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BR Klassik : Wir gehen davon aus, dass Digital die Zukunft ist

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„Wir wollen der Kultur nichts Böses tun“ BR-Hörfunkdirektor Wagner. Bild: Markus Konvalin

Der Bayerische Rundfunk will seine Klassik-Welle nur noch digital bringen, dafür soll der Jugendkanal „Puls“ auf UKW senden. Ist das sinnvoll? Ein Gespräch mit BR-Hörfunkdirektor Martin Wagner.

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          Gleich zu Beginn Ihrer Amtszeit verprellen Sie viele BR-Hörer. Warum halten Sie an dem Plan fest, den Kanal BR-Klassik ins Digitale zu verbannen?

          Als Verbannung sehen wir es nicht. Wir halten daran fest, weil sich an den Grundannahmen nichts geändert hat. Der Bayerische Rundfunk erreicht zu wenige junge Menschen. Bei der Mehrheit unserer UKW-Programme ist das Publikum im Schnitt älter als fünfzig Jahre. Da kann man nicht sagen: Ist halt so. Ich habe heute Post aufgemacht von meinem Vorvorvorgänger Ernst Emrich. Er hat mir beigelegt, was er 1995 bei seinem Abschied geschrieben hat: Um die Zukunft des Radios mache er sich keine Sorgen, wenn es gelinge, die Jugend zu erreichen. Wir sind nicht besser geworden seitdem. Deswegen halten wir im Jahr 2014 an etwas fest, das wir 2016 umsetzen wollen. Klingt, als käme es aus heiterem Himmel, hat aber eine lange Geschichte.

          Der BR hat fünf Radiowellen, davon zwei mit leichterem Programm. Warum setzen Sie nicht dort mit der Verjüngung an? Warum ist die Klassikwelle dran, zumal nur sechs Prozent der Hörer Radio nicht über UKW empfangen?

          Das ist eine komplette Fehleinschätzung. Wir wollen der Kultur nichts Böses tun. Wir machen reichlich Kulturangebote, Bayern 2 nahezu ausschließlich. Im ZDF-Urteil hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass wir Öffentlich- Rechtliche uns nicht in Nischen zurückdrängen lassen dürfen. Wir haben den Auftrag, die Gesamtheit der Bevölkerung zu erreichen. Die Jugend gehört dazu. Beim Angebot wird nichts geschmälert. Es ist nur eine Frage des Verbreitungsweges. Puls ist ein junges Programm, das Dinge macht, die Private nicht machen: Wir fördern junge Künstler, bringen gesellschaftlich relevante Themen und sind mit etwa 25 Prozent Wortanteil alles andere als ein Hitradio.

          Warum nicht Bayern 3? Warum BR Klassik? Ältere Hörer werden vor den Kopf gestoßen.

          BR Klassik hat von allen unseren analog verbreiteten Wellen schon heute den höchsten Digitalisierungsgrad. Wir entwickeln uns mit unseren Hörern. Der Versuch, aus einem Erwachsenenradio ein Jugendradio zu machen, ist nirgendwo erfolgreich gewesen. NDR, WDR und HR haben eigene junge Wellen auf UKW aufgesetzt. Es geht nicht darum, dass wir den Privatradios massiv Konkurrenz machen wollen. Es geht darum zu sagen, wir können das junge Publikum nicht allein den Privatanbietern überlassen. Und wer, wenn nicht wir, kann die Digitalisierung vorantreiben? Das ist die Zukunft des Radios. Wir wollen auch einen digitalen Heimatkanal und einen Kinderkanal mit dem WDR machen. BR Klassik kann digital ein attraktives Angebot sein. Dann muss natürlich die Abdeckung mit Frequenzen gegeben sein. 2016 ist es so weit, dann bei BR Klassik sogar besser als mit UKW.

          Sie zwingen die Hörer, neue Geräte zu kaufen – für den digitalen Empfang.

          Von drei Millionen Digitalradios in Deutschland steht eine Million in Bayern. Wir sehen über einen Zeitraum von zwei, zweieinhalb Jahren die Chance, der Bevölkerung zu sagen: Das ist ein Angebot, das sich für euch lohnt. Es war ja auch überhaupt kein Thema, den digitalen Fernsehsatelliten bei 1,4 Millionen Zuschauern in Bayern durchzusetzen. Kein Aufschrei, nichts. Die Umstellung hat funktioniert. Dabei sind Fernsehreceiver teurer als ein Durchschnitts-DAB-Radio.

          Was machen andere ARD-Sender, wenn BR Klassik digital im ganzen Land zu empfangen ist? Schaffen die ihre Orchester ab, weil BR Klassik diese Musik in Perfektion bundesweit liefert?

          Nein. BR-Klassik ist schon heute bundesweit in perfekter digitaler Qualität über Satellit und Kabel zu empfangen. Nach Ihrer Logik dürfte es außerhalb Bayerns also schon jetzt keine Rundfunkorchester mehr geben. Im Ernst: Die Klangkörper sind uns wirklich wichtig. Allein der BR investiert jährlich zweistellige Millionensummen in diesen Bereich.

          Trotzdem zwingen Sie die Leute, sich ein neues Radio zu kaufen.

          Wir glauben, unser Angebot ist so gut, dass sie sagen, ich kaufe mir einen Adapter. Es ist aber wichtig, dass die anderen Programme wie Bayern 1 mitziehen und auch für Digitalradio werben. Wir gehen davon aus, dass Digital die Zukunft ist.

          Dann können Sie mit Puls digital bleiben.

          Wir brauchen UKW für eine bestimmte Zeit, um für Puls Bekanntheit zu schaffen.

          Verstehen Sie die existentiellen Sorgen der Privatradios in Bayern?

          Die Sorgen halte ich für übertrieben, weil unser Angebot so speziell ist, dass es sich nicht überschneidet. Der Radiomarkt in Bayern ist in etwa halbe, halbe aufgeteilt, und so soll es aus unserer Sicht auch bleiben. Dass die Privaten ihren Markt verteidigen, halte ich für legitim. Ihnen aber den ganzen jugendlichen Markt zu überlassen, können wir uns nicht leisten.

          Was, wenn ein Richter dem BR UKW-Frequenzen wegnimmt und den Privaten gibt, weil der BR nicht mehr an den Kulturauftrag im UKW-Radio glaubt?

          Das geht deswegen nicht, weil das Bundesverfassungsgericht sagt, dass wir die gesamte Bevölkerung versorgen müssen. Wenn wir es nicht tun, wer soll die Jugendlichen seriös mit politischen Themen in Verbindung bringen, damit sie informiert wählen können? Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sind für ein demokratisches System unverzichtbar. Wir sind ein Stabilitätsfaktor für die Demokratie. Wir müssen plural und unabhängig sein. Wer wählt denn heute noch? Zu wenige und vor allem zu wenig Junge. Wir müssen in jungen Programmen über Europa reden. Das gehört für mich auch zum Kulturauftrag.

          Die Fragen stellte Jörg Michael Seewald.

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