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Britischer Feldpost-Blog : Heute Nacht kam Fritz

  • -Aktualisiert am

Neues aus dem Ersten Weltkrieg: auf den Tag genau 90 Jahre später wird Harry Lamin zum Blogger Bild: Bill Lamin

Ein Brite stellt die Feldpost seines Großvaters aus dem Ersten Weltkrieg ins Internet - neunzig Jahre nachdem sie geschrieben wurde. Wie einst die Familie warten nun Tausende auf ein Lebenszeichen von der Front.

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          Die Leser werden nervös - der letzte Eintrag in Harrys Internet-Tagebuch ist von Anfang Februar. Es wird ihm doch nichts zugestoßen sein? Weltweit warten Tausende Anhänger täglich auf ein Lebenszeichen aus Italien. Dort kämpft der Gefreite Harry Lamin gerade im Ersten Weltkrieg an vorderster Front gegen die Deutschen. Aber natürlich ist der Krieg längst vorüber und Harry beim besten Willen nicht mehr am Leben. Und doch halten die Briefe, die er in den Jahren 1917 und 1918 schrieb und die sein Enkel Bill Lamin auf den Tag genau neunzig Jahre später in einem Internetforum veröffentlicht (wwar1.blogspot.com), eine wachsende Leserzahl in Atem. „Seit dem Start im Juli 2006 haben mehr als eine Million Menschen die Internetseite angeklickt, jeden Tag wird sie rund neuntausendmal gelesen“, sagt Lamin stolz. Weit mehr, als er je zu träumen gewagt habe, erzählt der neunundfünfzigjährige Mathematiklehrer aus dem englischen Cornwall.

          Dabei schreibt Harry in seinen Briefen aus Frankreich und später Italien meist über Banalitäten, zeichnet seinen Kriegsalltag nach, beschwert sich über zu wenig Essen und bedankt sich für die Post aus der Heimat. „Es fällt nicht schwer, sich mit Harry zu identifizieren, er ist ein ehrlicher und einfacher Typ“, erklärt Enkel Bill den späten Erfolg seines Großvaters. Harry sei ein Familienmensch, der seinen ein Jahr alten Sohn und seine Frau vermisst und hofft, dass der Krieg bald zu Ende ist. Auch der typisch englische Humor blitzt aus den Briefen hervor: „Bis jetzt habe ich noch nicht zugenommen“, schreibt Harry seiner Schwester Kate.

          Warten auf ein Lebenszeichen von der Front

          Nur beiläufig erfährt man von den Stellungskämpfen in Flandern, den Toten aus den eigenen Reihen. Vielleicht, spekuliert sein Enkel, wollte Harry Lamin vermeiden, dass die Familie in England sich zu viele Sorgen macht. Vielleicht hätten Harry bei den schrecklichen Kriegserlebnissen einfach die Worte gefehlt. Und wenn er dann doch über Bombenangriffe, getötete Kameraden und das Zusammentreffen mit den Deutschen schreibt, geschieht dies in einer fast saloppen Art: „Wir hatten eine aufregende Zeit - Fritz kam zu Besuch“, heißt es in einem Brief. Die Zahlenangaben zu Toten und Verletzten wurden im Original unkenntlich gemacht, ein Versuch der Heeresführung, die Moral im Heimatland aufrechtzuerhalten. Zwischendurch fehlen Briefe. Dann beginnt für die Nachgeborenen das Warten auf ein Lebenszeichen von der Front.

          Im Kreis der Kameraden: William Henry Bonser Lamin, unten rechts
          Im Kreis der Kameraden: William Henry Bonser Lamin, unten rechts : Bild: Bill Lamin

          Bill veröffentlicht dann Auszüge aus dem Kriegstagebuch des York & Lancaster Regiments, dem sein Großvater angehörte. Kurz und knapp erfährt der Leser dann geschichtliche und geographische Details. Er könne die Unterbrechungen nicht erklären, sagt Bill Lamin, vielleicht seien Briefe auf dem Weg nach England verlorengegangen. „Ich veröffentliche alles, was sich in meinem Besitz befindet, genau wie es geschrieben wurde und inklusive Rechtschreibfehler“, sagte er. Erhalten seien jedoch nur die Briefe seines Großvaters an die Geschwister. Die Großmutter habe den Krieg gehasst und die Frontbriefe ihres Mannes vermutlich zerstört, sagt der Enkel.

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