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Buch über Relotius-Skandal : Wie ein Reporter den „Spiegel“ rettete

Claas Relotius bei einer Preisverleihung 2017

Nach der Lektüre von Morenos Buch ist es schwer vorstellbar, dass es mit den Karrieren von Geyer und Fichtner beim „Spiegel“ zunächst weitergehen und nicht enden sollte wie bei dem Dokumentar, der die meisten Relotius-Texte geprüft und für echt befunden hatte. Der Mitarbeiter hat die stolze Abteilung, deren Motto lautet: „Wir glauben erst mal nichts“, inzwischen verlassen. Ressortchef Geyer und der „Spiegel“ haben sich kürzlich getrennt, Fichtner ist Reporter mit besonderen Aufgaben.

Dass der „Spiegel“ mit seiner Art des Schreibens, dem Storytelling mit allwissendem Erzähler, der Protagonisten in Kopf und Herz kriecht und ihre Gedanken und Gefühle kennt, der perfekte Nährboden für einen Scharlatan wie Relotius war, stellt Moreno nicht in Abrede. Er formuliert es aber eher indirekt in all den Sätzen (von denen man jeden einzelnen nur unterstreichen kann), in denen er grundsätzlich über sein Metier, über den Beruf des Reporters, spricht: „Reportagen sind Erzählungen, die auf Fakten basieren, aber in ihrer Einordnung darüber hinausgehen. Ihre Geschäftsgrundlage ist jedoch: Die Menschen existieren, die Ereignisse haben stattgefunden, die Sätze wurden gesagt.“ Keine Kunstfiguren, keine Montage, keine Erfindungen. Entweder stimmen Texte oder sie stimmen nicht, lautet das Credo des Reporters. Journalismus, schreibt Juan Moreno, fuße auf „einer nicht-fiktionalen, empirisch überprüfbaren Faktizität. Oder auf ,Spiegel‘-Deutsch: Sagen, was ist.“

Das ist der Spruch des Magazingründers Rudolf Augstein, der im Verlagsgebäude des „Spiegels“ an der Ericusspitze in Hamburg in der monumentalen Eingangshalle auf Marmor gesetzt in Übergröße jedem Besucher entgegenprangt. Soll man daran glauben, dass der Satz gilt? Er stimmte vor Relotius nicht, und man kann nicht sicher sein, dass er nach Relotius zutrifft. Es könnte vielmehr sein, als habe sich der „Spiegel“ vor aller Augen in den Staub geworfen und maximale Aufklärung in eigener Sache betrieben, die Sache aber als Einzelfall zu den Akten gelegt und den Schuss nicht gehört, von dem Moreno auch spricht: „Relotius hat den deutschen Journalismus verändert. Er hat mich verändert. Die Leichtigkeit, mit der ich früher Lügenpresse-Krakeeler belächelt habe, ist dahin.“

Der Reporter Juan Moreno hat den „Spiegel“ gerettet. Redaktion und Verlag sollten ihm ein Denkmal setzen. Juan Moreno ist ein Held – ein echter, der Hell- von Mittel- und Dunkelgrau unterscheidet. So einen hätte sich Claas Relotius nie ausgedacht.

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