https://www.faz.net/-gqz-6m1i9

BR verschiebt „Polizeiruf 110“ mit Matthias Brandt : Ein privater Attentäter

Ein neuer Typ vom Kommissar: Hanns von Meuffels, gespielt von Matthias Brandt Bild: NDR/Sandra Hoever

Im September wollte der Bayerische Rundfunk die zweite Folge seiner neuen Beiträge zum „Polizeiruf 110“ ausstrahlen: Es geht darin um einen Attentäter, der seine Morde überlebt. Nun hat man die Sendung, auch wegen der Ereignisse in Norwegen, verschoben.

          Mit seinem neuen „Polizeiruf“ hat der Bayerische Rundfunk viel vor. Die besten Regisseure wurden verpflichtet - zum Auftakt im August Dominik Graf - und mit Matthias Brandt und Anna Maria Sturm zwei renommierte Hauptdarsteller. Einen neuen Kommissartypus will die zuständige Redakteurin Cornelia Ackers einführen. Hauptkommissar Hanns von Meuffels, gespielt von Brandt, soll ein aufgeklärter „Wertkonservativer“ der „Post 68“-Generation sein, jemand, der „für eine Kurskorrektur in unserer Gesellschaft“ stehe, für „ein ungeheuer brisantes Lebensgefühl“, der an „Werte wie Höflichkeit und Menschlichkeit“ glaubt, dem aber Tradition um der Tradition willen widerstrebt.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Dieser Kommissar steht in seinem zweiten Fall, der im September im Ersten gezeigt werden soll, unter dem Episodentitel „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ inmitten einer Geschichte, die angesichts des Massenmords in Norwegen traurige Aktualität besitzt - es geht um einen Selbstmordattentäter, der mit einem Bombenanschlag zahlreiche Menschen in den Tod reißt, selbst aber überlebt.

          Dieser Fall soll nun aber nicht zur üblichen ARD-Sonntagskrimizeit um 20.15 Uhr, sondern erst um 22 Uhr gezeigt werden. Dafür hat eine „dringende Empfehlung“ der Jugendschutzbeauftragten des BR, Sabine Mader, gesorgt. Sie hat davon abgeraten, den Film um Viertel nach acht zu zeigen und damit für ein Publikum von zwölf Jahren an freizugeben. Der Fernsehdirektor Gerhard Fuchs ist der Empfehlung gefolgt.

          Entspannende Momente finden sich kaum

          Ohne Frage sei dem Regisseur Hans Steinbichler ein „packender und außergewöhnlicher Film gelungen“, die darstellerische Leistung des Schauspielers Matthias Brandt sei „herausragend“, doch sei den Bedenken des Jugendschutzes Rechnung zu tragen: „Eine Verschiebung der Sendezeit ist keine Zensur. Es handelt sich um eine Entscheidung zum Schutz von Kindern.“ Ein späterer Sendetermin werde „beidem gerecht - der Freiheit der Kunst und dem Jugendschutz“.

          Die Jugendschutzbeauftragte Sabine Mader weist in der vom Bayerischen Rundfunk zitierten Stellungnahme auf die Darstellung des in einem Tunnel stattfindenden Bombenanschlags hin. „Die Vielzahl der schrecklichen Bilder nach dem Selbstmordattentat im Tunnel und die durchgängig gehaltene Spannung, durch die Angst vor einem weiteren Attentat, sind für Kinder als problematisch anzusehen. Entspannende Momente finden kaum statt.“

          Ohne den Film gesehen zu haben, darf man eine solche Begründung für nachvollziehbar halten. Eine Verschiebung ist keine Zensur, sie geht freilich einher mit einem Affront den Kreativen gegenüber, dem Regisseur, der Redaktion und den Schauspielern. Und sie zeugt vielleicht von ein wenig Angst vor der eigenen Courage, wie sie die ARD vor fünf Jahren zeigte, als der WDR-Film „Wut“ von der besten Sendezeit ins Spätprogramm verschoben wurde.

          Damals ging es um Gewalt an der Schule am Beispiel des Anführers einer türkischen Jugendgang. Auch lässt sich ins Feld führen, dass der „Tatort“ und der „Polizeiruf“ generell kein für Zwölfjährige geeignetes Programm sind, angesichts der Stoffe, die dort verhandelt werden.

          Von grundsätzlichem Belang

          In einer anderen Einlassung der Jugendschutzbeauftragten des BR, welche die „Süddeutsche Zeitung“ zitiert, klingt zudem ein weiterer Aspekt an, der als Ausschlusskriterium für eine bestimmte Sendezeit mehr als fragwürdig ist. Der Staat, heißt es da, erscheine nämlich als „hilflos“ - als machtlos gegenüber einem Sexualtäter, um den es in dem Film auch geht, und gegenüber dem Selbstmordattentäter. Dabei soll es sich nach Angaben des BR aber um eine frühere, vorläufige Stellungnahme gehandelt haben, die entscheidende Einlassung der Jugendschützerin hebe eindeutig auf den Aspekt der Gewaltdarstellung ab.

          Die Darstellung von Gewalt darf nicht nur, sie muss der Maßstab für die Frage sein, was zu welchem Zeitpunkt im Fernsehen läuft, im öffentlich-rechtlichen zumal. Das ist von grundsätzlichem Belang, den auch die normative Kraft der faktisch allumfassenden und jederzeitigen Verfügbarkeit aller möglichen Darstellung im Internet nicht in Frage stellt.

          Die kritische Aussage eines Films hingegen fällt nicht ins Ressort der Jugendschützer. Das Thema - „ein privater Attentäter“, dessen Biographie „ihn in den Fanatismus drängt“ - sei „ein Bestandteil unseres Lebens und nicht unsere Erfindung“, sagt die zuständige Redakteurin Cornelia Ackers. Und damit ist es selbstverständlich ein Thema für den „Polizeiruf 110“ des Bayerischen Rundfunks. Nach einem neuen Sendeplatz für den Film wird noch gesucht.

          Weitere Themen

          Eine Familie unter Destruktionsgebot

          Andreas Maiers „Die Familie“ : Eine Familie unter Destruktionsgebot

          „Die Familie“ ist einer von elf Teilen, die der autobiographische Romanzyklus von Andreas Maier umfassen soll. Darin kommt er noch einmal zum Ursprung zurück, puzzelt sich seine Herkunft zusammen und bringt alles ins Rutschen.

          Topmeldungen

          Brasilien-Star für Bundesliga : Das ist der Bayern-Plan mit Coutinho

          Der Transfer-Coup ist gelungen, Philippe Coutinho ist ein Münchner. Doch wie soll der Brasilianer den Bayern nun am besten auf dem Rasen helfen. Die Vorstellungen der Münchner bei diesem Ein-Mann-Projekt sind klar.
          Unser Sprinter-Autor: Timo Steppat

          F.A.Z.-Sprinter : Eine Ursula-Koalition für Italien?

          In Italiens Regierungskrise entscheidet sich, ob es Neuwahlen gibt, „Fridays for Future“ feiert Geburtstag – und in Brandenburg denkt man über eine Kenia-Koalition nach. Was sonst noch wichtig wird, steht im F.A.Z.-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.