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Polit-Doku bei Netflix : Wohin steuert Brasilien?

  • -Aktualisiert am

Protestmarsch: Szene aus der Dokumentation von Petra Costa. Bild: Netflix

Die Filmemacherin Petra Costa porträtiert ihr politisch gespaltenes Heimatland in einer Netflix-Doku auf so persönliche wie erhellende Weise. Sie warnt vor dem Ende der Demokratie.

          Oscar Niemeyer ist schuldlos. Der Jahrhundert-Architekt aus Rio de Janeiro hatte seiner in Brasília betonmonumental zur Stadt geronnenen Vision eines modernen Brasilien die Idee von Gleichheit und Offenheit eingebaut. Die scharfen Kanten seines Lehrers Le Corbusier wurden ins menschlich Freundliche abgebogen, Säulen in Schwung versetzt, Dächer zu Versammlungsorten erklärt. Mit dem Präsidentenpalast, dem Palácio da Alvorada, den wir im Dokumentaressay von Petra Costa durchschreiten, erschuf Niemeyer einen regelrecht utopischen Ort mit Anspruch auf Transparenz der Herrschaft.

          Vielleicht hatte Brasiliens Kurzzeitpräsident Michel Temer, dessen Aufstieg intransparent verlief – durch den Koalitionsbruch des Vizepräsidenten Temer mit der verbündeten Arbeiterpartei PT war der Weg zur Amtsenthebung von Dilma Rousseff frei geworden –, vielleicht also hatte dieser Mann, den die Linke als „Putschist“ tituliert und gegen den heute wegen Korruption ermittelt wird, so unrecht nicht, als er im März 2017 aus dem frisch renovierten Niemeyer-Gebäude gleich wieder auszog, weil es seiner Meinung nach darin spuke. Man kann nur hoffen, dass die Geister der Demokratie hier tatsächlich noch lebendig sind, hält doch mit dem ehemaligen Fallschirmjäger Jair Bolsonaro inzwischen ein homophober, den Klimawandel leugnender, für Regenwaldabholzung und freien Zugang zu Waffen eintretender Rechtspopulist, der offen die Zeit der Diktatur verehrt, die Schlüssel zum Präsidentenpalast in der Hand.

          Auch in Brasilien haben die Rechtskonservativen die Mehrheit errungen. Linke Kräfte, die unter den Präsidenten Lula da Silva und Dilma Rousseff zwar einige Erleichterungen für die Armen des Landes durchsetzen konnten, das System der Korruption jedoch keineswegs abgeschafft haben, stehen unter Druck. Sie haben aber noch zahlreiche Unterstützer. Dieser Tage eskalieren die Proteste gegen eine von Bolsonaros Regierung geplante Rentenreform. Es könnte also keinen idealeren Zeitpunkt für diesen Film geben, der viel von den Zuständen in Brasilien zu erklären vermag, gerade weil er sich als subjektiver Einblick zu erkennen gibt. Das Subjektive, eine kritisch reflektierte Parteinahme für Lula und Rousseff, kommt hier jedoch nicht im Michael-Moore-Stil als Gegenpropaganda zum Tragen, sondern als Verbindung aus Autobiographie und kommentierender Dokumentation.

          Petra Costa, mit Mitte dreißig in etwa so jung wie die Demokratie in ihrem Land, hat den Film aus Sorge um ihre Nation gemacht. Diese sieht sie „auf ihre autoritäre Vergangenheit zurasen“. Die stilistisch und programmatisch in der Tradition von Agnès Varda stehende Regisseurin, die 2012 mit einem intimen Film über den Suizid ihrer Schwester („Elena“) bekannt wurde, fügt zwischen Bilder aus dem Inneren der Machtelite private Filmausschnitte ein, die sie selbst als Kind und junge Frau zeigen. Das hat seine Berechtigung. Die Filmemacherin steht biographisch zwischen den verfeindeten Schichten. Ihre Großeltern, wohlhabende Bauunternehmer, zählten zum Establishment. Die Eltern wiederum entschlossen sich in den sechziger Jahren zum Kampf gegen die Militärdiktatur, was viele Jahre im Untergrund bedeutete. Costas Mutter und Dilma Rousseff, zwei Ex-Guerrilleras, die im selben Gefängnis einsaßen, treffen sich vor der Kamera der Tochter zum ersten Mal und sprechen über ihre geplatzten Träume. Rousseff bedauert vor allem, nie mehr anonym sein zu können.

          Der Film folgt dem Aufstieg des Gewerkschafters Lula da Silva, der 2003 Präsident wurde und nach zwei Amtszeiten noch seine Parteifreundin Rousseff als Nachfolgerin installieren konnte, bevor ihn die „Operation Lava Jato“ genannten Ermittlungen im Zuge der Petrobras-Korruptionsaffäre einholten. Dass Lula von dem Ermittlungsrichter Sérgio Moro, heute Justizminister, 2017 ohne wirkliche Beweise zu einer langen, von einem Berufungsgericht noch verlängerten (inzwischen leicht abgesenkten) Haftstrafe verurteilt wurde, hat einen Beigeschmack. Der populäre Lula war zu diesem Zeitpunkt aussichtsreichster Präsidentschaftskandidat, konnte nun aber nicht mehr gegen Bolsonaro antreten. Soeben aufgetauchte Tonaufnahmen stützen diesen Eindruck.

          Costa befürchtet, dass die brasilianische Demokratie nicht stark genug sein könnte, um es mit den Reichen aufzunehmen: „Wir sind eine Republik aus Familien, manche kontrollieren die Medien, andere die Banken. Sie besitzen den Boden, das Gestein und das Eisen.“ Dass die politische Elite des Landes zuletzt sämtliche demokratischen Umgangsformen über Bord warf, sehen wir im Film: Wer am längeren Hebel sitzt, lenkt die Justiz; aus politischen Gegnern werden persönliche; Abgeordnete brüllen einander ebenso nieder wie Demonstranten. Costas Filmessay erweist sich als nachdenklicher, als die aufgeregten, teils exklusiven Bilder etwa von der Verhaftung Lulas suggerieren. Am erschreckendsten ist die Unversöhnlichkeit, mit der aufgehetzte Menschen hier aufeinanderprallen. Ob sie sich gegenseitig noch Würde und Freiheit zugestehen, scheint mehr als fraglich.

          The Edge of Democracy – Am Rande der Demokratie, bei Netflix.

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