https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/breitscheidplatz-terror-wer-befahl-anis-amri-den-anschlag-17680884.html

ARD zu Breitscheidplatz-Terror : Wer befahl Anis Amri den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt?

Anis Amri in einem am 23. Dezember 2016 veröffentlichten Propagandavideo der IS-nahen Amaq News Agency Bild: AFP

Der Film „Weihnachtsmarkt. Anschlag“ zeigt, dass die Terrorattacke längst nicht aufgeklärt ist. Anis Amri war kein Einzeltäter. Die RBB-Doku will den Auftraggeber gefunden haben: der IS-Terrorist Ali Hazim Aziz, genannt „Abu Bara'a al Iraqi“. Er soll noch am Leben sein.

          3 Min.

          Am Abend des 19. Dezember 2016, kurz nach zwanzig Uhr, steuert der IS-Terrorist Anis Amri einen Sattelzug in den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz in Berlin. Er tötet elf Menschen und verletzt um die hundert schwer. Den aus Polen stammenden Lastwagenfahrer hat Amri vorher erschossen. Der Attentäter entkommt. Auf Videoaufnahmen aus einem S-Bahnhof ist er nach dem Anschlag zu sehen. Er grinst. Er macht den Erkennungsgruß der Terrorgruppe IS – den ausgestreckten Zeigefinger.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Die Berliner Polizei tappt im Dunkeln. Amri, der 2015 mit der großen Flüchtlingswelle nach Deutschland kam, schafft es bis nach Italien. Am 23. Dezember wird er in Sesto San Giovanni in der Lombardei bei einem Schusswechsel mit zwei Polizisten getötet. Am Tag nach dem Anschlag bekundet Bundeskanzlerin Angela Merkel Opfern und Hinterbliebenen ihre Anteilnahme und ihr Entsetzen über die Tat. „Sie wird aufgeklärt werden, in jedem Detail“, sagt Merkel. „Und sie wird bestraft werden, so hart es unsere Gesetze verlangen.“

          Aufgeklärt sind die Hintergründe nicht

          Für Überlebende und Hinterbliebene ist das Hohn. Aufgeklärt sind die Hintergründe des Anschlags mitnichten. Das zeigte sich, als der Untersuchungsausschuss des Bundestags Ende Juni dieses Jahres seinen 1900 Seiten umfassenden Bericht zum Attentat vom Breitscheidplatz vorlegte. Und das zeigt der Film „Weihnachtsmarkt. Anschlag – Das Netzwerk der Islamisten“ von Sascha Adamek, Jo Goll und Norbert Siegmund, den das Erste heute und der RBB morgen zeigt: Das Versagen der Sicherheitsbehörden ist offenkundig; das Bemühen, die Fehler zu vertuschen und den Fall mit dem Tod des Attentäters für abgeschlossen zu erklären, ist es ebenso. Dabei sind die Hintermänner nicht gefunden. Die RBB-Rechercheure glauben den wichtigsten Planer zu kennen: der IS-Kader Ali Hazim Aziz, genannt „Abu Bara'a al Iraqi“. Er soll noch am Leben sein.

          Das Fazit des FDP-Abgeordneten Benjamin Strasser, der für seine Partei im Bundestagsausschuss saß, lautet in Film jedenfalls: „Anis Amri war alles, nur kein Einzeltäter.“ Auf diesen Punkt haben FDP, Grüne und Linke bei ihrem Sondervotum zum Breitscheidplatz-Bericht Wert gelegt. Die Journalisten Adamek, Goll und Siegmund zeigen, was das bedeutet: Es gibt keine wirkliche Aufklärung. Diese aber ist nötig. Für Überlebende wie den Ersthelfer Gerhard Zawatzki und für Hinterbliebene wie Astrid Passin, die bei dem Terroranschlag ihren Vater verlor, wäre sie die einzig wirksame Medizin.

          Trailer : „Weihnachtsmarkt. Anschlag – Das Netzwerk der Islamisten"

          Echte Aufklärung könnte zudem die Gefahr verringern, dass sich ein Anschlag wie dieser – quasi unter den Augen der Behörden vorbereitet – so leicht wiederholen ließe. Einzeltäter, Fall erledigt? Der Film legt dar: Noch Sekunden vor seiner Tat chattete Amri mit seinem „Mentor“ vom IS, zwei mutmaßliche Komplizen wurden nach der Tat einfach abgeschoben. Und der für Terrorakte in Europa, insbesondere in Deutschland, Frankreich und Großbritannien, zuständige IS-Kader Abu al-Bara'a? Im Film hören wir Sadi Ahmed Pire, Vorstandsmitglied und außenpolitischer Sprecher der Patriotischen Union Kurdistans (PUK) sagen, von irakischen Sicherheitskreise werde Abu al-Bara'a weiter als gefährlich eingeschätzt und auf der Terrorliste des Landes geführt.

          Die Materialien und Zeugenaussagen, die Adamek, Goll und Siegmund zusammentragen, sind bedrückend. Sie folgen Spuren in den Irak, in Amris Heimat Tunesien und zu einem IS-Netzwerk, in dem auch der Salafist und frühere Rapper Denis Cuspert, der Anfang 2018 in Syrien ums Leben kam, eine Rolle spielt. Die Journalisten zeigen das Versagen der Behörden in Nordrhein-Westfalen und Berlin auf. Dort war das LKA unterbesetzt, der Fall des Anis Amri, den Polizei, BND und Verfassungsschutz auf dem Radar hatten, ging zu den Akten. Die Berliner Islamisten-Moschee, in der sich Amri bis kurz vor der Tat aufhielt, wurde vom auf der anderen Seite der Straße liegenden Polizeirevier gefilmt, doch niemand wertete die Bilder aus.

          Der Weihnachtsmarkt in Berlin, am Tag  nach dem Terroranschlag
          Der Weihnachtsmarkt in Berlin, am Tag nach dem Terroranschlag : Bild: dpa

          Das Trauma „ist ein Leben lang da“, sagt der Psychologe, bei dem der Ersthelfer Zawatzki in Behandlung ist, „bis zum letzten Atemzug“. Echte Aufklärung könnte den Betroffenen den Glauben an Menschlichkeit und Gerechtigkeit wiedergeben. Der FDP-Mann Strasser ist gerade Parlamentarischer Staatssekretär im Justizministerium geworden. Die Grünen-Politikerin und frühere Polizistin Irene Mihalic, die im Film ebenfalls mangelnde Aufklärung beklagt, ist parlamentarische Geschäftsführerin ihrer Fraktion. Sie sind jetzt an der Regierung. Sie könnten tun, wonach sie in der Opposition verlangt haben. Sie könnten tun, was das Anschlagsopfer Andreas Schwartz, wie gerade bekannt wurde, vom neuen Bundeskanzler Olaf Scholz fordert: den Untersuchungsausschuss wieder einsetzen. Wer wissen will warum, sollte sich in Zeiten, in denen ob der Corona-Pandemie vieles aus dem Blick gerät, den Film von Adamek, Goll und Siegmund ansehen: Die Akte Amri ist lange nicht geschlossen. Neue Ermittlungen sind nötig.

          Anfang Oktober ist ein Ersthelfer, der beim Versuch, nach dem Attentat auf dem Breitscheidplatz Menschenleben zu retten, selbst schwer verletzt wurde, an den Langzeitfolgen seiner Verwundung gestorben. Er wurde 49 Jahre alt. Das dreizehnte Terroropfer.

          Weihnachtsmarkt. Anschlag – Das Netzwerk der Islamisten läuft um 22.50 Uhr im Ersten, morgen um 20.15 Uhr im RBB. Eine dreiteilige Langfassung findet sich in der ARD-Mediathek.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Schwarzseher bevorzugt: Dunkle Module sind schick, aber teurer.

          Der Weg zur Solaranlage : Jetzt mache ich meinen Strom selbst

          Photovoltaik erlebt einen Ansturm wie nie. Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine wollen die Menschen hierzulande nur noch eins: energieautark sein. Zwischen Wunsch und Wirklichkeit liegen Fragen der Technik. Und 20.000 Euro.

          Eintracht gegen Rangers : Ein Fest des Fußballs alter Zeiten

          Klubs wie die Eintracht und die Rangers wirken im Vergleich mit den Superreichen wie Winzlinge. Doch das Finale von Sevilla stärkt ihr Selbstbewusstsein. Es gibt noch andere Werte als das große Geld.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Bildungsmarkt
          Alles rund um das Thema Bildung
          Sprachkurs
          Verbessern Sie Ihr Englisch
          Sprachkurs
          Lernen Sie Französisch