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Börsenmeldungen : Die Welt geht unter, wir gehen mit

  • -Aktualisiert am

Jede Zuckung wird kommentiert: Marktkommentatoren brauchen Medien Bild: dpa

Wenn Medien in Echtzeit agieren, verstellen sie den Blick auf das, was sie erklären sollen. Sie werden zu sinnlosen Meldungsautomaten. Die Berichte zur Börse sind das beste Beispiel.

          Der Weltuntergang kam am vergangenen Wochenende aus dem Nichts. Wenige Tage zuvor hatten die Vereinigten Staaten den politisch motivierten Staatsbankrott gerade noch einmal abgewendet. Auch die Europäische Union war nicht untätig geblieben. Die jüngste Eurokrise schien mit den Brüsseler Gipfelbeschlüssen vom 21. Juli eine mehr als nur vorläufige Antwort gefunden zu haben. Aber Fakten zählen nicht mehr. Denn plötzlich wird, am Freitagabend, die Rating-Agentur Standard & Poors zum Orakel von Delphi mit Sitz in New York. Sie teilt uns ihre Meinung mit. Die Schulden der Vereinigten Staaten seien nun erstmals in der langen Geschichte des Landes nicht mehr absolut risikolos, sondern nur noch fast ohne Risiko. So kann sich der Laie den Unterschied zwischen der Bewertung „AAA“ und „AA+“ vorstellen.

          Die Akteure an den Märkten und die Beobachter der Akteure in den Medien waren erschüttert. Es ging, dieser Hinweis sei gestattet, offiziell um die Differenz zwischen völlig risikolos und fast ohne Risiko. Rational ist diese Reaktion also nicht zu erklären. Die Schuldenkrisen im Finanzsystem sind seit Jahren bekannt. Für diese Erkenntnis braucht man keine Rating-Agenturen. Und wer schon grundsätzlich argumentiert: Dafür ist die Bewertung der Vereinigten Staaten durch Standard & Poors immer noch zu gut.

          Eine Erklärung für jede Entwicklung

          Solche Details interessierten aber niemanden mehr. Der Weltuntergang, gerade erst mit dem Schulden-Kompromiss im amerikanischen Kongress und den Brüsseler Beschlüssen abgesagt, nahm am Wochenende in den Medien neue Fahrt auf. Schon während der Woche hatten die Aktienmärkte weltweit Verluste gemeldet. Das erstaunt wenig angesichts der ökonomischen Probleme in der Weltwirtschaft. Warum sollen die Kursgewinne der vergangenen Monate eine realistische Beschreibung dieser Wirklichkeit gewesen sein?

          Diese einfache Frage stellte niemand, obwohl es eine plausible Erklärung der Kursverluste gewesen wäre. Allerdings fehlt ihr jede Dramatik. Die Finanzmärkte werden aber als ein solches Drama inszeniert. Sie ändern schließlich andauernd ihren Modus. Heute feiern die Akteure ihre Gewinne, morgen geraten sie wegen der Kursverluste in Panik. Ihr Handeln haben sie zwar mittlerweile an Computerprogramme delegiert. Das ändert nichts an dem Bedürfnis, eine Erklärung für jede Entwicklung finden zu müssen.

          Volatilität als Drama

          Für diese Kommentare brauchen die Marktkommentatoren die Medien. Sie sind auf sie genauso angewiesen wie Heidi Klum, wenn sie über die Malaise mit ihren Top-Models berichten will. Aufmerksamkeit ist die alles entscheidende Währung. Die Medien lauschen jedem Statement und posaunen es in die Welt. Um die inhaltliche Relevanz solcher Stellungnahmen geht es nicht. Die größte Posaune in diesem Orchester ist der Online-Ticker. Von „Spiegel online“ über das „Handelsblatt“ bis zur Regionalzeitung. Im Minutentakt wird jede Zuckung der Märkte der Welt mitgeteilt. Es herrscht das Gesetz des Mediendschungels. Wer hat als Erster die neueste Schreckensmeldung von den Märkten? Eine Minute ist in dieser Branche eine genauso lange Zeit wie an den Finanzmärkten selbst. Aktualität ist zur entscheidenden Kennziffer geworden. Die Klickzahlen sind die Währung für die Vermarktung des eigenen Online-Auftritts. Wer hat in diesem Rattenrennen die Nase vorn?

          Jedes Katastrophen-Szenario bekommt seine Plausibilität, weil es mit den Erwartungen des Publikums übereinstimmt. Es ist süchtig geworden nach Neuigkeiten. So machen die Medien aus der Volatilität eines Handelstages ein Drama, das sich bestens vermarkten lässt: +++ Dax hält sich stabil +++ +++ Dax baut Verluste massiv aus +++ +++ Dax macht Tagesverluste wieder wett +++. Das war gestern im Ticker von „Spiegel Online“ zu lesen.

          Heidi Klum agiert in gleicher Weise

          Solche Meldungen sind ohne jeden Informationswert. Die Medien werden damit zum bloßen Verstärker von Marktentwicklungen und verlieren jede kritische Distanz. Diese Logik ist nicht mehr auf die Online-Angebote beschränkt. So titelte der „Spiegel“ am Montag in seiner Druckausgabe: „Geht die Welt bankrott?“ Er liest sich wie die Vorbereitung auf das kommende Drama, das der Verlag in seinem Online-Ticker im Laufe des Tages inszeniert. Medien berichten damit nicht über die Märkte: Sie sind Teil eines gemeinsamen Geschäftsmodells geworden.

          Medien und Märkte leben in einer symbiotischen Beziehung. Das ist kein singuläres Phänomen. Heidi Klum und die Boulevardmedien agieren in gleicher Weise. Allerdings mit anderen Konsequenzen. Mittlerweile lässt sich die Politik von diesem Rattenrennen anstecken. Sie sieht sich gezwungen, auf die andauernde Inszenierung von Krisen und Katastrophen zu reagieren, weil die Medien ihre eigene Logik als Beweis für politische Handlungsfähigkeit definieren. Auf dramatische Entwicklungen werden schnelle Reaktionen gefordert, obwohl politische Entscheidungen in diesem Tempo gar nicht sinnvoll getroffen werden können. Politik braucht Zeit. Die Medien geben sie ihr nicht mehr. Die Politik droht genauso kurzatmig zu werden wie die Märkte selbst. Für den Weltuntergang ist sie allerdings auch der falsche Ansprechpartner. In einem solchen Fall stößt die Politik an ihre Grenzen. Nachzulesen dann sicherlich in einem Online-Ticker.

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