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Stimmungsbild aus Brasilien : Die WM kommt – so oder so

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Die metaphorische Markise hängt – einigermaßen zumindest

In seiner Kolumne bei der „Folha de São Paulo“, einer der größten brasilianischen Tageszeitungen, zog Antonio Prata Anfang Juni einen sehr schönen Vergleich. Unter dem Titel „Vai ter toldo“ („Die Markise kommt“) schrieb er, die Diskussionen um die WM erinnerten ihn an seine Hochzeit: „Es kommt der Moment, in dem irgendjemand – eine Schwiegermutter, ein Schwager oder eine Bekannte der Cousine der Nachbarin – die Frage stellt 'sollen wir nicht eine Markise anbringen? Und wenn es regnet, Leute? Wir müssen eine Markise haben!'“

Nun regnet es in den meisten Teilen Brasilien – das dünn besiedelte Amazons-Gebiet einmal ausgenommen – eher wenig, und die Anschaffung einer Markise ist in ihrer Notwendigkeit und Unsinnigkeit ungefähr gleichzusetzen mit dem Bau von Stadien in Städten, in der es keinen Verein gibt, der später darin spielen könnte (siehe Brasília, Manaus, Cuiabá, Natal).

Die Anbringung der Markise, so Antonio Prata weiter, stellte sich natürlich auch noch als komplizierter und teurer heraus, als zunächst gedacht. „Und wenn du realisierst, dass du vielleicht dein Auto verkaufen musst (oder deinen Körper), um die Rechnung zu bezahlen, fragst du dich: Lohnt sich das überhaupt?“

Es bestehe kein Zweifel daran, dass bei der Planung des Festes (der Hochzeit, der WM) einiges schief gegangen ist. Aber das ist noch lange kein Grund, alles abzusagen oder zu boykottieren: „Wenn die WM ein Fiasko wird, trägt das auch nicht zur Alphabetisierung der Gesellschaft bei“, schreibt Prata, „und es löst auch nicht die Probleme im Gesundheitswesen oder verbessert die Verkehrssituation.“ Sich selbst der WM zu berauben, diesem größten Fußball-Spektakel der Welt, mache Brasilien nicht besser, nur das Leben langweiliger.

Auf diese Langeweile scheinen viele Brasilianer keine Lust zu haben. Sie posten – alle unter dem Hashtag #VaiTerCopa – Bilder von ihrem mit Flaggen geschmückten Arbeitsplatz; von Fußballspielen am Strand, der Zuckerhut im Hintergrund; von allem, was gelb und grün ist – Straßen, Menschen, die Christusstatue. Mancher Bildhintergrund ist sauber und aufgeräumt, wie das Großraumbüro, anderer dreckig und ein wenig abgehalftert. So ergibt sich langsam ein Puzzle, und es ist ein ziemlich buntes.

Unter dem Hashtag werden bei weitem nicht nur fröhliche Bilder geschmückter Straßen und grün-gelber Flaggen verbreitet, sondern auch Berichte über die Schattenseiten der WM. „Die WM kommt, und Sie können mit Karte zahlen“, wird zum Beispiel eine Reportage des britischen „Independent“ über Prostituierte in Belo Horizonte kommentiert.

Vorfreude auf die Weltmeisterschaft ist eben nicht damit gleichzusetzen, die Probleme zu ignorieren. „Ich glaube, dass die WM eine Gelegenheit ist, über die Probleme zu reden“, sagt auch Alexandre Rodrigues, „aber sie ist nicht deren Ursache. Brasilianer sind oft solche Manichäisten: Eine Sache kann nur entweder absolut toll oder total schlecht sein, es gibt kein Mittelding.“ Die Berichterstattung aus Brasilien hat mitunter ein ähnliches Problem: Entweder dreht sie sich um das Elend in den Favelas, die Ungerechtigkeit, die Korruption – oder aber um die Lebensfreude und die schönen Strände in diesem großen Land.

Betrachtet man Blogeinträge und Posts der letzten Tage und Wochen, ergibt sich durchaus ein differenziertes Bild. Es ist nicht plötzlich alles super in Brasilien, nur weil die WM bald losgeht, und die Regierung wird einige Fragen beantworten müssen, will sie im Herbst wiedergewählt werden. Aber es ist eben auch nicht alles schlecht. Vincent Bevins, Korrespondent in São Paulo, unter anderem für die L.A. Times, äußert auf Twitter einen frommen Wunsch für den kommenden Monat: „Ich hoffe, dass eines während der WM klar wird: Brasilien ist kein perfektes Land, aber es ist auch nicht ganz schlecht. Es ist ziemlich in der Mitte.“

Rio hat keine Metro – aber es bietet eine unvergleichliche Mischung aus Bergen, Meer und Metropole. Schon im „Normalzustand“ kommt man dort oder auch in São Paulo kaum von A nach B (wer es sich leisten kann, nimmt lieber gleich den Helikopter), das Verkehrschaos an WM-Spieltagen ist so gut wie garantiert – aber die Straßen werden grün und gelb geschmückt sein. Die metaphorische Markise für dieses sportliche Mega-Ereignis war ziemlich teuer – aber jetzt hängt sie, einigermaßen zumindest. Keine Ahnung, wie das ganze ausgehen wird, keiner weiß das. Aber sie kommt, die WM, sie kommt garantiert. #VaiTerCopa

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