https://www.faz.net/-gqz-817iw

Böhmermanns Video-Fake : Am Mittelfinger durch die Manege

Potenz-Faker: Jan Böhmermann Bild: dpa

Ein Mittelfinger-Skandal ist dann zu Ende, wenn er die absurdeste Wendung genommen hat. Diesen Punkt hat jetzt wahrscheinlich Jan Böhmermann mit seinem Varoufakis-Fake-Video und dessen Auflösung erreicht. Kompliment.

          Über satirische Fake-Aktionen im Zeitalter der sozialen Medien kann man geteilter Meinung sein. Augenöffnende Heldentaten verbergen sich selten dahinter. Kaum etwas ist einfacher, als zum Beispiel auf Twitter einen Account unter fremdem Namen ins Leben zu rufen und – zumindest für einen gewissen Zeitraum –  Personen des öffentlichen Lebens Unsinns-Tweets in den Mund zu legen. Rechtfertigt der wie auch immer geartete Erkenntnisgewinn in solchen Fällen die allgemeine Verwirrung?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Auch ein Beitrag aus der F.A.S., der, randvoll mit ironischen Spitzen, im Mai 2012 nahegelegt hatte, das umstrittene Israel-Gedicht von Günter Grass könne in Wirklichkeit nur eine Kreation der Satirezeitschrift Titanic sein, sorgte seinerzeit als Tweet, der auf einen FAZ.NET-Teaser mit Ironiemarkern verlinkte, für einige Verwirrung – und, nach einer redaktionellen Klarstellung, auch für Verwünschungen. Eine nützliche Lektion ließ sich dieser zumindest zum Teil kalkulierten Unklarheit allemal abgewinnen: In der Regel sind die Sicherheitsmechanismen bei Medienmarken wie der Süddeutschen Zeitung, die Grass‘ Gedicht abgedruckt hatte, so gut ausgeprägt, dass Fakes kaum eine Chance haben, als Wahrheit durchzukommen.

          Solche Scherze kann sich nur das ZDF leisten

          Als Jan Böhmermann am Mittwochabend in einem Tweet mit angelinktem Beweis-Video überraschend verkündete, die Redaktion seiner Satire-Sendung „Neo Magazin Royale“ habe das in der letzten Jauch-Talkshow eingespielte Konferenzvideo, das den griechischen Finanzminister Varoufakis mit erhobenem Mittelfinger in Richtung Deutschland zeigt, gefälscht und der Öffentlichkeit untergeschoben, war daher Vorsicht geboten. Eine Vorsicht, die berechtigt war, wie sich jetzt herausgestellt hat: Böhmermanns Fake-Video war selbst ein Fake, das hat das ZDF mittlerweile offiziell bestätigt.

          Und das Video kam sehr spät, zu spät für jemanden, der einen tatsächlichen Coup auf Lager hat. Denn zum Glück ist das saubere Einfügen von falschen Gesten in Videos noch relativ aufwendig. Das entsprechende Zeit- und Geldkonto für solche Spielereien haben außer einigen auf Abwege geratenen politischen Gruppierungen mit Propaganda-Agenda wahrscheinlich nur noch der öffentlich-rechtliche Rundfunk für seine Unterhaltungsshows. Und selbst mit den Mitteln, die dem ZDF zur Verfügung stehen, hat es mehrere Tage gedauert, bis der Varoufakis-Fake im Kasten war.

          Wäre tatsächlich eine Mittelfingerunterschiebung von langer Hand vorbereitet gewesen, ähnlich wie der von der Titanic inszenierte Buntstiftschwindel des Jahres 1988 bei „Wetten dass..?“, hätten Böhmermann und seine Redaktion die Sache allein aus dramaturgischen Gründen viel früher an die Öffentlichkeit gebracht. Sie hätten nicht gewartet, bis man damit Werbung für die eigene Sendung am heutigen Donnerstagabend machen kann.

          Darstellerisch bemerkenswert

          Doch sieht man von alldem einmal ab, muss man sagen: Das Making-Of-Video von Böhmermanns Redaktion, das nun schon seit mehreren Stunden als Sendungs-Vorab im Internet unterwegs ist, hat wirklich Pfiff.  Es ist nicht nur mit viel Liebe zum satirischen Detail gefertigt und darstellerisch bemerkenswert, es löst auch eine Vielzahl von Assoziationen und Fragen aus, die man nicht so schnell los wird. Welche Botschaft hat die Aktion eigentlich für jene parat, die ihr geglaubt haben, welchen Denkanstoß können ihr jene abgewinnen, die sie von Anfang an für einen Fake hielten?

          Die interessanteste Frage aber besteht darin, ob Böhmermann durch seine Satire tatsächlich ein echter, irgendwie auch journalistischer Fang ins Netz gegangen ist. Denn ein gewisser „Yanis Varoufakis“ hat auf Twitter – das Konto ist zwar nicht bestätigt, aber schon so alt, dass es als Fake-Konto hätte auffallen müssen – vor einigen Stunden aufgrund des Böhmermann-Videos eine Entschuldigung von Jauch gefordert.

          Verlierer Varoufakis

          Allerdings könnte auch dieser Fang ein eher glitschiger Fisch sein: Macht Varoufakis, der ja als Politiker und, nach Meinung vieler, oberster Bluffer seines Landes wirklich wissen sollte, was er mit seinem Mittelfinger so alles während öffentlicher Vorträge anstellt, vielleicht bei Böhmermanns Fake einfach scherzeshalber mit – oder ist seine Selbstwahrnehmung inzwischen derart getrübt, dass er die Wirklichkeit nicht mehr von ihrer virtuellen Verformung unterscheiden kann?

          Im Grund genommen rücken ihn – immer vorausgesetzt, das zitierte Twitter-Konto ist tatsächlich echt – beide Möglichkeiten  in ein schlechtes Licht. Der erste Fall wäre dabei der interessantere. Denn der Mann ist Spieltheoretiker, und es könnte gut sein, dass er als solcher der Versuchung nicht widerstehen konnte, an Böhmermanns Fake-Spirale einfach mitzudrehen. Damit allerdings würde er endgültig unter Beweis stellen, dass er die Politik für eine Jahrmarktsveranstaltung hält.

          Und damit noch nicht genug der Böhmermannschen Ausbeute: Ganz am Rande hätte der ZDF-Unterhalter auch seinem ARD-Kollegen Günter Jauch einen eingeschenkt. Denn das macht seine satirische Überspitzung oder besser Aufblähung schön deutlich: Das Filmchen von 2013 war von Anfang an doch ein wenig zu klein für die großen Aufregung. Erst Böhmermann hat ihm Fa­çon verliehen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Missbrauchsfall Lügde : Angeklagter zu Bewährungsstrafe verurteilt

          Der Mann soll nicht direkt an dem Missbrauch beteiligt gewesen sein, sondern per Webcam zugeschaltet. Ein Gutachter hatte ihn für voll schuldfähig erklärt. Die Vorsitzende Richterin nannte die Taten „schäbig und menschenverachtend“.

          Lichtverschmutzung : Der helle Wahnsinn

          Die Nacht verschwindet und mit ihr zahlreiche Tierarten. Dabei wäre es so einfach, das Licht in den Städten zu dimmen, ohne auf Sicherheit zu verzichten. Wie der Wandel gelingen kann, führt die Sternenstadt Fulda vor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.