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„Tatsächlich Brexit“ : Boris Johnsons Charme-Offensive

Bild: YouTube/Conservatives

Mit einem Video, das eine berühmte Szene aus dem Weihnachtsklassiker „Tatsächlich Liebe“ nachstellt, bittet der britische Premierminister Boris Johnson um Wählerstimmen. Es ist überraschend gelungen – und bietet trotzdem unerwünschten Subtext.

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          Mehr als 23.000 Likes hat Boris Johnsons neuester Wahlwerbespot innerhalb von nur dreizehn Stunden auf Twitter eingesammelt. Man kann der Zahl beim Wachsen zusehen. Es ist eine Hommage an den beliebtesten britischen Weihnachtsfilm der letzten Jahrzehnte: „Tatsächlich Liebe“, im Original „Love, Actually“.

          In der Szene des Episodenfilms steht ein Mann vor der Tür einer Frau, in die er heimlich verliebt ist, und zeigt ihr zum getragenen Chorgesang von „Silent Night“ Schilder, auf die er seine Gefühle und Gedanken geschrieben hat. Bei Boris Johnson haben die allerdings wenig mit Liebe zu tun. Der Kernsatz lautet: „We only need 9 more seats to get a majority“. Aber gut, manchmal hilft es Politikern eben, wenn sie nicht selbst reden, sondern nur das zeigen, was zuvor für sie aufgeschrieben wurde. Der schweigend dastehende Boris Johnson ist jedenfalls die sympathischste Version seiner selbst.

          Der Auftritt eines Mannes, der weiß, dass er verloren hat

          Es gibt da nur ein einziges Problem: Im Film ist das überhaupt keine triumphale Szene. Die Schilder und den Chorgesang vom Band benutzt der heimlich Verliebte nur deshalb, weil seine Angebetete verheiratet ist, ausgerechnet mit seinem besten Freund, der unterdessen im Wohnzimmer sitzt und die Liebeserklärung nicht mitbekommen soll. Es ist der Auftritt eines Mannes, der weiß, dass er verloren hat. Der kapituliert, weil er es nicht rechtzeitig geschafft hat, die Frau für sich zu gewinnen, und sie jetzt anderweitig vergeben ist.

          In „Tatsächlich Liebe“ läuft sie ihm immerhin noch hinterher für einen Kuss. Ob Boris Johnson die Herzen der Wählerinnen, auf die das Video eindeutig abzielt, gewinnen konnte, bleibt allerdings unklar. Falls es doch nicht reicht, gäbe es aber noch andere Szenen aus dem Film, mit denen er versuchen könnte, sich beim Volk beliebt zu machen: Hugh Grant als Premierminister, der zu „Jump For My Love“ von den Pointer Sisters durch die Downing Street Nr. 10 tanzt, ist ebenfalls nachahmenswert.

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