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Buch über Relotius-Skandal : Wie ein Reporter den „Spiegel“ rettete

„Jaegers Grenze“ - die Geschichte sollte Claas Relotius das Genick brechen. Bild: EPA

Am Dienstag erscheint das Buch „Tausend Zeilen Lüge“. Der Reporter Juan Moreno schildert, wie er den „Spiegel“-Fälscher Claas Relotius entlarvte. Das Magazin entging dem Untergang nur knapp.

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          Der Beruf, den Juan Moreno ausübt, ist, seinen eigenen Worten zufolge – grau. Grau in allen seinen Schattierungen, grau in all seiner Uneindeutigkeit. Mit Schwarz oder Weiß und scharfen Kontrasten hingegen kann er nicht dienen. Denn so sieht die Welt nicht aus, so sind die Menschen nicht, und so kann man nicht erzählen. Juan Moreno ist Reporter.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Bei Claas Relotius ist das ganz anders. Wenn der Redakteur des „Spiegels“ schreibt, ist immer alles schwarz und weiß. Gut und Böse lassen sich bei ihm genau trennen. Seine Geschichten, die er zuerst für alle möglichen Zeitungen und Magazine schreibt (darunter drei für die F.A.S.), haben eine klare Botschaft, sie haben ein Ende und geben dem Leser ein gutes Gefühl. Er erzählt Märchen. Claas Relotius ist Fälscher.

          Es ist das große Glück des „Spiegels“, dass diese beiden Männer im Spätherbst des vergangenen Jahres aneinandergeraten. Sie sind beauftragt, gemeinsam eine Geschichte zu recherchieren und zu schreiben. Es geht um verzweifelte Flüchtlinge, die versuchen, von Mexiko über die Grenze in die Vereinigten Staaten zu kommen, und um selbsternannte Grenzschützer, die Jagd auf Migranten machen. „Jaegers Grenze“ heißt die Story schließlich, sie erscheint am 17. November 2018.

          Diese Geschichte bricht Claas Relotius das Genick. Erst diese und nur diese. Alle anderen rund sechzig Storys, die er vor allem für das Gesellschaftsressort des „Spiegels“ zuvor abgeliefert hatte, waren nicht nur glatt durchgegangen, sie waren bewundert worden. Ihr Autor errang einen Sonderstatus und wurde mit Journalistenpreisen überhäuft. Relotius erschien als Heiland, als Retter eines Magazins, ja sogar der ganzen Branche. Die Laudationes, die auf ihn gehalten wurden, lesen sich wie Seligsprechungen.

          Dieser Relotius trifft nun also auf den Reporter Moreno, und das ist für den „Spiegel“ ein großes Glück. Denn Moreno, der für die gemeinsame Geschichte in Mexiko unterwegs ist, erscheint der Kollege suspekt. Binnen weniger Tage verschafft sich Relotius Zugang zu einer paramilitärischen Gruppe in Arizona, die Flüchtlinge jagt. Frank und frei erzählen die Rednecks von ihrem Tun, am Ende schießt einer sogar auf etwas. Vermutlich auf einen Flüchtling, so wird suggeriert.

          An der Geschichte aus Arizona stimmt nichts. Claas Relotius war nicht dort, er hat nicht mit den Leuten gesprochen, sondern woanders abgeschrieben, umgedichtet und erfunden. Doch das kommt nur heraus, weil Juan Moreno der Sache nachgeht. Er trifft die echten Mitglieder der Gruppe, nimmt Interviews mit ihnen auf, falsifiziert die Story des Kollegen von A bis Z und legt seinen Chefs die Beweise vor. Doch was geschieht? Man glaubt nicht ihm, sondern Relotius. Insbesondere der Ressortchef Matthias Geyer scheint Moreno für einen potentiellen Rufmörder zu halten, voller Neid auf den jungen Kollegen. Erst in allerletzter Sekunde begreifen die Chefs, was los ist. Als die amerikanische Journalistin Tay Wiles ihre Recherchen über einen Fälscher beim „Spiegel“, der unter anderem Hanebüchenes über die Kleinstadt Fergus Falls in Minnesota berichtet hatte, fast beisammen hat, kommt der „Spiegel“ am 19. Dezember des vergangenen Jahres, um zwölf Uhr mittags, mit der Enthüllung in eigener Sache heraus.

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