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Buch über Relotius-Skandal : Wie ein Reporter den „Spiegel“ rettete

Juan Moreno.

Dass es so kam und der Skandal nicht von anderen aufgedeckt wurde, hat der „Spiegel“ einzig und allein Juan Moreno zu verdanken. Moreno hat auf eigene Faust recherchiert. Er hat alles auf eine Karte gesetzt. Er hat seine Karriere riskiert und den Zuständigen beim „Spiegel“, die er für unparteiische Schiedsrichter hielt (was sie nicht waren), Material geliefert, das bewirkte, dass das System Claas Relotius zusammenbrach, nicht aber der „Spiegel“ selbst.

Denn der zog sich, wie einst Münchhausen, am eigenen Schopf aus dem Sumpf. Vorneweg mit einem Artikel, in dem der damals als neuer Chefredakteur designierte Ullrich Fichtner mit einem Furor die Geschichte des Claas Relotius erzählte, welcher der blumigen Tonalität von dessen Märchen in nichts nachstand. Das freilich kam nicht von ungefähr. Relotius war Fichtners Protegé, mehr noch der des Ressortleiters Geyer. Alle drei waren in dem Augenblick, in dem Moreno mit seiner Recherche kam, im Begriff aufzusteigen – Fichtner zum Chefredakteur, Geyer zum Blattchef, Relotius zum Ressortleiter. „Jaegers Grenze“ wäre seine letzte große Geschichte als Reporter gewesen. Sie wurde es, allerdings anders als gedacht.

Nachzulesen ist das alles in dem Buch „Tausend Zeilen Lüge“ von Juan Moreno, das an diesem Dienstag im Rowohlt Berlin Verlag erscheint (288 Seiten, achtzehn Euro). Es liest sich wie ein Krimi, es ist so dramatisch und unwahrscheinlich, als ob es sich jemand wie Relotius ausgedacht hätte. Doch diese Geschichte stimmt. Sie wird vom Autor, wie es sich für einen guten Reporter gehört, in allen Punkten belegt und ganz nüchtern, ohne Dramatisierung und Überschwang berichtet. Was es umso eindrücklicher und für den „Spiegel“ und all diejenigen, die Relotius mit Preisen nachgelaufen sind, umso unangenehmer macht. Denn Moreno zeigt nicht nur, wie geschickt Relotius fälschte, sondern auch, wie bereitwillig sich Redakteure täuschen ließen und wie dankbar man für Storys war, die alle Erwartungen erfüllten. Relotius habe, schreibt Moreno, die Sehnsucht nach Beruhigung und Plausibilität erfüllt und die scheinbare moralische Überlegenheit bestätigt: „Viele wollten glauben, was er schrieb, denn es war, was seine Leser glaubten. Er beschützte sie vor der Wahrheit.“ Die Formel lautete: „Bombastische Schicksale plus Relevanz plus die Bestätigung der allgemein vorherrschenden Meinung in der Gesellschaft versprechen Ruhm. Das war das System Relotius.“

Das System Relotius ist das eine, das System „Spiegel“ das andere. Juan Moreno, der für sein Buch, wie er schreibt, vom „Spiegel“ keine Unterstützung bekam, dem aber auch keine Steine in den Weg gelegt wurden, will das nicht in eins setzen. Ein „Systemversagen“ habe es beim „Spiegel“ gegeben, aber systematisches Verfälschen werde einem dort nicht beigebracht: „Der ,Spiegel‘ ist keine Fälscherbude. Relotius ist ein Fälscher“, schreibt Moreno und ist dabei sehr gnädig. Schließlich hatte er, als er gemeinsam mit Relotius auf die Geschichte an der amerikanischen Grenze angesetzt wurde, eine E-Mail des Ressortleiters erhalten, die detailgenau formulierte, was in seinem Teil des Textes stehen, wer darin vorkommen (eine junge Frau mit Kindern und ein böser Schlepper) und wie die Sache verlaufen sollte. Das war eine Regieanweisung, kein Rechercheauftrag. Als Nächstes verschickte Kollege Relotius seinen ersten Entwurf der Story, in dem er Morenos Teil, ohne von diesem irgendetwas bekommen zu haben, schon einmal mitgeschrieben hatte. Und in dem Telefongespräch, das Moreno später mit dem Ressortleiter Geyer führte, hieß es: „Juan, das ist eine Hinrichtung, entweder deine oder die von Claas, und ich habe keinen Grund, an meinem Autor zu zweifeln.“

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