https://www.faz.net/-gqz-9r8y8

Buch über Relotius-Skandal : Wie ein Reporter den „Spiegel“ rettete

„Jaegers Grenze“ - die Geschichte sollte Claas Relotius das Genick brechen. Bild: EPA

Am Dienstag erscheint das Buch „Tausend Zeilen Lüge“. Der Reporter Juan Moreno schildert, wie er den „Spiegel“-Fälscher Claas Relotius entlarvte. Das Magazin entging dem Untergang nur knapp.

          5 Min.

          Der Beruf, den Juan Moreno ausübt, ist, seinen eigenen Worten zufolge – grau. Grau in allen seinen Schattierungen, grau in all seiner Uneindeutigkeit. Mit Schwarz oder Weiß und scharfen Kontrasten hingegen kann er nicht dienen. Denn so sieht die Welt nicht aus, so sind die Menschen nicht, und so kann man nicht erzählen. Juan Moreno ist Reporter.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Bei Claas Relotius ist das ganz anders. Wenn der Redakteur des „Spiegels“ schreibt, ist immer alles schwarz und weiß. Gut und Böse lassen sich bei ihm genau trennen. Seine Geschichten, die er zuerst für alle möglichen Zeitungen und Magazine schreibt (darunter drei für die F.A.S.), haben eine klare Botschaft, sie haben ein Ende und geben dem Leser ein gutes Gefühl. Er erzählt Märchen. Claas Relotius ist Fälscher.

          Es ist das große Glück des „Spiegels“, dass diese beiden Männer im Spätherbst des vergangenen Jahres aneinandergeraten. Sie sind beauftragt, gemeinsam eine Geschichte zu recherchieren und zu schreiben. Es geht um verzweifelte Flüchtlinge, die versuchen, von Mexiko über die Grenze in die Vereinigten Staaten zu kommen, und um selbsternannte Grenzschützer, die Jagd auf Migranten machen. „Jaegers Grenze“ heißt die Story schließlich, sie erscheint am 17. November 2018.

          Diese Geschichte bricht Claas Relotius das Genick. Erst diese und nur diese. Alle anderen rund sechzig Storys, die er vor allem für das Gesellschaftsressort des „Spiegels“ zuvor abgeliefert hatte, waren nicht nur glatt durchgegangen, sie waren bewundert worden. Ihr Autor errang einen Sonderstatus und wurde mit Journalistenpreisen überhäuft. Relotius erschien als Heiland, als Retter eines Magazins, ja sogar der ganzen Branche. Die Laudationes, die auf ihn gehalten wurden, lesen sich wie Seligsprechungen.

          Dieser Relotius trifft nun also auf den Reporter Moreno, und das ist für den „Spiegel“ ein großes Glück. Denn Moreno, der für die gemeinsame Geschichte in Mexiko unterwegs ist, erscheint der Kollege suspekt. Binnen weniger Tage verschafft sich Relotius Zugang zu einer paramilitärischen Gruppe in Arizona, die Flüchtlinge jagt. Frank und frei erzählen die Rednecks von ihrem Tun, am Ende schießt einer sogar auf etwas. Vermutlich auf einen Flüchtling, so wird suggeriert.

          An der Geschichte aus Arizona stimmt nichts. Claas Relotius war nicht dort, er hat nicht mit den Leuten gesprochen, sondern woanders abgeschrieben, umgedichtet und erfunden. Doch das kommt nur heraus, weil Juan Moreno der Sache nachgeht. Er trifft die echten Mitglieder der Gruppe, nimmt Interviews mit ihnen auf, falsifiziert die Story des Kollegen von A bis Z und legt seinen Chefs die Beweise vor. Doch was geschieht? Man glaubt nicht ihm, sondern Relotius. Insbesondere der Ressortchef Matthias Geyer scheint Moreno für einen potentiellen Rufmörder zu halten, voller Neid auf den jungen Kollegen. Erst in allerletzter Sekunde begreifen die Chefs, was los ist. Als die amerikanische Journalistin Tay Wiles ihre Recherchen über einen Fälscher beim „Spiegel“, der unter anderem Hanebüchenes über die Kleinstadt Fergus Falls in Minnesota berichtet hatte, fast beisammen hat, kommt der „Spiegel“ am 19. Dezember des vergangenen Jahres, um zwölf Uhr mittags, mit der Enthüllung in eigener Sache heraus.

          Juan Moreno.

          Dass es so kam und der Skandal nicht von anderen aufgedeckt wurde, hat der „Spiegel“ einzig und allein Juan Moreno zu verdanken. Moreno hat auf eigene Faust recherchiert. Er hat alles auf eine Karte gesetzt. Er hat seine Karriere riskiert und den Zuständigen beim „Spiegel“, die er für unparteiische Schiedsrichter hielt (was sie nicht waren), Material geliefert, das bewirkte, dass das System Claas Relotius zusammenbrach, nicht aber der „Spiegel“ selbst.

          Denn der zog sich, wie einst Münchhausen, am eigenen Schopf aus dem Sumpf. Vorneweg mit einem Artikel, in dem der damals als neuer Chefredakteur designierte Ullrich Fichtner mit einem Furor die Geschichte des Claas Relotius erzählte, welcher der blumigen Tonalität von dessen Märchen in nichts nachstand. Das freilich kam nicht von ungefähr. Relotius war Fichtners Protegé, mehr noch der des Ressortleiters Geyer. Alle drei waren in dem Augenblick, in dem Moreno mit seiner Recherche kam, im Begriff aufzusteigen – Fichtner zum Chefredakteur, Geyer zum Blattchef, Relotius zum Ressortleiter. „Jaegers Grenze“ wäre seine letzte große Geschichte als Reporter gewesen. Sie wurde es, allerdings anders als gedacht.

          Nachzulesen ist das alles in dem Buch „Tausend Zeilen Lüge“ von Juan Moreno, das an diesem Dienstag im Rowohlt Berlin Verlag erscheint (288 Seiten, achtzehn Euro). Es liest sich wie ein Krimi, es ist so dramatisch und unwahrscheinlich, als ob es sich jemand wie Relotius ausgedacht hätte. Doch diese Geschichte stimmt. Sie wird vom Autor, wie es sich für einen guten Reporter gehört, in allen Punkten belegt und ganz nüchtern, ohne Dramatisierung und Überschwang berichtet. Was es umso eindrücklicher und für den „Spiegel“ und all diejenigen, die Relotius mit Preisen nachgelaufen sind, umso unangenehmer macht. Denn Moreno zeigt nicht nur, wie geschickt Relotius fälschte, sondern auch, wie bereitwillig sich Redakteure täuschen ließen und wie dankbar man für Storys war, die alle Erwartungen erfüllten. Relotius habe, schreibt Moreno, die Sehnsucht nach Beruhigung und Plausibilität erfüllt und die scheinbare moralische Überlegenheit bestätigt: „Viele wollten glauben, was er schrieb, denn es war, was seine Leser glaubten. Er beschützte sie vor der Wahrheit.“ Die Formel lautete: „Bombastische Schicksale plus Relevanz plus die Bestätigung der allgemein vorherrschenden Meinung in der Gesellschaft versprechen Ruhm. Das war das System Relotius.“

          Das System Relotius ist das eine, das System „Spiegel“ das andere. Juan Moreno, der für sein Buch, wie er schreibt, vom „Spiegel“ keine Unterstützung bekam, dem aber auch keine Steine in den Weg gelegt wurden, will das nicht in eins setzen. Ein „Systemversagen“ habe es beim „Spiegel“ gegeben, aber systematisches Verfälschen werde einem dort nicht beigebracht: „Der ,Spiegel‘ ist keine Fälscherbude. Relotius ist ein Fälscher“, schreibt Moreno und ist dabei sehr gnädig. Schließlich hatte er, als er gemeinsam mit Relotius auf die Geschichte an der amerikanischen Grenze angesetzt wurde, eine E-Mail des Ressortleiters erhalten, die detailgenau formulierte, was in seinem Teil des Textes stehen, wer darin vorkommen (eine junge Frau mit Kindern und ein böser Schlepper) und wie die Sache verlaufen sollte. Das war eine Regieanweisung, kein Rechercheauftrag. Als Nächstes verschickte Kollege Relotius seinen ersten Entwurf der Story, in dem er Morenos Teil, ohne von diesem irgendetwas bekommen zu haben, schon einmal mitgeschrieben hatte. Und in dem Telefongespräch, das Moreno später mit dem Ressortleiter Geyer führte, hieß es: „Juan, das ist eine Hinrichtung, entweder deine oder die von Claas, und ich habe keinen Grund, an meinem Autor zu zweifeln.“

          Claas Relotius bei einer Preisverleihung 2017

          Nach der Lektüre von Morenos Buch ist es schwer vorstellbar, dass es mit den Karrieren von Geyer und Fichtner beim „Spiegel“ zunächst weitergehen und nicht enden sollte wie bei dem Dokumentar, der die meisten Relotius-Texte geprüft und für echt befunden hatte. Der Mitarbeiter hat die stolze Abteilung, deren Motto lautet: „Wir glauben erst mal nichts“, inzwischen verlassen. Ressortchef Geyer und der „Spiegel“ haben sich kürzlich getrennt, Fichtner ist Reporter mit besonderen Aufgaben.

          Dass der „Spiegel“ mit seiner Art des Schreibens, dem Storytelling mit allwissendem Erzähler, der Protagonisten in Kopf und Herz kriecht und ihre Gedanken und Gefühle kennt, der perfekte Nährboden für einen Scharlatan wie Relotius war, stellt Moreno nicht in Abrede. Er formuliert es aber eher indirekt in all den Sätzen (von denen man jeden einzelnen nur unterstreichen kann), in denen er grundsätzlich über sein Metier, über den Beruf des Reporters, spricht: „Reportagen sind Erzählungen, die auf Fakten basieren, aber in ihrer Einordnung darüber hinausgehen. Ihre Geschäftsgrundlage ist jedoch: Die Menschen existieren, die Ereignisse haben stattgefunden, die Sätze wurden gesagt.“ Keine Kunstfiguren, keine Montage, keine Erfindungen. Entweder stimmen Texte oder sie stimmen nicht, lautet das Credo des Reporters. Journalismus, schreibt Juan Moreno, fuße auf „einer nicht-fiktionalen, empirisch überprüfbaren Faktizität. Oder auf ,Spiegel‘-Deutsch: Sagen, was ist.“

          Das ist der Spruch des Magazingründers Rudolf Augstein, der im Verlagsgebäude des „Spiegels“ an der Ericusspitze in Hamburg in der monumentalen Eingangshalle auf Marmor gesetzt in Übergröße jedem Besucher entgegenprangt. Soll man daran glauben, dass der Satz gilt? Er stimmte vor Relotius nicht, und man kann nicht sicher sein, dass er nach Relotius zutrifft. Es könnte vielmehr sein, als habe sich der „Spiegel“ vor aller Augen in den Staub geworfen und maximale Aufklärung in eigener Sache betrieben, die Sache aber als Einzelfall zu den Akten gelegt und den Schuss nicht gehört, von dem Moreno auch spricht: „Relotius hat den deutschen Journalismus verändert. Er hat mich verändert. Die Leichtigkeit, mit der ich früher Lügenpresse-Krakeeler belächelt habe, ist dahin.“

          Der Reporter Juan Moreno hat den „Spiegel“ gerettet. Redaktion und Verlag sollten ihm ein Denkmal setzen. Juan Moreno ist ein Held – ein echter, der Hell- von Mittel- und Dunkelgrau unterscheidet. So einen hätte sich Claas Relotius nie ausgedacht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die israelische Siedlung Migron in der Westbank

          Israel und Palästina : Die Besetzung bleibt rechtswidrig

          Zumindest für den UN-Sicherheitsrat ist die Sache klar: Der Bau israelischer Siedlungen in den besetzten palästinensischen Gebieten bleibt völkerrechtswidrig – und Israel ist aufgefordert, alle Siedlungsaktivitäten einzustellen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.