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„Blutadler“ im Ersten : Mörder auf Schwingen

  • -Aktualisiert am

Angemessen zerrissen: Peter Lohmeyer ist Kommissar Faber Bild: ARD Degeto/Tivoli Film/O. Feist

Spannend bis zum Schluss: Mit „Blutadler“, einer Thriller-Verfilmung nach Craig Russell, gibt sich die ARD ausnahmsweise mal knallhart und liefert einen Anti-„Tatort“ aus Hamburg.

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          In den Thrillern von Craig Russell treiben psychopathische Serienmörder ihr Unwesen. Sie sind nicht einfach gestört oder krankhaft sozial gehemmt, sondern sehen sich als Wiedergeburt des bösen Wolfs auf Spuren der Brüder Grimm, hängen dem Odinskult an und vollziehen grausame Wikingerrituale oder reisen auf den Schwingen der kriegslüsternen Walküren zu ihren Opfern.

          Tempoverlangsamende Plausibilisierungen sind die Sache des Autors nicht. Atemlos geht es in den Büchern von Hochspannungsszene zu Horrorvorstellung; düster geschildert, stockdunkel beschrieben und mit einer Psychologie, die den Täter nicht als skrupellos, sondern als amoralisches, quasi außermenschliches Wesen von übersteigertem Machtbewusstsein begreift.

          Russell ist Schotte, aber der Schauplatz seiner Thriller ist stets Hamburg. Ein fiktives Hamburg, eine abweisende Stadt, in der das Böse brütet. Sein Kommissar heißt Jan Fabel, er gestattet sich so viel Emotionen, wie es einer gebrochenen Gestalt geziemt.

          Ein auf den Effekt hin erzähltes Genre

          Sein Team besteht aus jungen Polizisten, die lieber einmal zu viel aufs Ganze gehen, als im Bürosessel zu hocken. Eine brillante Psychologin vervollständigt die Gruppe und hält sie zusammen. Keine leichte Kost, aber stimmig, wenn man das auf den Effekt hin erzählte Genre mag.

          Mit „Blutadler“ (Drehbuch: Daniel Martin Eckhart) zeigt das Erste die zweite Russell-Verfilmung, mindestens eine dritte wird folgen. Als mythisch-mystischer Thriller mit in Schwärze getauchten Nachtbildern und kühlen Großstadtimpressionen unterscheidet sich der Film allein optisch stark von den meisten Krimis, die besonders Sonntag für Sonntag als deutsche Produktionen im Fernsehen zu sehen sind (Kamera: Eeva Fleig).

          Sozialkritik? Perdu. Lange Erklärungen? „Blutadler“ neigt zum Wortkargen (schließlich ist die Hauptfigur Fabel, angemessen zerrissen verkörpert von Peter Lohmeyer, halb Schotte, halb Friese). Am ehesten hat „Blutadler“ einen nordisch-schwedischen „Look“, wie man ihn als Markenzeichen internationaler Krimis kennt. Ein Anti-„Tatort“, sozusagen.

          Merkwürdige Anschlüsse und Sprünge

          Letzteres auch in der Häufung der inhaltlichen Elemente. Neben dem Ritualmordmotiv (der Täter öffnet seinen weiblichen Opfern den Brustkorb, um die Lungen wie Schwingen über ihre Schultern zu drapieren) spielen die Politik in ihrer schmutzigen Variante, Geheimdienstdunst, die ukrainische, Türken- und Russenmafia, durchgedrehte Millionärssöhne, männliche Vernichtungsphantasien, Immobiliengeschäfte, abgetauchte Veteranen des Tschetschenienkriegs und korrupte Undercover-Polizisten tragende Rollen.

          Unter Umständen liest sich dies im Buch einfach besser weg. Im Film jedenfalls führen die Verwicklungen und Wendungen zu merkwürdigen Anschlüssen und Sprüngen.

          Die beste Figur - neben dem glitzerkalten Hamburg - macht hier ohnehin das Team um Fabel. Der Kommissar, mit dem der Serienmörder zu Beginn per SMS Machtspielchen betreibt, unterhält bei aller Professionalität eine Liebesbeziehung zur Teampsychologin Susanne Eckhardt (Marie-Lou Sellem, die man im Fernsehen viel öfter sehen möchte), Maria Klee (Lisa Maria Potthoff) ist ein ebensolcher Profi wie Fabel und irrt sich nur ganz zum Schluss schrecklich, Henk Herrmann (Hinnerk Schönemann) hat die neue Kollegin Anna Wolff (Ina Paule Klink) am Bein und verknallt sich in sie, was bei ihm zu periodisch auftretendem, teamfremdem Redeschwall führt.

          Im ersten Fall, „Wolfsfährte“, führte Urs Egger Regie, nun zeigt Nils Willbrandt, dass harte Thriller mit Gruselanleihen ein ernsthaftes Geschäft sind. No-nonsense business, faxenfrei. Übernatürlich ist hier am Ende gar nichts, spannend bleibt „Blutadler“ bis zum Schluss.

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