https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/britische-regierung-setzt-auf-moderate-bbc-reform-14230191.html

BBC-Reform : Das ist kein Untergang

  • -Aktualisiert am

Großbritannien atmet auf: Bei der BBC darf auch weiterhin getanzt werden. Bild: Reuters

Viel war geunkt worden über den Umbau der BBC zum elitären Spartensender, nun liegt das „Weißbuch“ vor. Und es ist alles halb so schlimm wie erwartet.

          3 Min.

          Nach den alarmistischen Warnungen, die Regierung wolle die BBC vernichten und einen Staatssender schaffen, offenbarte die Reaktion der Schattenministerin für Kultur auf das am Donnerstag vorgelegte Weißbuch zur Zukunft der BBC, dass ihr konservatives Gegenüber ihr den Wind aus den Segeln genommen hat. Maria Eagle war bereit, die BBC gegen konservative Kritiker zu verteidigen, die den Sender als linksliberal voreingenommen, ineffizient und aufgebläht tadeln. Der Regierung wird unterstellt, sie mache einen Kotau vor der Presse des Medienunternehmers Rupert Murdoch, der die Mehrheit an dem Abosender und BBC-Konkurrenten Sky besitzt. Nach der Erklärung von John Whittingdale im Unterhaus konnte die Labour-Politikerin nur noch behaupten, der Kulturminister sei überstimmt worden. Seine „wildesten“ Vorschläge seien „verworfen, aufgeschoben oder verwässert“ worden. Tags zuvor war Whittingdale noch „unerbittliche Feindschaft gegen die BBC“ vorgeworfen worden.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Davon ist in dem ausgewogenen Weißbuch wenig zu spüren. Das Papier setzt den Rahmen für die Ende des Jahres fällige neue Version der den Rundfunkstaatsverträgen entsprechenden Royal Charter. Die bisherige Zehnjahresfrist wird auf elf Jahre verlängert, damit die nächste Erneuerung 2027 nicht mit dem Wahlzyklus kollidiert. Das Papier trägt den Titel „A BBC for the future: a broadcaster of distinction“. Es unterstreicht die Absicht, zu gewährleisten, dass der Sender alle Zuschauer versorge mit „unparteiischen, hochwertigen und markanten Inhalten und Dienstleistungen, die informieren, bilden und unterhalten“.

          Qualität vor Quote

          Das Wort „distinction“ kann „verschieden“ und „ausgezeichnet“ heißen, ein Doppelsinn, der die Abkehr von der Quotenjagd und die Bekräftigung der oftmals beschworenen Gründungsprinzipien der BBC signalisiert. Das Weißbuch fordert, dass der weiterhin durch die Rundfunkgebühr finanzierte Sender nicht mit den Kommerziellen konkurriere. Die BBC solle ihre kreative Energie auf Qualitätsinhalte konzentrieren, sich vom restlichen Medienmarkt unterscheiden und zugleich etwas für jeden Geschmack bieten. In diesem Sinne soll die Forderung, dass die BBC die ethnische, nationale und regionale Vielfalt Großbritanniens spiegeln müsse, erstmals in der Charter verankert sein.

          Whittingdale sagte, bei der Auftragsvergabe gelte es, „zuallererst“ zu fragen: „,Ist diese Sendung hinreichend innovativ und hochwertig?‘, und nicht: ,Wie wird sich dies nächste Woche oder nächsten Monat in den Quoten darbieten?‘“ Er hob hervor, dass die Regierung „eindeutig nicht sagt, dass die BBC nicht populär sein soll“, und nannte ausdrücklich den Tanzwettbewerb „Strictly Come Dancing“. Zu den „wildesten“ Vorschlägen, die ihm nachgesagt worden waren, zählte ein Verbot solch populärer Shows. Sein Ziel sei es, die BBC auf einen elitären Kultursender zu reduzieren, der die Privatsender nicht stört. Auch war gemutmaßt worden, Whittingdale wolle der BBC vorschreiben, große Unterhaltung nicht zur Hauptsendezeit auszustrahlen. Auch die um der Transparenz wegen erwogene Veröffentlichung von Gehältern der höchstbezahlten BBC-Angestellten fiel milder aus als erwartet. Nur die Löhne jener Moderatoren, die mehr als das 450.000 Pfund betragende Salär des Generaldirektors verdienen, sollen publik gemacht werden. Dass der britische Rechnungshof künftig die Bilanz prüft, behagt der BBC verständlicherweise ganz und gar nicht.

          Ein weiterer Stein des Anstoßes ist die Zusammensetzung des neuen Vorstands, der den zugleich als Aufsicht und Verwaltungsbehörde dienenden „BBC Trust“ ersetzt. Die unabhängige Medienaufsichtsbehörde Ofcom wird künftig auch die BBC regulieren. Der Sender wird bis zu acht Posten des Vorstands besetzen dürfen, weitere sechs Mitglieder sollen unter der Aufsicht des Beauftragten der Besetzung öffentlicher Ämter von der Regierung entsendet werden, wobei Wales, Schottland und Nordirland jeweils einen dieser Kandidaten nominieren. Bislang hat die Regierung sämtliche Vorstandsmitglieder berufen.

          So moderat das alles ist, wird gleichwohl behauptet, die Regierung bedrohe die Unabhängigkeit der BBC, die dem Volk gehöre, nicht dem Staat. Der Minister Whittingdale konterte, indem er die redaktionelle Unabhängigkeit der BBC bekräftigte. Der Generaldirektor sei Chefredakteur, der Vorstand dürfe sich erst nach der Ausstrahlung mit Inhalten befassen. Die Jahresgebühr soll bis 2027 bestehen bleiben und alle fünf Jahre festgelegt werden. Das Schlupfloch, das Nutzern der Online-Videothek erlaubt, BBC-Sendungen kostenlos zu sehen, wird geschlossen. Allerdings stellt das Weißbuch mit Pilotprojekten für Abodienste flexiblere Zahlungsbedingungen in Aussicht, die in ferner Zukunft die Rundfunkgebühr ersetzen könnten. Das Weißbuch stelle sicher, dass die BBC in einer Medienlandschaft gedeihe, die sich seit der letzten Erneuerung der Charter vor zehn Jahren bis zur Unkenntlichkeit verändert habe. Mit der Erklärung deutete Whittingdale an: Bei der nächsten Runde muss sich die BBC auf tiefgreifende Reformen gefasst machen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ginge es nach Scholz, soll die Bundeswehr mehr Geld bekommen. Aber da sind noch seine Genossen.

          Mehr Geld für die Bundeswehr : Der Zeitenwende droht Ungemach

          Die breite Front für eine ertüchtigte Bundeswehr und die Erschließung neuer Energiequellen scheint zu bröckeln. Vor allem Teile der SPD wirken unzufrieden. Kann Olaf Scholz seinen Kurs halten?
          Der Schriftsteller Uwe Tellkamp an der Schreibmaschine

          Kolumne „Import Export“ : Tellkamps Jammern

          Obwohl sein neuer Roman große mediale Aufmerksamkeit genießt, wird Uwe Tellkamp nicht müde, sich als Opfer der Cancel Culture zu begreifen. Wie kann das sein?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Bildungsmarkt
          Alles rund um das Thema Bildung
          Sprachkurs
          Verbessern Sie Ihr Englisch
          Sprachkurs
          Lernen Sie Französisch