemokratische „Bild“-Leser und Jusos, die etwas von Glanz und Grandezza vergangener Zeiten hören wollen, werden nicht enttäuscht. Sie sollten aber auch bedenken, wie sie es selbst halten wollen, wenn sie nicht mehr gehört werden.
