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Verkleideter Journalist : Ich bin kein Brexit-Fan, holt mich hier raus!

Das nennt man einen „Picture Kill“: Die Agentur Reuters ruft das Bild von dem verkleideten „Handelsblatt“-Korrespondenten zurück. Bild: Reuters

Ein „Handelsblatt“-Korrespondent verkleidet sich als Brexit-Anhänger und ist erbost, dass Agenturen Fotos von ihm machen. Wundern sollte uns aber seine Narretei. Was soll der Quatsch?

          Einmal Günter Wallraff spielen, welcher Journalist wollte das nicht? Tarn-Identität zulegen, ganz unten recherchieren, Missstände enthüllen, das wär’s doch. So dachte wohl der „Handelsblatt“-Korrespondent Mathias Brüggmann in London, setzte sich ein lustiges Union-Jack-Hütchen auf, klemmte sich Papierfähnchen unter den Arm und begab sich auf die „Leave“-Party im Millbank Tower an der Themse, um den Ukip-Jublern über die Schulter zu schauen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          „Mit Tarnung“ sei er „an Exklusiv-Informationen gekommen“, schreibt der gefälschte Brexit-Befürworter. Welche das sein sollen, bleibt unklar. Auf den Handys von Beratern des Ukip-Chefs Nigel Farage habe er „interne Zahlen“ gezeigt bekommen und Insiderinformationen aus deren und den Reihen der Brexiteer von Labour erhalten. Sonst noch was?

          Aber ja: Da gab es Fotografen, die ihn in seinem Fahnen-Meer ablichteten und nicht fragten, ob er wirklich derjenige ist, als der er sich ausgab und ob sie ihn ablichten durften. „Die britischen Medien“ interessierten Hintergründe nicht, doziert Brüggmann: „Sie fotografieren und filmen einfach, und veröffentlichen die Bilder mit ihren Geschichten dazu - ohne je gefragt zu haben, wer derjenige auf dem Bild ist. So bereut man dann angeblich, für Brexit gestimmt zu haben, ohne jemals auch nur in England stimmberechtigt gewesen zu sein.“

          Womit er meint, dass unter einem der Fotos, die von ihm in englischen Zeitungen erschienen, stand, hier handele es sich um einen Brexit-Befürworter, der sein Votum bereue. Die Bilder sind inzwischen verschwunden. Die Nachrichtenagenturen haben sie mit einem „Kill“-Vermerk versehen, der anzeigt, dass mit dem fraglichen Bild etwas nicht stimmt, und gelöscht. Wir aber fragen uns: Was ist der Erkenntnisgewinn der Scharade?

          Wer sich für den politischen Karneval kostümiert und vor aller Augen feiert, darf sich nicht wundern, dass man ihn für einen Rule-Britannia-Fastnachter hält. Beziehungsweise legt er es mit der Camouflage sogar darauf an, verwechselt zu werden - nur, um andere zu düpieren. Zum Narren macht sich der Reporter allerdings selbst: nix rausbekommen, aber groß getönt. Mal sehen, wo und in welchem Kostüm „Handelsblatt“-Pappnasen als Nächstes auftauchen.

          Das wäre Ihr Bild gewesen: Nicht in jedem Fähnchen-Schwenker steckt ein Brexit-Mann. Das musste auch die Agentur AFP einsehen.

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