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Götz Georges letzte Rolle : Das Vermächtnis des Berserkers

  • -Aktualisiert am

Am 23. Juli verstarb Götz George im Alter von siebenundsiebzig Jahren. Er spielte bis zuletzt – so in dem Film, den die ARD jetzt am Tag der Deutschen Einheit zeigt. Bild: ARD Degeto/Daniela Incoronato

In dem Fernsehfilm „Böse Wetter“ sehen wir Götz George in seiner letzten Rolle. Nur das lohnt das Einschalten. Im Gedächtnis behalten wir den Schauspieler mit anderen Auftritten.

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          Für seine Darstellung eines zurückgezogen lebenden älteren Antiquars, der sein zum Brennpunkt gewordenes Viertel nicht mehr der eskalierenden Gewalt überlassen will und zur Selbstjustiz greift, erhielt Götz George 2011 den Preis der „Marler Gruppe“. Umstritten war der Film „Zivilcourage“, umstritten auch Georges Figur, die Gewalt mit Gegengewalt erwidert. In der Art, wie George sie spielte, gab er sich, wie häufig in seiner Filmographie, als Nachfahr des unerschrockenen Götz von Berlichingen zu erkennen. Als einer, der aus Gründen der Wiederherstellung der Gerechtigkeit am Gesetz vorbei handelt. Als Aufrechter, vor dessen Gewissen sich das Gesetz bewähren muss – und nicht umgekehrt.

          Beim Publikumspreis der „Marler Gruppe“ geht es stellvertretend um die Zuneigung des gesamten Publikums. Götz George hat ihn nicht nur einmal bekommen, diesen Preis, sondern öfter. Viele andere auch. Doch Zuneigung, Liebe gar, fand George nach eigener Ansicht hierzulande nie genug. Trotz der großen Verehrung, die dem Duisburger „Tatort“-Kommissar nach einem Jahrzehnt noch siebzehn Soli mit „Schimanski“ bescherte. Trotz der Erfolge, die Publikum und Kritik im Preisen vereinten, seien es Rollen wie ein Martin Luther am Theater, die Verkörperung des Serienmörders Fritz Haarmann in „Der Totmacher“, des NS-Arztes Josef Mengele in „Nichts als die Wahrheit“ oder satirische Rollen bei Helmut Dietl („Schtonk!“, Rossini“, „Zettl“). Ob als an Alzheimer erkrankter Vater von Klaus J. Behrendt in „Mein Vater“ oder als heimlicher Liebhaber im Melodram „Novembermann“ – den unterschiedlichsten Figuren gab der Schauspieler seine Mischung aus spielerischem Berserkertum und scharf konturierter Präzision. Götz George, so hieß es anlässlich seines Todes im Juni 2016 an dieser Stelle, war ein „Tausendsassa“. „In jedes (Genre) und in jede Rolle begab er sich mit Haut und Haaren.“

          Ein Bergbau-Baron im Harz

          In seiner letzten Rolle in „Böse Wetter – Das Geheimnis der Vergangenheit“ ist George nun Friedrich Türnitz, der Bergbau-Baron in Buchenrode im Harz, dessen „Harzer Pyrit Bau“ direkt an der ehemaligen innerdeutschen Grenze liegt. Das Gewerbe hat schon bessere Tage gesehen, aus den ehemals mehreren hundert beschäftigten Kumpel sind dreißig geworden, viele Stollen wurden stillgelegt. Leo Gehra (Matthias Koeberlin), in der Gegend aufgewachsen und nie mehr zurückgekehrt, weil er seiner Mutter Ilona (Gudrun Landgrebe) Untreue unterstellt, ist nun promovierter Bergbauingenieur und Erfinder eines stollenerkundenden Roboters, mit dem es möglich ist, unterirdisch gefährliche Passagen zu untersuchen. Die Geologin Kathrin Renneberg (Catherine Bode) arbeitet für Türnitz und vermutet Silbervorkommen im Hohberg, besonders aber im gesperrten Regina-Stollen, in dem Leos Vater 1978 den Tod fand. Kathrin, Kinderfreundin von Leo, überredet ihn zur Rückkehr, Nina (Liane Forestieri), Ehefrau, stimmt mit ein.

          Während einige der Kumpel nur knapp einem Einsturz unter Tage entgehen, verhandelt Türnitz mit Holländern, die aus dem Bergwerk einen Vergnügungspark machen wollen. Fände man Silber, wäre die Zukunft der Region gerettet, blieben die Arbeitsplätze der Bergleute erhalten. Doch die Behörde gibt den Stollen nicht frei. Karten sind falsch oder verschwunden. Was hatte die Stasi mit dem Tod von Leos Vater zu tun, und wer ist der „IM Brocken“? Dramatisch wird es, als Türnitz’ achtjähriger Sohn Valentin (Claudius Schulte) im Stollen verschwindet und der Vater alias George sich durch niedrige Gänge, einstürzende Nebenwege und Sackgassen tief im Berg kämpft, den unangenehme Fragen stellenden Leo im Schlepptau.

          Stellen Fragen an die Vergangenheit: Matthias Koeberlin, Liane Forestieri und Gudrun Landgrebe (von links).
          Stellen Fragen an die Vergangenheit: Matthias Koeberlin, Liane Forestieri und Gudrun Landgrebe (von links). : Bild: ARD Degeto/Volker Roloff

          In einer für fernsehhistorisch Interessierte hübschen Szene sieht man in „Böse Wetter“ Gudrun Landgrebe und Götz George zum letzten Mal zusammen. Sie treffen Absprachen, es geht um eine Vergangenheit, die geheim bleiben soll. Sind die beiden, in Dominik Grafs „Die Katze“ leidenschaftlich verbunden, hier auch ein Liebespaar? Den Türnitz zeigt George gewohnt kraftvoll, Landgrebes Figur dagegen ist zart und diskret leidend. Beiden sieht man, ebenso wie Matthias Koeberlin in der Hauptrolle, gerne zu. Aber für ein Vermächtnis taugt „Böse Wetter“ in seiner krude ersonnenen Mischung aus zeithistorischem DDR-Melodram, Krimi und Liebesgeschichte kaum. Blass bleiben die Nebenfiguren, die Handlungsbögen fallen auseinander, vor allem aber überzeugen die Szenen in und rund um das Bergwerk nicht. Sie sehen billig aus, als hätte man an allem sparen müssen, zuallererst an Ausstattung und Drehzeit. Wenn drei oder vier Bergleute mit Trage auf Rettungsmission durch den Wald stapfen, fragt man sich, wo die anderen abgeblieben sind (Kamera Anton Klima), warum der Regina-Stollen ohne Vorwarnung gerade jetzt einstürzt (weil das Drehbuch von Nicholas Hause und Michael Gebhardt nach einer Idee von Elisabeth Herrmann es so will) und ob man nicht etwas mehr Logik in die ganze Chose hätte bringen können (Regie Johannes Grieser). Den Film kann man getrost vergessen. An Götz George werden wir uns mit anderen Rollen erinnern.

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