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Skandal um Krautreporter Jung : Ein Fehltritt, schon sind alle auf der Palme

  • -Aktualisiert am

Der Post des Anstoßes Bild: Foto Krautreporter

Zum Weltfrauentag hat der Journalist Tilo Jung ein Bild gepostet, das Kritikerinnen für frauenfeindlich halten. Dabei sitzen manche von ihnen im Glashaus. Für das Portal „Krautreporter“, dem Jung zuliefert, wird es gefährlich.

          Hochzeiten, Baden in Geld, Küssen am Traumstrand, eine geschenkte Handtasche: Fotos mit dem Hashtag #Relationshipgoals sind in Amerika beliebt, wenn es darum geht, Freunden im Internet glückliche Partnerschaften zu zeigen. Manche gehen damit ironisch um, und das ist oft wenig geschmackvoll: Am 17.August 2014 veröffentlichte ein gewisser Maxwell mit diesem Hashtag eine Bilderfolge, auf der eine Frau am Strand einen Mann an der Hand nimmt. Der tritt sie aber in den Rücken, woraufhin sie strauchelt und ins Wasser fällt. Das Bild war ein viraler Erfolg, und wurde auf 6770 Twitteraccounts ebenfalls verbreitet. Von Aufregung war keine Spur zu sehen, und auch dann nicht, als die Autorin Stephanie Anderson vom Witzeportal Buzzfeed Uk auf den Hype aufsprang und das Bild zum Anlass nahm, eine Serie solcher Bilder zu veröffentlichen: „18 couples who’ve accomplished their questionable relationship goals.“

          Am letzten Sonntag veröffentlichte der Journalist und Grimme-Online-Preisträger Tilo Jung, bekannt durch sein Videoformat „Jung und Naiv“, das Bild auf seinem Instagram-Account, mit der Überschrift „Women’s Day“. Es war der Internationale Tag der Frau. Die Empörung dürfte durchaus beabsichtigt gewesen sein und ließ nicht lange auf sich warten. Jung wurden Sexismus und Verharmlosung von Gewalt vorgeworfen, und zugleich wurde sein Arbeitgeber massiv angegangen: das Online-Magazin „Krautreporter“, das letztes Jahr fast eine Million Euro eingesammelt hatte, um ein von Lesern finanziertes, werbefreies Medium zu schaffen. Der Gründer Sebastian Esser ließ am nächsten Morgen öffentlich über Twitter wissen: „Krautreporter steht nicht für Sexismus und das Kokettieren mit Gewalt gegen Frauen. Wir werden Konsequenzen daraus ziehen.“

          Deutscher Ableger von Buzzfeed wird schmallippig

          Kurz darauf stellte auch sein Mitgründer und Geschäftsführer Phillip Schwörbel klar, was er von Jungs Aktion hielt: „Das ist kein Witz. Das ist frauenverachtend, sexistisch und spielt mit Gewalt gegen Frauen“, sagte er auf Twitter zu Juliane Leopold, die sich über Jungs Verhalten beschwert hatte. Sie leitet den deutschen Ableger von Buzzfeed und wurde später sehr schmallippig, als man sie darauf hinwies, dass ihre eigene Firma selbst mit genau diesem Bild Geschäfte gemacht hatte. Drei Wochen zuvor hatte Leopold, die selbst Teil des feministischen Aufschrei-Netzwerks ist, bei Buzzfeed.de gefragt, was auf dem männlichen Y-Chromosom sei, und als Antwort 27 mehr oder weniger lustige Tweets und Bilder gebracht, die pauschal Männer als emotional kalt, ungeschickt, übergriffig, schlampig und dumm darstellten.

          Tilo Jung (links) im Interview mit  Glenn Greenwald. Nach dem Skandal-Post auf Instagram hatte Jung auf Twitter 220 Follower mehr.

          Das ist der größere Kontext der eigentlichen Nachricht, dass sich „Krautreporter“ gezwungen sah, den Reporter Tilo Jung nicht zu feuern, aber zeitweilig nicht mehr veröffentlichen zu lassen, um sich so vor der Wut und den Angriffen aus dem Netz zu retten – anstelle den Online-Journalismus zu retten, wie es die Firma eigentlich geplant hatte. Das Verdikt trifft einen früher schon umstrittenen Autor, der bisher die meisten Beiträge geliefert hat, und die Strafe reicht vielen nicht aus. Im amerikanischen Internetmagazin „Medium“ wurde gefordert, „Krautreporter“ müsse Jung wegen des Bildes nicht nur feuern, um Gewalt gegen Frauen nicht zu verharmlosen. „Krautreporter“ solle zudem Feministinnen die Möglichkeit geben, dort Beiträge zu veröffentlichen, die sich mit dem Problem auseinandersetzten, wie es in Deutschland schon der Aufschrei-Aktivismus erfolgreich getan habe. Die Autorin des Beitrags ist Yasmina Banaszczuk und ihres Zeichens feministische Autorin, die selbst führend am Aufschrei beteiligt war, diesen Umstand allerdings, um die Runde des journalistischen Versagens komplett zu machen, im Beitrag zu erwähnen vergessen hat.

          Causa Jung wird zur Causa Krautreporter

          Nichts davon kann man auf Twitter umfassend darstellen. Die Aktivistinnen, die Empörten und die einfach nur Kritischen sind bei dieser Erregung kaum zu trennen, und zu groß war die Geschwindigkeit, mit der sich der Sturm im Netz entwickelt hat. Die in solchen Fällen eigentlich entscheidende Frage, welche Reaktion auf die Veröffentlichung so eines Bildes wirklich angemessen wäre, findet nicht statt. Die „Krautreporter“ argumentieren, dass sie das Verhalten nicht einfach so durchgehen lassen können, auch wenn Jung das Bild privat und auf seinem eigenen Account verbreitet. Erst dadurch wurde die Causa Jung zur Causa Krautreporter: Esser und Schwörbel haben frühzeitig Erwartungen geweckt, die vielen Empörten nicht gereicht haben – Empörte, die teilweise zum Gelingen der Finanzierung beigetragen haben und nun öffentlich ihre Abos kündigen oder mitteilen, dass sie diese nicht zu verlängern gedenken.

          Der komplizierte und von diversen Interessen geprägte Konflikt macht deutlich, wie riskant die Idee werden kann, sich direkt über Leser zu finanzieren, die es zudem gewohnt sind, ihre Kritik schnell und deutlich zu äußern. Die besondere Nähe sollte bei den „Krautreportern“ einzigartig sein, die Community wird gern erwähnt, wenn es um mitunter unbequeme Entscheidungen geht. Im Fall von Tilo Jung war die Community klar gespalten, denn innerhalb der Themenpalette von „Krautreporter“ ist Jung einer, der wirklich wie versprochen Geschichten bringt, die andere nicht haben. Während andere Autoren und Themen als langweilig und wenig herausragend kritisiert werden, sorgt Jung sowohl für Ablehnung wie für frenetischen Beifall. Er wäre auch ohne den Skandal der bekannteste „Krautreporter“ gewesen. Seine unverblümten und bisweilen penetranten Fragen in der Bundespressekonferenz haben ihm neben der Ablehnung von Journalisten auch jede Menge Sympathie im Netz eingebracht. Gleich, wie die Entscheidung über ihn ausgegangen wäre: In jedem Fall hätten die „Krautreporter“ Anhänger verprellt. Der Kompromiss, ihn eine Weile kaltzustellen, befriedigt weder die Empörten noch jene, die den Eindruck haben, die „Krautreporter“ hätten kein Rückgrat und kuschten vor dem Druck aus dem Netz.

          Fehltritt eines einzigen Journalisten

          Die einen bekommen die gewünschten Beiträge nicht mehr, die anderen hatten fest mit einer öffentlichen Hinrichtung gerechnet und sind enttäuscht. Für „Krautreporter“ entscheidend dürfte die Frage werden, inwiefern die Stimmung im Netz die Haltung ihrer zahlenden Mitglieder repräsentiert. 18000 Unterstützer hat das Portal nach eigenen Angaben, nur mehrere hundert Personen haben sich bei Twitter und Facebook zu der Causa Jung geäußert. Es ist nicht auszuschließen, dass die große Mehrheit zu dem Thema eine andere oder gar keine Meinung hat. Es ist ein Fehltritt eines einzigen Journalisten. Sollte das wirklich dazu führen, dass die nächste Finanzierung scheitert, müsste man sich in der gesamten Debatte um bezahlte Inhalte im Netz gut überlegen, ob man derartig leicht aufzubringende Leser als einzige Grundlage der Finanzierung haben möchte.

          Die „relationship goals“, die man in den letzten Tagen zwischen Journalisten und aufgebrachten Twitternutzern sah, sind jedenfalls wenig ermutigend – Jungs Kollegin Andrea Hünniger ließ den zerrütteten Zustand der Beziehung erkennen, als sie in der Causa schrieb: „wir müssen auch mit arschlöchern umgehen können“.

          Mit etwas Pech für Hünniger und andere Beteiligte könnte es für alle außer Tilo Jung übel ausgehen: Es ist durchaus denkbar, dass das „Krautreporter“-Portal nach Monaten deutlicher Kritik nicht mehr ausreichend finanziert wird und schließen muss. Tilo Jung könnte von seinen Fans weiter getragen werden: Während die Affäre über die „Krautreporter“ hereinbrach, hat er 220 neue Follower bei Twitter hinzugewonnen.

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