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Brexit im Fernsehen : Als Gibraltar durchzählt, ist noch alles in Ordnung

Die Europäische Union endet hier: In Manchester Town Hall wurde das Endergebnis des Referendums verkündet. Bild: AFP

So aufregend ist Fernsehen selten: Die BBC überträgt die Wahlnacht und zeigt, wie die Welt in Unordnung gerät. Zuerst sind die Brexit-Befürworter kleinlaut, dann drehen sie mächtig auf.

          Um halb eins in der Nacht scheint die Welt noch in Ordnung, zumindest in der Ordnung, die wir kennen und an die wir uns gewöhnt haben. Fußball ist ein Spiel mit zweiundzwanzig Leuten und einem Ball über neunzig Minuten, und am Ende gewinnen die Deutschen, sagt der ehemalige Nationalmannschaftsspieler Gary Lineker. Die Europäische Union ist ein Verbund von 28 Staaten, und am Ende bleiben in dem auch die Briten drin, sagen die Experten und sogar auch die Brexit-Befürworter zu Beginn der langen Nacht, in der die BBC über die Volksabstimmung berichtet.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Bleiben oder nicht bleiben, das scheint bis Mitternacht in der BBC, welche die Stimmenauszählung von Anfang bis Ende begleitet, gar keine Frage, obwohl es noch kein einziges Ergebnis aus den Bezirken gibt. Bleibt alles beim Alten? Es hat den Anschein. Nigel Farages Ukip-Leute tun so, als hätten sie schon verloren, aber immerhin doch gewonnen, weil sie das ganze Land politisiert und den Tories und Labour eine Debatte aufgezwungen hätten, die notwendig gewesen und nicht beendet sei, auch wenn Großbritannien EU-Mitglied bleibe. Der Mord an der Labour-Abgeordneten Jo Cox scheint in diesem Augenblick weit weg. Ins Feld geführt wird er nur von denjenigen, die in der EU bleiben wollen und der Ukip, die für ein paar Minuten leisertritt, eine Eskalation anlasten, die auf Stimmungsmache basiert und eine sachliche Auseinandersetzung verunmöglicht, weil man seinem jeweiligen Gegenüber nicht einmal mehr zuhört, geschweige denn sich mit Argumenten auseinandersetzt.

          Der Riss geht durch das ganze Land

          Der Riss gehe durch das ganze Land, durch die Gemeinden, die Parteien, durch die Familien, er trenne Nord und Süd und Alt und Jung, hören wir und sehen, dass sich die Briten selbst nicht wiedererkennen. Die souveräne und professionelle Gelassenheit, mit der auch die BBC bei der Berichterstattung zu Werke geht, schwindet, der Ton hat sich verändert. Dabei ist der Sender für die lange Nacht des Stimmenauszählens bestens gewappnet. Aus dem zentralen Nachrichtenstudio gibt es eine Schalte zu den Reportern in einem Wahlbezirk nach dem anderen. Wir sehen sie in Turnhallen stehen, in denen die Wahlhelfer umher wuseln. Es gibt einen regelrechten Wettbewerb darum, wer als Erster mit seiner Auszählung fertig ist. Newcastle ist, wenn wir uns richtig an die letzte Unterhauswahl erinnern, immer ziemlich schnell unterwegs.

          So wird also gezählt, es herrscht Zuversicht, die Stimmung hat einen Hauch von „Eurovision Song Contest“. Doch hier wird nicht vorgesungen, hier geht es um die Zukunft Großbritanniens und der Europäischen Union. Im Studio der BBC baut sich eine beeindruckend digital animierte, begehbare Landkarte auf, aus der Säulendiagramme hervorschießen. Noch sind die Farben neutral, erst in der Nacht teilt sich Großbritannien in blaue und rote Wahlbezirke, in „Remain“ und „Leave“.

          Was sie noch zu sagen hätten: Im Wembley-Stadion fand kurz vor dem Referendum eine große Debatte der Kontrahenten statt.

          Dabei werden alle noch ihr blaues Wunder erleben. Die vorsichtig geäußerten Prognosen liegen diesmal genauso daneben wie bei der letzten Unterhauswahl, bei der die Tories einen großen Sieg errangen, was die Demoskopen in eine Glaubwürdigkeitskrise stürzte. Diesmal freilich hat es auch die Buchmacher erwischt, die auf einen deutliches Votum für „Remain“ gesetzt haben. Sie alle liegen falsch.

          Noch vor ein Uhr in der Nacht ist der erste Wahlbezirk ausgezählt. Nicht Newcastle hat das Rennen gemacht, sondern Gibraltar. Wie das Referendum dort ausgehen würde, war klar. Von rund 20 000 Wählern, die ihre Stimme abgaben, votierten ganze achthundert für den Austritt. Bezirk eins von 382 ist ausgezählt, noch sieht es gut aus für die EU-Anhänger. Doch es dauert nicht lange, da wendet sich das Blatt. Ein Bezirk nach dem anderen schaltet auf „Leave“. Englands ganzer Süden wird rot, Mittel- und Nordengland, Wales, nur die Schotten wollen nicht raus aus Europa.

          Der offene Brief wirkt absurd

          Zu Beginn der Wahlnacht ist von dem offenen Brief der 84 Abgeordneten die Rede, die David Cameron dringend aufforderten, nicht zurückzutreten, ganz gleich, wie das Referendum ausgehe. Der Appell erscheint mit fortschreitender Stunde immer absurder, da dürfte Premierminister Cameron seine Rücktrittserklärung, mit der er am nächsten Morgen staatsmännischen Eindruck macht, schon längst durchgesehen haben. Nigel Farage und seine Leute finden schnell wieder zu ihrer alten Form. Das sei das Ende der EU, jubeln sie, von einem neuen Unabhängigkeitstag Großbritanniens ist die Rede.

          Am Morgen ist es Gewissheit: 51,9 Prozent der Wähler haben für den Brexit gestimmt. Von der EU und aus Berlin hören wir die wie üblich gestanzten Durchhalteparolen, sei es von EU-Parlamentspräsident Martin Schulz oder von der Bundeskanzlerin. Auch ihre Welt ist in Unordnung geraten. Ob sie sich fragen, welchen Beitrag sie zum Ausgang des EU-Referendums in Großbritannien geleistet haben? Angela Merkels Politik der offenen Grenzen hat in ganz Europa durchschlagenden Eindruck gemacht und gilt nicht nur in Großbritannien als Akt des Aufgebens staatlicher Souveränität. Man fragt sich, wie eine solche Wahlnacht bei uns im Fernsehen wohl aussähe und was sie der Berliner Politik wohl bescherte.

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